Als Indiz dafür, dass die Alternative für Deutschland (AfD) bundesweit eine »gesichert rechtsextreme« Partei sei, führt das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) in seinem mittlerweile durch Cicero der Öffentlichkeit zugänglich gemachten Gutachten unter anderem deren Behauptung an, die deutsche Nachkriegsgeschichte sei »nicht frei und demokratisch«, sondern von einer »systematischen Umerziehung« geprägt gewesen. Überdies setze die AfD »das gesellschaftliche und politische System der Bundesrepublik Deutschland« immer wieder mit dem der DDR oder des Nationalsozialismus gleich und stelle die Bundesrepublik solcherart »als undemokratischen Unrechtsstaat« dar. Damit attestiert das BfV den gesichert Rechtsextremen ein historisches Gedächtnis, das das Erinnerungsvermögen gesicherter Musterdemokraten an illusionsloser Genauigkeit und polemischer Insistenz weit überträfe. Denn selbstverständlich gehörte die systematische Umerziehung der Bevölkerung (Reeducation und Reorientation) wie auch der mit Billigung der westlichen Besatzungsmächte nach 1949 eingesetzten deutschen Amts- und Mandatsträger ebenso zu den Gründungsbedingungen der BRD wie die Selbsteinklammerung nationalstaatlicher Souveränität. Ein Nationalstaat wie andere westliche Nationalstaaten konnte die alte BRD nicht nur darum niemals sein, weil die Teilung und damit die doppelte Zugehörigkeit Deutschlands zum westlichen und zum östlichen Block solche Souveränität unmöglich machte. Wichtiger noch war, dass die Anerkennung der Bundesrepublik als verlässlicher Partner der westlichen Staaten und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Israel – unausgesprochen, aber für jedermann offenkundig – die freiwillige und langfristige Dämpfung nationalstaatlicher Ambitionen voraussetzten. Deshalb agierte das bundesdeutsche Außenministerium nicht nur in der Ära Adenauer, sondern auch danach weit weniger aktivistisch als im wiedervereinigten Deutschland. Ein Blick auf die habituellen Unterschiede, die zwischen dem diplomatischen Gestus Heinrich von Brentanos (CDU), Walter Scheels oder auch Hans-Dietrich Genschers (FDP) und der anarchomäßigen Pampigkeit Joschka Fischers und grundlos selbstbewussten Hohlköpfigkeit von Annalena Baerbock bestehen, verdeutlicht die historische Kluft und damit das Maß an Geschichtsvergessenheit, das die heutige linksgrüne Außenpolitik prägt.
Außenpolitik meinte in der BRD der fünfziger Jahre vor allem diplomatische und politische Gesten des verlässlichen Bekenntnisses zur Westbindung seitens eines Staates, dessen bloße Existenz angesichts seiner jüngsten Vergangenheit alles andere als selbstverständlich war. Deutsche hatten das barbarischste Verbrechen der Zivilisationsgeschichte verübt und konnten, wenn sie wieder an den Westen Anschluss finden wollten, dort nicht Gleiche unter Gleichen sein, sondern mussten – nicht aus falsch verstandener Unterwürfigkeit, sondern aus historischer Dezenz heraus – am Katzentisch Platz nehmen. Umgekehrt war die bundesdeutsche Innenpolitik der Fünfziger aufgrund des administrativen Einflusses der Westalliierten in einer Weise unmittelbar außenpolitisch konstituiert, dass die Herstellung und Aufrechterhaltung »innerer Sicherheit« geradezu eins war mit der bis in den Alltag hinein demonstrierten Loyalität gegenüber der westlichen politischen Ordnung. Wenn rechts-, aber auch linksextreme Gruppen diesen Tatbestand als Ausdruck einer wahlweise amerikanischen oder zionistischen westlichen »Fremdherrschaft« über die kastrierte deutsche Mittelmacht deuten, ist das daher zwar ideologisch, aber wie jede Ideologie nicht einfach falsch. Auch die pikiert vorgetragene Skepsis gegenüber demokratischen Institutionen und die Vergleiche des »Regimes« der bundesdeutschen »Kartellparteien« mit der DDR oder dem Nationalsozialismus sind angesichts der Tatsache, dass führende Nationalsozialisten den NS-Staat als »wahre Demokratie« bezeichnet haben und die DDR die Demokratie ebenso wie die Republik kontrafaktisch in ihrem Namen trug, keineswegs weit hergeholt. Mit Vergleichen zwischen der bundesrepublikanischen Demokratie und diversen Totalitarismen waren in der alten BRD ohnehin weder Politiker noch Philosophen besonders zimperlich. Theodor W. Adorno galten die Studenten angesichts der am 30. Mai 1968 vom Bundestag verabschiedeten Notstandsgesetze und der Ressentiments der Bevölkerung gegen sie als Juden von heute; für Franz Josef Strauß war sein sozialdemokratischer Kontrahent Herbert Wehner wegen dessen früherer KPD-Mitgliedschaft ein kommunistischer Staatsfeind; grüne Strickpulliträger haben, als sie noch nicht jeden, der sie veräppelte, vor Gericht bringen wollten, Konservative als Nazis und Christdemokraten haben Grüne als Gammler beschimpft. KZ-, HJ- und Gulag-Vergleiche waren an der Tagesordnung, ohne dass irgendjemand die zivilgesellschaftliche Sittenpolizei gerufen hätte, denn es existierte ein nuancenreiches Spektrum politischer Invektiven von der Zuspitzung und Übertreibung über die Schmähung und Beleidigung bis hin zur Verhöhnung und Verarschung, das Minister ebenso wie Hinterbänkler nicht nur verstanden, sondern auch zu gebrauchen wussten. Systemtheoretische und wissenssoziologische Studien wie Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit von Peter L. Berger und Thomas Luckmann (1969) oder Niklas Luhmanns Macht (1975) spiegelten in ihrer Neigung zum Taktisch-Deskriptiven, zur bloß verdoppelnden Beschreibung herrschender Interaktions- als Machtverhältnisse eine mittelständische Konsolidierung und saturierte Selbstgenügsamkeit wider, in der Stilbrüche, Beleidigungen und sogar Lügen eher als zeitweilige Betriebsstörungen denn als demokratiezersetzende Subversionen galten.
Insofern ist es bemerkenswert, dass die Grünen, die von der Duldsamkeit gegenüber habituellen Provokationen am meisten profitiert haben, heute auf Polemik besonders unduldsam reagieren. Doch auch alle übrigen »Brandmauer«-Parteien behandeln die Mitglieder der größten Oppositionspartei wie Schießbudenfiguren, auf deren Anfragen und Kritik ernsthaft zu antworten für überzeugte Demokraten eine Zumutung wäre. Überhaupt gelten Witz- und Geistlosigkeit den fanatischen Verteidigern »unserer Demokratie« offenbar als deren wichtigstes Charakteristikum. Statt die eigene Überheblichkeit wie einst Helmut Kohl durch eine Art selbstgefälliger Selbstironie einzuklammern, bringt man Spott niemals, wie es naheläge, für sich selbst und füreinander, sondern immer nur für »die Rechten« auf, wodurch er zum schalen Hohn herunterkommt, dem statt nonchalanter Ironie nur noch der auftrumpfende Stolz auf die eigene Blödheit gegenübersteht. Mentalitätsgeschichtlich verdankte sich der politische Witz der alten Bundesrepublik, egal ob er die Form einverständiger Neckerei, bloßstellenden Spotts oder unfreiwilliger Komik annahm, jener politisch erzwungenen und im Bedürfnis nach internationaler Anerkennung selbstauferlegten Einklammerung nationaler Souveränität. Dieser Ursprung machte den Unterschied zum pompösen diplomatischen Geplänkel des französischen Republikanismus und erst recht zum freimütigen Absurdismus des britischen Unterhauses aus: Loriot ist und bleibt nicht John Cleese, sondern Vicco von Bülow mitsamt der in ihm verkörperten unangenehmen Lebens- und Sozialgeschichte.
Die Klemmigkeit, Verstocktheit, das Kalauernde statt Destruktive, das Halbgare solchen Witzes hatte also seine eigene historische Genesis, wie überhaupt jede Spur von politischem Geist und Witz in der Geschichte der alten Bundesrepublik sich solch historisch erzwungener und gleichzeitig freiwilliger Selbstdistanz, dem Bewusstsein um die Widersprüche und Unmöglichkeiten der eigenen Staatlichkeit verdankte. In der rechtsidentitären Obsession mit dem Motiv vom »Vasallenstaat« Deutschland wird dieses Erbe ins notwendig humorlose Ressentiment gewendet. Dass aber zumindest den wenigen wirklich Konservativen (und das heißt: Prowestlichen und Proisraelischen) unter den AfD-Politikern mittlerweile in der Rede und im Gespräch bessere Pointen gelingen als dem bestenfalls versehentlich komischen Regierungspersonal, dürfte damit zusammenhängen, dass jenen solche Widersprüche und Unmöglichkeiten anders als morallinken Knalldeppen, die sich im besten Deutschland aller Zeiten wähnen, immerhin bewusst sind.

