Leidenschaftliche Lustlosigkeit

Über Asexualisierung und die Erregung über »sexuelle Verwahrlosung«
Nur gucken, nicht anfassen: Übung in leibloser Laszivität. Foto: Icsilviu via Pixabay.

I.

In einem seiner letzten Werke notierte der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch 2013 zum Stand der Sexualität in westlichen Gesellschaften: »Alle können alles machen, doch viele erleben gar nichts.«1Volkmar Sigusch: Sexualitäten. Eine kritische Theorie in 99 Fragmenten, Weinheim 2013, 530. Heute spricht man im angloamerikanischen Raum bereits vom »Sex strike« oder einer »sex recession«, die zwar unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen besonders verbreitet, aber letzten Endes ein gesamtgesellschaftliches Phänomen seien. Was bei älteren Menschen noch halbwegs erklärbar erscheint, macht bei jungen Erwachsenen einen rätselhafteren Eindruck: Sexuelle Erfahrungen beginnen immer später, flüchtige sexuelle Begegnungen nehmen ab, die Zahl der jungen Erwachsenen, die innerhalb ihres letzten Lebensjahres kein einziges Mal Sex hatten, hat sich seit 2010 auf vierundzwanzig Prozent verdoppelt – dass überhaupt die Maxime der Risikovermeidung den Vorrang zu haben scheint vor jenem selbstvergessenen, promiskuitiven Hedonismus, den man früher nie müde wurde, als charakteristisch für junge Leute anzusehen, spricht dafür, dass sich Grundlegendes in der sexuellen Praxis verändert hat. Der Eindruck ist: Auf die Befreiung der Sexualität folgt nun die Befreiung von der Sexualität, weil man bis zur Erschöpfung auf- und abgeklärt ist. Es gibt keine erotischen Geheimnisse mehr, die es zu lüften gäbe. Jede Mühe scheint nur zu mehr Frust zu führen. Vom »Zölibat als Massenphänomen« ist die Rede – eine Entwicklung, die in Japan, wo »Sexlosigkeit, Asexualität und Genderfluidität […] in der Mitte der Gesellschaft angekommen« sind, sogar noch weiter fortgeschritten ist als in Europa und Amerika.

Was im Gegensatz zur sexuellen Lust im Westen nicht nachzulassen scheint, ist die Skandalsucht, die auf permanenter Pirsch nach Fehltritten und Anrüchigkeiten ist. Auch abgesehen von ordinären Promi-Kolportagen und einer Netz-Öffentlichkeit, die sich lüstern auf jeden stürzt, der mit unsicheren Flirts, unangenehmen Annäherungsversuchen oder lächerlichen Altherren-Sprüchen aufgefallen ist, wird dieses Bedürfnis offensichtlich immer raumgreifender. Auf der App Tea Dating Advice, einer Plattform mit Dating-Tipps, kann man Bilder vom nächsten Dating-Partner posten, um zu recherchieren, was die lokale Gerüchteküche hergibt. Falls es dann vorher schon irgendwelche Red Flags gibt, kann man sich das Date gleich sparen. Wenn man gezielt nach Dreck sucht, findet man ihn auch – das wussten Saubermänner und -frauen aller Couleur schon immer.

Attribute wie verdorben, abartig, krankhaft oder pervers hat man zwar weitestgehend hinter sich gelassen – das Ressentiment, das den Sittenverfall hinter jeder Ecke wittert, hat sich deswegen aber nicht in Luft aufgelöst. Man spricht zwar nicht mehr von »unnatürlichen Praktiken«, hält aber an einer Vorstellung »gesunder Sexualität« fest, die man den jeweils gerade beliebten Verfallserzählungen entgegensetzt. Die Palette an Schreckens-Termini zur Beschreibung vermeintlicher Degeneration ist breit: Pornographisierung, Früh- oder Hypersexualisierung, sexuelle Verwahrlosung. Die Welt titelte Anfang des Jahres unter dem Schlagwort »Sexuelle Verrohung« mit dem Zitat einer Therapeutin: »Was früher als Hardcore wahrgenommen wurde, gilt heute als Blümchen-Sex«. Dass sich Sexualität, auch da, wo sie vermeintlich starrer Normalität verpflichtet ist, wandelt, dass beispielsweise Anfang des 20. Jahrhunderts Oralsex noch als Hardcore galt, kommt denen nicht in den Sinn, die in vermeintlich aufklärerischer Absicht mit einem überzeitlichen Begriff »gesunder Sexualität« hantieren, statt ihn volkspädagogischen Sexualkunde-Ratgebern zu überlassen.

Auch wenn die Klagen über »sexuelle Verwahrlosung« schon immer einer kollektiven Hysterie gleichkamen, also Bedürfnissen und Angstzuständen entsprangen, die weitgehend losgelöst von der gesellschaftlichen Wirklichkeit existierten, so traten diese wenigstens noch gleichzeitig mit kulturellen Liberalisierungsprozessen auf, die für entsprechenden Unmut sorgten. Die Reaktionen darauf waren also zwangsläufig verzerrt und überdreht, aber immerhin rückgebunden an gesellschaftliche Entwicklungen, die ihnen widersprachen und sie so befeuerten: Die jeweilige Prüderie und Dekadenzpanik entsprachen komplementär wirklich vorhandenen sexualpolitischen Fortschritten. Wenn jedoch heute immer noch von Verrohung und allen möglichen sexuellen Verfallserscheinungen die Rede ist, wird übergangen, dass zumindest in den beiden relativ jungen Generationen, die man Millennials und Gen Z getauft hat, Einstellungen vorherrschen, die recht gut mit einem Weltbild zusammengehen, in dem die »gesunde Sexualität« permanent von perversen Abweichlern (je nach politischem Geschmack wahlweise: Transvestiten und Drag Queens, Sadomasochisten, Pornographie-Konsumenten, Prostituierte und Freier, Pädophile, Sexualstraftäter) und allerlei Unzulässigkeiten bedroht ist. In den Debatten über Konsensmoral, Altersunterschiede in sexuellen Verhältnissen, erotische Darstellungen in den Medien und Sexualverbrechen drückt sich eine Unlust aus, die mit zunehmender Skepsis gegenüber Sexualität überhaupt und den Gefahren und Unwägbarkeiten, die damit einhergehen, verbunden ist.

Von der Wollust zur Wohllust

Was gesunde Sexualität überhaupt sein soll, fragte sich auch Volkmar Sigusch über Jahrzehnte hinweg und hielt schon in den Achtzigern fest, »dass das gesunde und glückliche und anständige Sexualleben in unserer Kultur seit Jahrhunderten die Ideologie seiner Verhinderung ist.«2Volkmar Sigusch: Anti-Moralia. Sexualpolitische Kommentare, Weinheim 2022, 156. Sich auf Natur und Anstand berufende Idealisierungen des Sexuellen seien auch deswegen destruktiv, weil sie der Komplexität menschlicher Sexualität nicht gerecht würden:

»Alle Sphären des Sexuellen […] bilden eine Einheit: die des ungelösten Widerspruchs. Weil der Widerspruch aus allgemeinem Grund ungelöst ist, ist keine in sich harmonische Möglichkeit des Sexuellen zu erkennen. […]. Insgesamt bleibt zu kritisieren, was ist, so wie es ist, ohne den Anschein zu erwecken, wir wüssten, wie ein ›richtiges‹ Sexualleben beschaffen wäre.«3Sigusch: Sexualitäten, 13.

Siguschs vor allem an Theodor W. Adorno geschulter Ansatz verfährt deswegen negativ: Herauszuarbeiten ist nicht, was normativ zu etablieren wäre, sondern das, was verfehlt wird – ohne in Anspruch zu nehmen, zu wissen, wie eine gesunde, gereinigte Sexualität denn auszusehen habe. Für Sigusch, in dieser Hinsicht freudomarxistisch geprägt, lag das vor allem in der Vermittlung zwischen bestehender Gesellschaft und Sexualität begründet:

»So wie nicht verlangt werden kann, die Menschen sollten aus der Welt der Ware heraustreten oder sich auch nur von der Schönheit und dem Glanz der käuflichen Dinge nicht mehr anreizen lassen, so kann nicht verlangt werden, die Menschen sollten im Sexualleben das gerade Gegenteil von dem verwirklichen, was ihnen im allgemeinen Leben allgemein versagt ist.«4Volkmar Sigusch: Die Mystifikation des Sexuellen, Frankfurt am Main 1984, 106.

Das ist einerseits als Absage an die forcierte Befreiungsrhetorik der Achtundsechziger zu verstehen, die, so verständlich sie als Reaktion auf die biedere Sexualmoral der Vorgängergenerationen auch war, nach Sigusch nur mit neuen Zwängen aufwartete. Was vorher verteufelt wurde, sollte nun zum Vehikel der Utopie werden: eine Beglückungsfantasie, die auf dem Glauben beruht, dass das Richtige im Falschen doch möglich sein müsse. Andererseits stehen Siguschs Ausführungen für eine sich bis in sein Spätwerk ziehende antinormative Tendenz, die zwar ohne die Psychoanalyse nicht denkbar wäre, sich gleichzeitig aber immer weiter vom Konservatismus Sigmund Freuds entfernt hat. Bei Sigusch scheint zumindest impliziert zu sein, dass das sexuelle Leben der Einzelnen befreit sein könnte, wenn man der kapitalistischen Gesellschaft den Garaus machen würde. Insofern hat Sigusch sich von der freudschen Annahme der konstitutiven Konflikthaftigkeit des Sexuellen entfernt.5Dieser theoretische Einschlag ist mit Sigusch, der 2023 verstorben ist, aus der Sexualwissenschaft verschwunden, was trotz aller Kritik am Freudomarxismus ein herber Verlust ist. Sein Institut für Sexualwissenschaft war bereits 2006 geschlossen worden. Was von der kritischen Sexualwissenschaft übrig ist, bewegt sich inzwischen weitgehend auf den Pfaden der Queer Theory, siehe u.a. die Schriften von Heinz-Jürgen Voß. Aus der Einsicht, dass Sexualität gesellschaftlich vermittelt ist, schließt Sigusch, dass ihre Widersprüche einer antagonistischen Gesellschaft entspringen und demzufolge eine versöhnte Gesellschaft auch die Widersprüche aufheben könnte: Der Widerspruch ist hier Ausdruck eines Mangels, weniger Movens eines möglichen Fortschritts. Trotz dieses Trugschlusses hat er wie kein zweiter herausgearbeitet, was den Strukturwandel der Sexualität seit den achtziger Jahren kennzeichnet.

Was Sigusch als »neosexuelle Revolution« beschrieben hat, entspringt der tendenziellen Abkoppelung von Reproduktion und Sexualität in westlichen Gesellschaften, geht aber schlussendlich weit darüber hinaus. Es findet ein Übergang von der Vorstellung befreiender, wollüstig-stürmischer Sexualität zur sogenannten Wohllust, also zu Formen selbstzentrierter, zerstreuter und pluralisierter Sexualität, statt. Sigusch gab sich vor allem in seinem Spätwerk merklich Mühe, die neosexuellen Zerfallstendenzen einigermaßen gutmütig zu beschreiben – was zwangsläufig misslingt: Zwar erkannte er in all dem auch längst überfällige Liberalisierungen und Lockerungen gesellschaftlicher Zwänge und Moralvorstellungen, gleichzeitig vermerkte er aber, dass Sexualität nun anhand der Koordinaten Selbstliebe, Selbstoptimierung und Selbstdisziplinierung, also im Grunde anhand von narzisstischen Kriterien, organisiert wird. Sie sei nicht mehr »die große Metapher des Rausches, des Höhepunktes, der Revolution, des Fortschritts und des Glücks«,6Volkmar Sigusch: Neosexualitäten. Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion, Weinheim 2005, 8. sondern kommerzialisiert, banalisiert und integriert – überhaupt seien der Genuss der selbstgenügsamen Zurschaustellung und die asketische Vorsicht gegenüber der potenziellen Entgleisung seitdem wichtiger als spontanes Hingerissensein oder die Möglichkeit, sich fallen zu lassen: Ego geht vor Eros. Entsprechend marktförmig und durch mediale Raster gefiltert bahnen sich die verbliebenen erotischen Zusammentreffen heute über passgenau zugeschnittene Dating-Apps an. Man behilft sich mit Persönlichkeits-Typisierungen, Sternzeichen-Matches und dem Abgleichen der Listen von Vorlieben und Abneigungen.

Sigusch beschrieb schon Mitte der Zweitausenderjahre Tendenzen, die erst heute zu voller Blüte gelangt sind: Die Zergliederung der sexuellen Sphäre, im Verbund mit der Begeisterung für neue »flüssige« Identitäten, und die Konvergenz von Sexualität und Narzissmus prägen die Gegenwart. Masturbation beispielsweise ist inzwischen kein Ersatz mehr für den eigentlichen sexuellen Akt, sondern eine eigenständige Praxis, die in Form von Sexspielzeug ein eigenes Marktsegment geschaffen hat und für viele Menschen auch zur einzigen gelebten sexuellen Erfahrung wird. Bestenfalls findet man sich noch im Internet zusammen und übt sich in leibloser Laszivität. Sigusch sprach schon früh vom Cybersex-Trend, lange vor Onlyfans oder Sexting auf Snapchat, und benannte die »postfordistisch-neoliberalen Neosexuellen« als diejenigen, die die »heteronomen Anforderungen der Allgemeinheit […] so verinnerlicht [haben], dass sie ihnen als autonom erscheinen.«7Sigusch: Sexualitäten, 231.

Heute stimmen fast alle in das Hohelied der sexuellen Vielfalt ein. Das Resultat ist jedoch kläglich: Von der hohen symbolischen Bedeutung des Sexuellen als ekstatische Erfahrung bleibt die von jeder Erotik bereinigte Nabelschau, und die Diversifizierung erweist sich in der Realität als Vereinzelung – manche Ausführungen Siguschs lesen sich geradezu prophetisch:

»Das Erotische wird zerstückelt und erstarrt zur Sache. […] Dem radikalen Feminismus ist der Mann schlechthin geil, impotent und gewalttätig. Die kleinen Mädchen und inzwischen auch die kleinen Jungen werden prinzipiell sexuell missbraucht. Das Verhältnis von Mann und Frau scheint brückenlos zu sein. Hinter Manie und Depression liegt eine Apathie, ein Totgestelltsein, das den Individuen nicht mehr zugerechnet werden kann. Das Verhältnis von Mensch zu Mensch scheint endgültig aporetisch geworden zu sein. Das gemeinsame Ziel der momentanen Diskurse heißt, liebenswürdig formuliert, Sexualdemokratie. Ein Grauen.«8Sigusch: Sexualitäten, 54.8

II.

Heute betrachtet man das Sexuelle immer öfter als »Tatort von Unfreiheit, Ungleichheit und Aggression«9Ebd., 29 und spricht damit eine Halbwahrheit aus, denn all das kann selbstverständlich Teil sexuellen Erlebens sein. Der Kern des Problems ist viel eher, dass alle ambivalenten und als negativ wahrgenommenen Anteile des Sexus, wenn schon nicht verdrängt, so doch abgespalten werden, nur um schließlich in den entsprechend erregt geführten Debatten wiederzukehren. Falsch ist demnach nicht die fehlende Idealisierung des Sexuellen, sondern dessen Parzellierung in moralisch unterschiedlich gewichtete Segmente: hier die ungehobelte Vögelei, da die echte Intimität, die sich etwas auf ihre Höherwertigkeit einbildet. Hierbei gälte es, an Sigusch anzuschließen: Verlogen wäre es, den Abgründen der »sexuellen Verwahrlosung« die »gesunde Sexualität« gegenüberzustellen, als ob nicht in jedem sexuellen Begehren das Potenzial läge, in die destruktivsten Tiefen oder in die himmlischsten Höhen vorzudringen. Gesund ist an menschlicher, nicht allein auf Reproduktion ausgerichteter Sexualität erst einmal gar nichts, denn selbst wo sie zeitweise befriedigend ist, kann sie verwirren, destabilisieren oder manisch-zwanghafte Züge annehmen. Darin liegt ihr Reiz, der zugleich ihr Risiko ist: Nur wer sich preisgibt, kann sein sexuelles Glück im anderen finden – ein Gedanke, der heute zunehmend Bangnis hervorruft.

Von Freuds Beschreibung der sexuellen Urszene beziehungsweise -fantasie könnte man um die aggressiven Triebanteile wissen, die der Sexualität von Anfang an nicht zu Unrecht zugeschrieben werden, ebenso wie man heute wieder an seine Einsicht, dass es keine reine, nicht-perverse Sexualität gibt, erinnern müsste. Die Unlust an der Sexualität wächst also mit dem abnehmenden Bewusstsein um die konstitutive Ambivalenz und Intransparenz jeder menschlichen Sexualität. Wo dieses Phänomen noch im Rückgriff auf die Psychoanalyse oder Georges Batailles Überlegungen zur Erotik betrachtet wird, entstehen auch heute noch interessante Untersuchungen zur Sexualabstinenz in identitätszentrierten Zeiten: Die Autoren Oliver Davis und Tim Dean haben in ihrem Buch Hatred of Sex erst vor wenigen Jahren argumentiert, dass die Sexualunlust nicht das rationale Produkt gesteigerter Sensibilität gegenüber Konsensmoral und Risikobewusstsein sei, sondern dass diese Entwicklungen selbst eine läppische Reaktion auf den undurchschaubaren, irrationalen und potentiell intensives Unbehagen auslösenden Charakter von Begierde und Leidenschaft sind. Mit dem inflationären Gewese um »sexuelle Identitäten« vertrage sich der Sexus schon gar nicht:

»Sex untergräbt Identität. Das zeitgenössische Mantra der ›sexuellen Identität‹ ist aus psychoanalytischer Perspektive eine begriffliche Farce. Man kann nicht zugleich dem Unbewussten und der Identität das Wort reden; sie schließen einander kategorisch aus. Das psychoanalytische Unbewusste besagt nichts weniger als die Unmöglichkeit jeder Identität überhaupt. In diesem Licht erscheinen unsere so eifersüchtig gehüteten Identitäten als panische Abwehrformationen gegen die Polymorphie der Lust.«10Oliver Davis, Tim Dean: Hatred of Sex, Durham 2021, 32. [eigene Übersetzung]

Die Unlust beruht also auch auf der Erfahrung, dass Sexualität jene Ich-Anteile bedroht, die einem als gewiss und sicher erscheinen. Sich selbst auf die inzwischen in unzähligen Varianten vorliegenden »sexuellen Identitäten« zu reduzieren, ist heute eine beliebte Möglichkeit, mit diesem Spannungsverhältnis umzugehen – oder besser wohl: es zu umgehen. Was es überhaupt für einen Nutzen haben soll, sich als demisexuell (körperliche Anziehung erst gegeben, wenn man emotional involviert ist) oder pansexuell (sexuelle Anziehung unabhängig von Geschlecht oder Geschlechtsidentität) zu bezeichnen, da es sich bei ersterem um eine alles andere als minoritäre Disposition und keine »Orientierung« handelt, und bei letzterem um eine diffuse und deswegen umso unnötigere Selbstzuschreibung zur Versinnbildlichung der Weite des eigenen Horizonts, bleibt offen.11Es sei der Vollständigkeit halber erwähnt, dass es auch kein Zufall ist, dass die »klassische« Homosexualität vor diesem Hintergrund immer mehr verdrängt wird zugunsten aseptischer »Queerness«. Historisch war Homosexualität – auch wenn das viele Homosexuelle heute selbst nicht mehr wahrhaben wollen – immer mit Erscheinungen verbunden, die stark verpönt waren und sind: Sexuelle Beziehungen über Generationengrenzen hinweg, riskantes Sexualverhalten, bewusste Hingabe an Triebhaftigkeit und Promiskuität.

Das alles ist aber ohnehin keine Lösung, sondern verlagert das Problem nur. Denn trotz aller Aufgeklärtheit, die man heute vor sich herträgt, liegt offenbar sehr vieles im Argen. Zu den Gegenwartssymptomen im Umgang mit Sexualität gehört es, dass man zusehends glaubt, man könne alles, was da im Argen liegt, ordnen, neutralisieren und desinfizieren, obwohl das Chaotische und Aufwühlende des Sexus von Anfang an in ihm angelegt ist – zumindest, wenn man sich nicht von zentralen psychoanalytischen Einsichten lossagt: »Wenn im sexuellen Akt zahlreiche Aspekte der frühen Beziehung zu unseren primären Bezugspersonen erneut in Szene gesetzt, weitergeführt und affektiv bearbeitet werden, ist ein Machtgefälle unvermeidlich – denn so begann unser Leben.«12Darian Leader: Is It Ever Just Sex?, London 2021, 239. [eigene Übersetzung] Die Konflikthaftigkeit des Sexuellen lässt sich nicht exorzieren, auch nicht in neosexuell umstrukturierten Zeiten. Insofern ist die komplette Stilllegung sexueller Aktivität theoretisch der gangbarste Weg, um seine Ruhe zu haben.

Sicherheit statt Spannung

Praktisch wird das Ungleichmäßige, Raue und Unkalkulierte jedoch selbst da ersehnt, wo man es neutralisieren will. Auch in asketisch-prüden Zeiten lässt das Interesse an intimen Klatschgeschichten, sexuellen Verfehlungen und den geheimen Obszönitäten und Vorlieben der anderen nicht nach, sondern nimmt eher zu: »Was begehrt wird, wird bekämpft«13Sigusch: Neosexualitäten, 170. und jenen, »die die Perversen denunzieren, ist offenbar nicht bewusst, dass sie das wünschen, was sie so laut verleugnen und verfolgen. Sie reagieren so abwertend, weil sie dunkel ahnen, dass sie all das, was die Perversen erleben oder krankhaft tun müssen, vom sexuellen Rausch bis hin zum lebensbedrohlichen Ich-Zerfall, selbst erlebten oder täten, wenn in ihrem bisherigen Leben nur eine Weiche anders gestellt worden wäre.«14Sigusch: Sexualitäten, 457.

Trotz aller Versuche der restlosen Integration, trotz aller Trivialisierungen und Anstrengungen, das Sexuelle als erholsame, gesundheitsfördernde Freizeitaktivität, die zum Leben dazu gehört und die man selbst in der Hand hat, zu verniedlichen, bleibt die ängstliche Ahnung, dass die Sexualität »eher zu den extremen als zu den normalen Erfahrungen des Menschen«15Susan Sontag: Kunst und Antikunst. 24 literarische Analysen, Frankfurt a.M. 1982, 71. gehört und eher auf Verausgabung zielt als auf Selbsterhaltung. In ihrem Essay Die pornographische Fantasie schrieb Susan Sontag 1967 einige grundlegende Gedanken zur menschlichen Sexualität nieder, die heute noch genauso triftig sind wie damals. Es ist nur zu vermuten, dass folgende Ausführungen nach wie vor nicht unkontrovers wären – nicht obwohl, sondern weil man versucht, der Sexualität heute ihren Stachel zu nehmen und sie sauber zu klassifizieren in gesunden Normgeschlechtsverkehr und Verwahrlosung, Asozialität und Rohheit. Sontag schrieb: Die menschliche Sexualität sei

»eine der dämonischen Mächte im menschlichen Bewusstsein, eine Macht, die immer wieder verbotene und gefährliche Wünsche in uns weckt, vom Verlangen, einem anderen Menschen willkürlich Gewalt anzutun, bis zu der wollüstigen Sehnsucht nach der Auslöschung des eigenen Bewusstseins, ja selbst nach dem Tode. […] Jeder hat schon einmal (zumindest in der Fantasie) den erotischen Zauber der physischen Grausamkeit erlebt, und jeder kennt den erotischen Reiz, der von Dingen ausgehen kann, die im Allgemeinen als niedrig und abstoßend empfunden werden.«16Ebd., 71 f.

In der Verleugnung dieser Einsichten zugunsten eines kindlichen Phantasmas von unschuldiger Sexualität, in der Realität und (unbewusste) Fantasien zu makelloser Deckung kommen, liegt der Grund dafür, dass Erscheinungen sexuellen Elends und sexueller Gewalt aller Art, die es in liberalen Gesellschaften zwangsläufig gibt, für größere Empörung sorgen als Berichte über die restriktive Sexualmoral islamischer Gesellschaften. Während der angebliche Sittenverfall im Westen dann ein Beweis dafür sein soll, dass die Fäulnis bis ins Innerste der verdorbenen Gesellschaft reicht, bewundert man auf der anderen Seite die absolute Unfreiheit in Form von scheinbarer Sittsamkeit: Die nagenden Widersprüche scheinen hier endlich getilgt zu sein, die Sexualität ist nicht entblößt, sondern klar strukturiert. Dass diese angebliche Bescheidenheit ihre Kehrseite hat, weiß jeder, der sich traut, hinzuschauen. Nur in Milieus, in denen der Zugriff des einen Geschlechts auf das andere institutionalisiert und selbstverständlich geworden ist, sind Phänomene wie die islamischen Grooming Gangs in Großbritannien möglich. Hier muss gar nicht erst ein auf gegenseitige Lust hinzielender Umgang mit den Erschütterungen des Sexuellen gefunden werden: Im Diesseits herrschen Verbot, Geschlechter-Apartheid und Impulsentladung, im Jenseits erwartet den Mann das »Paradies als Pornotopia«.17Thomas Maul: Sex, Djihad und Despotie, Freiburg i.Br. 2010, 62. An die Stelle sexueller Spannung tritt der karge Vollzug. Dagegen mutet eine westliche Sexualmoral, die wirklichkeitsgerecht den Schein der sexuellen Zivilisierung bejaht, auch wenn diese Einhegung nie ganz gelingen kann, verlogen an. Dass die westliche Denkungs- und Lebensart keine Sicherheit garantierenden Zwangslösungen zu bieten vermag, kreidet man ihr an. Die Sehnsucht nach Züchtigkeit hat auch deswegen ihre nichtmuslimische Gefolgschaft: Was für den durchschnittlichen Moslem in der »westlichen Schlampe« repräsentiert ist, darüber rümpft man auch im Westen mitunter die Nase und arbeitet so auf die Angleichung der Feindbilder hin. Je rapider die Freizügigkeit im sich langsam aufgebenden Westen ins Abseits gedrängt wird, desto mehr nimmt man sie als nuttig und dekadent wahr.

III.

Bruce Benderson, der jüdisch-amerikanische ­Schrift­­steller der eigentlich als Verfasser schwuler Untergrund-Romane bekannt wurde, schrieb in seinem bemerkenswerten Essay Sex and Isolation über seine Jugend im Amerika der fünfziger und frühen sechziger Jahre:

»Anders als im Informationszeitalter, in dem ich heute lebe, waren diese Welten nicht durch den obersten Wert der Offenlegung vermittelt. Und genau dieser Wert – die Offenlegung – stellt den eigentlichen Triumph der pro­tes­tan­tischen Ethik dar. […] Zu jener Zeit jedoch blieben viele libidinöse Erfahrungen unartikuliert. An der Oberfläche der kleinen städtischen Gemeinschaft herrschten Kon­ven­tion, Disziplin und Vorurteil. Doch nicht zuletzt, weil räumliche Strukturen so viele Gelegenheiten für tatsächlichen Kontakt boten, […] war mein Leben im Amerika der Zeit vor den Siebzigern heimlich exzentrisch; es verfügte über zahlreiche dunkle Winkel für Fehlverhalten. Es gab einen Busbahnhof, an dem Jugendliche mit cruisenden Männern experimentieren konnten. Es gab große, altmodische Bibliotheken mit unbeaufsichtigten Ecken.«18Bruce Benderson: Sex and Isolation, New York 2013, 17 [eigene Übersetzung].

Anachronistischer könnte ein Text heute kaum anmuten: Nicht nur, dass Benderson Sexualkontakte zwischen Erwachsenen und Jugendlichen nicht pflichtschuldig verurteilt und das Vorhandensein von geheimen Orten für exzentrisches Fehlverhalten gutzuheißen scheint; seine Ausführungen deuten auch darauf hin, dass frühere sexuelle Normen noch Refugien und Freiräume ließen, auch wenn die dort gemachten Erfahrungen dann für immer im Geheimen verblieben. Dass junge Erwachsene heute so oder so nicht mehr in altmodischen Bibliotheken anzutreffen sind,19Dass Benderson hier salopp einen Zusammenhang zwischen heimlicher Lust und Bibliotheken herstellt, verweist auf das Ineinander von Sexualfeindlichkeit und Antiintellektualismus. In Zeiten, in denen der lüsterne Universitätsprofessor zum Feindbild nicht nur auf dem US-Campus geworden ist, darf an die Verbindung zwischen Anziehungskraft und Intellekt nicht erinnert werden. Es gibt allerdings auch für beginnende Studenten keinen Raum mehr für solche Erfahrungen, weil Professoren und Erstsemester heute in den meisten Fällen von vornherein sprachlich und ideologisch gleichgeschaltet, aber dafür topographisch voneinander separiert sind, da es immer weniger Orte (z.B. studentische Cafés) gibt, in denen sie einander unreglementiert begegnen können. geschweige denn an anderen Orten, die nicht als Kulisse zur Social Media-Selbstinszenierung dienen, erübrigt sich zu sagen – auch die Vorstellung, man mache in seiner Jugend zaghafte, möglicherweise auch nicht-gelingende libidinöse Experimente, scheint antiquiert angesichts einer Sexualmoral, die sich Sex nur noch als in juristischen Begriffen beschreibbaren körperlichen Tauschakt vorstellen kann.

Die Termini sexueller Devianz haben sich jedenfalls mit dem Verschwinden der Privatsphäre und der freien, nicht-dokumentierten Öffentlichkeit gewandelt: Was früher das Begriffspaar Sünde und Beichte, später dann Perversion und Toleranz bezeichnete, ist heute zur Grenzüberschreitung geworden. Diese jedoch ist nicht einfach eine Lappalie, eine je nach konkreter Situation zu handhabende Unannehmlichkeit, sondern ein über den Charakter entscheidender Bannfluch, der – wie seit den #metoo-Skandalisierungen klar ist – Karrieren und Lebenswege beeinflussen kann. Wenn eine falsche Berührung ausreicht, um zum sexual predator zu werden, dann spricht das nicht für bessere Awareness, sondern für eine puritanische Verfolgermoral, deren Hunger auf neue Frevler unstillbar ist. Dass sexuell übergriffiges Verhalten heute als predatory, also als raubtierhaft, bezeichnet wird, zeugt von einer entsprechend reduktionistischen Vorstellung von Sexualität: Sex als mechanistisch zu vollziehende moralisch gute Tat, bei der jeder für sich bleibt und am Ende befriedigt nach Hause gehen kann – möglichst ohne spontane Impulse, Asymmetrien und unabgesprochene Tabubrüche, denn das wäre ja gewaltvoll.

Einen Begriff wie Hingabe, kulturhistorisch einst untrennbar mit der Dimension glückender erotischer Erfahrung verbunden, umgibt insofern heute von vornherein der Ruch des regelbrüchigen Kontrollverlusts, genauso wie Verführung und Verehrung neuerdings dem Vokabular der Übergriffigkeit anzugehören scheinen und Intimität zu einer bürokratischen Sozialtechnik gegenseitiger Konsenszusprüche verkümmert: In Gesellschaften, in denen Sex weder das große Emanzipationsversprechen noch Garant für den Erhalt der Gesellschaft in Form von Reproduktion ist, läuft Sexualität der Bedeutungslosigkeit entgegen. Auch wenn der Anteil an Menschen, die sich als asexuell beschreiben, nach wie vor niedrig ist, verhalten sich immer mehr real asexuell – manche freiwillig, manche aus Mangel an Alternativen. Eine Gemeinsamkeit mit den selbsterklärten Asexuellen dürften die Vereinzelten darin finden, dass sie jeden Verdacht, ihr vermeintliches Schicksal könne etwas mit Sexualangst und -ekel zu tun haben, empört von sich weisen.

Weil Scham, Neid, Obsession und Verbitterung auch in sexuell aufgeklärten Zeiten zum Alltagserleben gehören, schwindet die Bereitschaft zu einem Wagnis, das man nicht zu Unrecht als beunruhigend wahrnimmt. Die habituellen Antworten auf diese Misere sind jedoch nicht einmal mehr Triebsublimierungen, sondern trostlose Krisenreflexe, zum Beispiel bei der sogenannten No Fap-Bewegung, die aus nicht-religiösen Selbstoptimierungsgründen der Masturbation abschwört. Hier ersetzt die Sehnsucht nach körperlicher Reinheit und Kraft die trotz allem noch immer mit Schmutz und Verdorbenheit assoziierte Sexualität. In eine ähnliche Kerbe schlagen junge Influencer wie der rechte Internetstar Nick Fuentes, der im Alter von siebenundzwanzig Jahren stolz von sich behauptet, noch nie Sex gehabt zu haben, oder Vertreter des an die Incel-Bewegung anschließenden Looksmaxxing-Trends wie der Influencer Clavicular, der permanent an der eigenen Transformation zur hypermaskulinen, aber auch steril-desexualisierten Schaufensterpuppe mithilfe von Bodybuilding, gezieltem Drogenkonsum und medizinischen Eingriffen arbeitet. All das mag letzten Endes auch der Erhöhung der sexuellen Attraktivität dienen; dennoch fällt auf, dass hier junge Männer offensichtlich mehr Wert auf unablässige Selbstveredelung als auf Triebbefriedigung legen, die immer weiter in eine unbestimmte Zukunft hinausgeschoben wird, an die kaum noch geglaubt wird. Der sexuelle Drang rückt an zweite Stelle oder wird im Fall von Figuren wie Fuentes als völlig nutzlos, gar als schwächlich, dargestellt. Währenddessen erfreut sich seit vergangenem Jahr der Begriff des Heterofatalismus wachsender Beliebtheit bei jungen Frauen: Frustriert von schlechten Dating-Erfahrungen und miserablen Beziehungen, reden sie sich ein, Beziehungen mit heterosexuellen Männern zu unterhalten, sei ja ohnehin unfashionable, uncool. Alle wirken missmutig, ausgebrannt, gelangweilt – man wäre längst weggedämmert, wenn der Social MediaFeed irgendwo stoppen würde. 

»Pornographisierung« und Asexualisierung

Auch übermäßiger Pornographiekonsum, der häufig als Beweis für sexuelle Verrohung angeführt wird, ist daher nicht Ursache des Problems, sondern eine von vielen möglichen, mitunter ins Zwanghafte umschlagenden Reaktionen auf eine gesellschaftliche Katerstimmung, in der Sexualität inzwischen so angst- und risikobesetzt ist, dass der Rückzug auf sich selbst als einfachster Weg erscheint. Anstatt diese Entwicklung zu reflektieren, wird die Erregungsdiagnose lieber in sich stetig wiederholenden Debatten über »sexuelle Verwahrlosung« reproduziert:

»Nicht nur Omnipräsenz von sexualitätsbezogenen Themen in den Medien und die freie Verfügbarkeit von Pornographie im Web 2.0 in einer bislang nie dagewesenen Variationsbreite, sondern auch der durch diese Entwicklung beflügelte Erregungsdiskurs über die öffentliche Zurschaustellung sexuellen Begehrens, einschließlich des lauter werdenden Rufes nach Eindämmung und Zensur, und die zyklische Wiederkehr derartiger Moral-Debatten sind zu einem prägenden Element westlicher Kultur geworden.«20Alexander Korte: Pornographie und psychosexuelle Entwicklung im gesellschaftlichen Kontext, Berlin 2018, 21.

In dem zitierten Buch des Psychiaters Alexander Korte finden sich einige empirisch gestützte Einwände gegen die Hysterie um »Pornographisierung« und die verderblichen Folgen von Pornographie-Konsum für die Jugend,21Vgl. u.a. ebd., 91. ebenso wie eine dringend nötige Erinnerung daran, dass der Begriff der sexuellen Verwahrlosung schon Teil des NS-Jargons und später in der institutionellen Heimerziehung der 50er- und 60er-Jahre in Westdeutschland verbreitet war.22Vgl. ebd., 22 und 164 f. Die krude behavioristische, Kausalität und Korrelation verwechselnde Position, die Pornographie verführe junge Menschen zu Perversität und Gewalt, ist jedenfalls nicht haltbar und beruht auf der sexualfeindlichen Projektion, die schon der 1987 initiierten PorNO-Kampagne von Alice Schwarzer zugrunde lag und für die alles Sexuelle, insbesondere dann, wenn es dem schreckenerregenden »männlichen Blick« dient, in ausschließlichem Zusammenhang mit Erniedrigung, Verachtung und Brutalität zu stehen scheint – ein Ressentiment, das bis heute zu den peinlichsten Auswüchsen des auch in antideutschen Kreisen wohlgelittenen Radikalfeminismus gehört und die meisten radikalfeministischen Texte zur Prostitutions- und Pornographie-Kritik so gedankenarm und unlesbar macht. Dagegen müsste man festhalten, dass, wie Thomas Maul schrieb, die gängige Mainstream-Pornographie wie jedes kulturindustrielle Produkt falsch ist, dabei aber dennoch an die »selbstbestimmte sexuelle Erfüllung seiner Akteure, auch und gerade der weiblichen«, erinnert.23Maul: Sex, Djihad und Despotie, 147.

Katharina Rutschky, eine Feministin, die nicht daran glaubte, dass die Frau als Kollektivsubjekt stets Opfer ist, und die auch von Antideutschen und Radikalfeministinnen immer nur dann selektiv zitiert wird, wenn man sich in eine Reihe mit der Schwarzen Botin stellen will, formulierte dagegen Gedanken, die der Vielschichtigkeit des Sexuellen schon eher entsprechen, auch wenn man sie heute wohl als verharmlosend brandmarken würde. Sie erkannte, dass

»die immer subtilere Verrechtlichung aller Lebensbereiche als Mittel der Wahl zur Reform vermutlich nirgends so ungeeignet [ist] wie auf dem Gebiet der Sexualität, erst recht, wenn man an der Idee festhalten möchte, dass hier grundlegende menschliche Ausdrucks- und Glücksmöglichkeiten stecken, die nur Individuen realisieren oder versäumen können. Wenn schon Steuergerechtigkeit kaum durchzusetzen ist, so ist das offenbar anvisierte Ziel, Gerechtigkeit in Lebens- und Liebesbeziehungen herzustellen, von vornherein falsch.«24Katharina Rutschky: Erregte Aufklärung, Hamburg 1992, 19.

Was Rutschky freilich noch nicht wissen konnte: Weder wird Sex heute noch als Ausdrucks- und Glücksmöglichkeit begriffen – zu groß ist vielen der damit zusammenhängende Stress und die Möglichkeit der Enttäuschung, zu wenig transparent das Dickicht aus Trieb, Vorstellung und Realität –, noch gibt es gemeinhin irgendeinen Zweifel daran, dass »Lebens- und Liebesbeziehungen« dem Ideal der Ausgeglichenheit Tribut zu zollen haben: Auf keinen Fall darf es irgendwelche Gaps, Lücken oder klaffenden Unterschiede zwischen zwei Partnern geben. Was so überaus harmonisch und liberal tönt, ist eine zutiefst lebensfremde Idee. Wenn nur noch nahezu Gleiche dazu fähig sein sollen, miteinander sexuelle Beziehungen einzugehen, weil sonst die Gefahr von Ungleichheit, Machtverhältnissen, Konflikten und anderen Komplikationen lauert, dann wird von vornherein ausgeschlossen, was im besten Fall Teil sexueller und amouröser Beziehungen sein kann: die Möglichkeit von Erfahrung. Bei Rutschky war dieses Bewusstsein der maßgeblichen Risikolastigkeit von Sexualität noch gegeben:

»Wenn anderswo Polizei, Gesetz und Diplomatie die Regel sind, werden wir hier, in Liebes- und anderen engen Beziehungen immer mit Affektdurchbrüchen und anderen Abweichungen vom sogenannten normalen Verhalten zu rechnen und – uns abzufinden haben. Wer nach Staat und neuen Gesetzen ruft, um das zivilisatorische Niveau in zwischenmenschlichen Beziehungen weiter zu heben, treibt bloß den Teufel mit dem Beelzebub aus. So ändert sich nichts – außer dem Anzeigenaufkommen.«25Ebd., 72.

Sich mit dieser Wirklichkeit zu arrangieren und davon ausgehend zu entscheiden, mit welchen Menschen man überhaupt Kontakt welcher Art auch immer pflegen will, wäre jedoch zu viel verlangt vom postmodernen Restsubjekt, das sich in jeder Situation als potenzielles Opfer imaginiert und gleichzeitig verlangend Ausschau hält nach den Tätern, die es anfallen könnten. Man ist gut vernetzt, immer streng bedacht darauf, ja nichts falsch zu machen, notfalls die KI um Ratschläge zur Risikominimierung bittend: Frei, alles zu tun, schreckt man vor jedem Schritt zurück. Die Eindeutigkeit, die er in der Sexualität vermisst, findet der Asexuelle von heute im Bezichtigen derjenigen, die in seinen Augen über die Stränge schlagen. Je umgreifender die Asexualisierung, desto stärker wird der Drang werden, sexuelle Bedrohungsszenarien auch in Zukunft aufzublähen. Die eifersüchtige Adoleszenz-Fantasie, man selbst sei zu kurz gekommen und bekomme ungerechterweise keinen Zugang zu Erotik und Sex, kehrt hier wieder: Es ist immer noch die Lust der anderen, die erregt und aufregt – besonders, wenn man sich einreden kann, dass sie sich in geheimen, einem selbst unzugänglichen Netzwerken und Milieus organisieren. Notfalls kann man sich immer noch steiflippig einreden, dass man ohnehin über diesen niederen Gelüsten steht.

Was auf diesen Strukturwandel folgt, egal ob man ihn nun als neosexuelle Revolution oder Asexualisierung bezeichnet, wird abzuwarten bleiben, auch weil es bis jetzt ein Phänomen zu sein scheint, das allein auf die im weitesten Sinne westliche Welt, vulgo alle zivilisatorisch hochentwickelten Industrieländer, beschränkt ist. Am wahrscheinlichsten ist wohl, dass es sich um einen sich verstetigenden Prozess handelt, zumindest wenn man bedenkt, dass schon Freud im Unbehagen in der Kultur vieles von dem vorwegnahm, was sich heute umso vehementer durchzusetzen scheint. Auch fast hundert Jahre später kann man nur erstaunt sein über folgende luzide Gedanken:

»Das Sexualleben des Kulturmenschen ist doch schwer geschädigt, es macht mitunter den Eindruck einer in Rückbildung befindlichen Funktion, wie unser Gebiss und unsere Kopfhaare als Organe zu sein scheinen. Man hat wahrscheinlich ein Recht anzunehmen, dass seine Bedeutung als Quelle von Glücksempfindungen, also in der Erfüllung unseres Lebenszweckes, empfindlich nachgelassen hat. Manchmal glaubt man zu erkennen, es sei nicht allein der Druck der Kultur, sondern etwas am Wesen der Funktion selbst versage uns die volle Befriedigung und dränge uns auf andere Wege. Es mag ein Irrtum sein, es ist schwer zu entscheiden.«26Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur, in: Studienausgabe, Bd. IX, Frankfurt a.M. 1982, 234 f.

Weitere Texte

Entdecke mehr von casa|blanca

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen