Wenige Tage nachdem Ayatollah Khomeini 1979 die Macht ergriffen hatte, versicherte der Jura-Professor Richard Falk – der rund dreißig Jahre später UN-Sonderberichterstatter für die Palästinenser wurde – der Welt in einem Meinungsbeitrag für die New York Times mit dem Titel Trusting Khomeini (»Khomeini vertrauen«), dass »die Darstellung seiner Person als fanatisch, reaktionär und als Träger grober Vorurteile sicherlich – und erfreulicherweise – falsch zu sein scheint.« Die Medien hätten Khomeini auf »vielerlei Art diffamiert« und mit Bestrebungen in Verbindung gebracht, »die Uhr um 1.300 Jahre zurückzudrehen, ihn mit bösartigem Antisemitismus konnotiert und mit einer neuen politischen Störung, dem ›theokratischen Faschismus‹, der im Begriff sei, auf die Welt losgelassen zu werden.« Tatsächlich aber, so Falk, habe Khomeinis Umfeld »eine bemerkenswerte Bilanz des Engagements für die Menschenrechte« vorzuweisen. Darum biete das »neue Modell der Volksrevolution« des Ayatollahs mit seinen »gewaltfreien Methoden« der Welt »ein dringend benötigtes Modell humaner Regierungsführung für ein Land der Dritten Welt.«
So schreibt heutzutage außerhalb antiimperialistischer Frontorganisationen wohl niemand mehr. An die Stelle der lautstarken Euphorie ist bei Beobachtern im Westen aber nicht unbedingt die ausgesprochene Gegnerschaft zu dem mörderischen Regime getreten, sondern allzuoft eine stille Komplizenschaft, die sich bestenfalls als Mischung aus Desinteresse und Bagatellisierung zeigt – so auch angesichts der jüngsten Massenverbrechen im Iran.
Als das Regime im Januar die Proteste der Bevölkerung niedermetzeln ließ, setzte es dabei unter anderem Sturmgewehre, Maschinengewehre, Messer, Macheten, Schlagstöcke und Scharfschützengewehre ein. Zehntausende wurden getötet und das Morden nimmt kein Ende: Wie das Center for Human Rights in Iran (CHRI) Ende April berichtete, wurden im Iran in einem Zeitraum von sechs Wochen mindestens zweiundzwanzig politische Gefangene gehängt – darunter zehn Personen, die während der Proteste im Januar 2026 festgenommen worden waren. Dies entspreche »durchschnittlich einer Hinrichtung alle zwei Tage«, so die Menschenrechtler. Die Hinrichtungen seien im Anschluss an geheime Verfahren erfolgt.
Lesen wir nun, wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) – das überregionale Nachrichten, Analysen und Kommentare für viele Regionalzeitungen und Onlineportale produziert und der SPD nahesteht – über den Diktator Ayatollah Khamenei schreibt, der die zahllosen Morde, Verstümmelungen und die Vergewaltigungen in den Gefängnissen angeordnet hatte:
»Der schwarze Turban als Zeichen der Abstammung vom Propheten Mohammed, der weiße Bart und eine Brille mit feinem Rahmen waren seine Markenzeichen.«
Wirklich? Das waren seine Markenzeichen? Der Oberste Führer wird zum rauschebärtigen Prophetenenkel verniedlicht, wenn nicht einmal die karierte Kufiyah als »Markenzeichen« zählt, ohne die Khamenei vor keine Kamera getreten ist und die zu erwähnen zwingend einen Hinweis auf seine politische Herzenssache gegeben hätte: den militanten Kampf gegen Israel. Die Trivialisierung seines Schreckensregimes wird gleichermaßen im Öffentlich-Rechtlichen betrieben. In einem Nachruf von ZDFheute war zu erfahren, dass Khamenei »schon früh« »als geschliffener Redner« aufgefallen sei. Er habe »ein streng konservatives Weltbild« vertreten, »das er mit aller Härte durchsetzte.« Gewalt wird hier bloß angedeutet; Massenverhaftungen, Folter und Mord werden zur »Härte« abgeschliffen – ein Begriff, den auch Sportmoderatoren beim Kommentieren eines Fußballspiels gelegentlich verwenden.
Der »Religionsführer«
Das Teheraner Regime mystifiziert sich selbst als eine Form der Religionsausübung. Seine grausamen Gesetze fußen in der Tat auf der Scharia; seine Verfassung beruht auf Khomeinis Entwurf (den übrigens Deutschlands liebster »Iran-Kenner« Peter Scholl-Latour, worauf er bis zuletzt stolz war, 1979 in den Iran geschleust hatte). Die Machtkonzentration in den Händen einer Clique drogenschmuggelnder Öl-Magnaten dürfte jedoch genauso schwierig koranisch legitimiert werden können, wie der im Verfassungsartikel 109 erhobene Führungsanspruch des Ayatollahs über die gesamte islamische Weltgemeinschaft irrwitzig ist.1Immerhin wurden zwölf Nationen der islamischen Umma in den letzten Monaten und Jahren von der Islamischen Republik beschossen: Irak, Pakistan, Syrien, Saudi-Arabien, Bahrain, Kuwait, Jordanien, Türkei, Aserbaidschan, die
Vereinigten Arabischen Emirate und selbst die nominell befreundeten Staaten Katar und Oman. Für RND, taz, Süddeutsche, FAZ und öffentlich-rechtliche Sender war Khamenei dennoch stets der »Religionsführer«, als den ihn außerhalb iranischer Regime-Kreise ansonsten nur libanesische Hisbollahis oder schiitische Huthis anerkennen. Indem die Gewaltherrschaft des Obersten Führers und seiner Milizen weder als religiöse Tyrannei noch als totalitäres System tituliert wird, sondern als gelebte Glaubenspraxis, soll sie der Kritik eines Publikums, das gelernt hat, andere Religionen nicht pauschal herabzusetzen, entzogen werden.
Wie verheerend die Behandlung der iranischen Staatsideologie als einer schutzwürdigen Religion ist, lässt sich zum Beispiel daran ablesen, dass das Sozialwissenschafts-Magazin Katapult seinen Lesern empfiehlt, auf die Bezeichnung »Mullah-Regime« zu verzichten, weil es sich um einen unwissenschaftlichen »Kampfbegriff« handele, der nur der »Feindbildbildung« diene: »Ein solcher Begriff kann stigmatisierend wirken, da er politische Kritik mit kulturellen oder religiösen Zuschreibungen verknüpft.« Er »erschwert, Brücken zu schlagen und Diplomatie stattfinden zu lassen.« Mullahs darf man nicht bekämpfen. Man schlägt Brücken zu ihnen und führt einen »kritischen Dialog« – so das Schlagwort der offiziellen Iran-Politik, das nur drei Monate nach dem tödlichen Berliner Mykonos-Attentat auf iranische Oppositionelle 1992 verkündet worden war und bis heute nachklingt.
Als den »alten Heiligen im Exil« bezeichnete Michel Foucault einst Ruhollah Khomeini.2Michel Foucault: The Challenge to the Opposition [1978], in: Janet Afary, Kevin B. Anderson: Foucault and the Iranian Revolution. Gender and the Seductions of lslamism, Chicago 2014, 217 [eigene Übersetzung]. Diese Form der Ehrerbietung wurde von deutschen Politikern jahrzehntelang staatsoffiziell weitergeführt. Wie Frank-Walter Steinmeier sich 2016, damals als Bundesaußenminister, vor dem iranischen Präsidenten Hassan Ruhani verbeugte, erinnerte an Katholiken bei einer Papstaudienz. Nachdem er den Bückling gemacht hatte, lud er ihn dann auch gleich nach Deutschland ein. Sein Parteigenosse und damaliger Kabinettskollege Sigmar Gabriel war im Jahr zuvor als erstes westliches Regierungsmitglied mit einer Wirtschaftsdelegation in den Iran gereist, um nach dem Abschluss des Atomabkommens die Geschäfte mit dem Regime (»Wandel durch Handel«) wieder anzukurbeln. Jahrelang schickte Steinmeier zudem – als Bundespräsident und ungefragt »auch im Namen meiner Landsleute« – Glückwunschtelegramme zum Jahrestag von Khomeinis Machtergreifung. Den Krieg der USA und Israels gegen das Regime nennt er heute »völkerrechtswidrig« und einen »politisch verhängnisvolle[n] Fehler«.
Sowohl in den Verlautbarungen höchster Amtsträger als auch in der deutschen Presse erscheint das Regime als ein Ökosystem, in das man besser nicht störend eingreifen soll. Weder die von den Mullahs verübten Massenmorde noch die Unterstützung von Terrorgruppen wie der Hamas, der Hisbollah oder den Huthis oder die Entwicklung der Atombombe rechtfertigen ein militärisches Eingreifen, heißt es. Man muss sie eben machen lassen, koste es, was es wolle.
Auf den Hund gekommen
Während sie für die blutige Vergangenheit und Gegenwart der Mullah-Diktatur nur ein Achselzucken übrighaben, warnen viele Journalisten in grellen Farben vor den Folgen des neu entfachten Krieges. Allerorten wird mit den unvermeidlichen Vokabeln »Eskalation« und »Gewaltspirale« Alarm geschlagen. Der Stern titelt: »Donald Trump und Bibi Netanjahu: Der Stratege und das Biest«. »Ihr Krieg kennt keinen Sieger, aber viele Opfer auf der ganzen Welt.« Die beiden würden die Erde, die bis zum 1. März noch ein friedliches Eden war, »ins Chaos« stürzen.
Für Kritik sorgte ein Beitrag der Tagesschau am 6. April. Eine Iranerin, die als Lehrerin vorgestellt wurde, wurde in ihrer Wohnung interviewt. Sie war nicht unkenntlich gemacht, trug kein Kopftuch und hatte, wie zu sehen war, Internetzugang – anders als die überwiegende Mehrheit der iranischen Bevölkerung, für die das Internet seit Januar gesperrt ist. An der Wand hingen E-Gitarren. Die Frau schilderte, dass sie zurückgezogen in ihrer kleinen Kellerwohnung leben würde. Sie sorge sich wegen der Bombardierungen und gehe nur noch vor die Tür, um ihren Hund Gassi zu führen.
Eine Lehrerin im Iran, die sich ohne Hijab vor der Kamera und auf der Straße zeigt, dazu einen Hund ausführt (für das Regime haram, unerlaubt)? Unmöglich, sagen viele Exil-Iraner. Fest steht: Hätte sie sich vor der Kamera kritisch gegenüber dem Regime geäußert, wäre sie in Lebensgefahr. Sie würde in einem Foltergefängnis verschwinden wie Zehntausende andere. Entweder also hat das deutsche Fernsehen sie und ihre Familie wissentlich in Gefahr gebracht – das scheint sehr unwahrscheinlich – oder es wusste von Anfang an, dass die Frau nichts äußern würde, an dem das Regime etwas auszusetzen hätte. Dann wäre es Propaganda. Die Äußerungen des US-Präsidenten über den Iran machten sie »sehr, sehr wütend«, erklärte die Lehrerin Millionen deutschen Fernsehzuschauern. Das also wollte die Tagesschau offenbar zeigen.
Etwas zu tun, macht es schlimmer
Iraner, die Freude oder Erleichterung zeigen, wenn es ihren Mördern an den Kragen geht, passen nicht ins Bild. Wann immer die USA etwas gegen das Regime unternehmen, kann das nach der Logik deutscher Journalisten dieses sogar nur noch stärker machen. Als US-Präsident Trump 2020 den Terrorgeneral Qassem Soleimani mit einer Rakete töten ließ – nachdem dieser über Jahre Terrorgruppen im Nahen Osten aufgebaut und wenige Tage zuvor über seine Miliz Kataib Hisbollah im Irak einen Amerikaner getötet und die US-Botschaft angegriffen hatte –, warnten deutsche Kommentatoren, während iranische Oppositionelle auf den Straßen tanzten, dass die Welt ohne Soleimani zu einem noch gefährlicheren Ort werde. Sein Tod werde »Anlass sein für neue Gewalt und Instabilität«, prophezeite Stefan Kornelius in der Süddeutschen. »Sie wird den Irak erfassen und von Jemen bis Syrien alle Landstriche, in denen Soleimani seine Marionetten platziert hat.« – Ohne den Marionettenspieler also würden die Marionetten noch viel gefährlicher. Ähnlich Reinhard Baumgarten, Nahost-Kommentator des SWR: Weil die schiitischen Terrorgruppen »jetzt ihren wichtigsten Kopf und Impulsgeber verloren« hätten, »könnten Zentrifugalkräfte freigesetzt werden, die eine verheerende Wirkung im Irak entfalten können.«
Mit der gleichen Logik argumentierte »der Nahost-Experte Reinhard Schulze« im Focus, dass der Tod des Ober-Hardliners Ali Lardischani – der als Drahtzieher der Massaker von Januar galt – »nur die Hardliner stärken« werde. Friederike Böge und Christian Meier warnten in der FAZ, dass eine zukünftige, »von der Revolutionsgarde dominierte Führung eine noch radikalere, antiwestliche Politik betreiben dürfte als unter Ali Khamenei«. Der nämlich habe »seinen radikalen Generälen in mancher Hinsicht Zügel angelegt«. Er habe »die besonders Radikalen« über Jahre erfolgreich »gezügelt«. Der Ayatollah ein Kämpfer hinter feindlichen Linien? Unser Mann in Teheran?
Wie nahe sich Khameneis Naturell der deutschen Kulturnation bringen lässt, lotete Raphael Geiger in der Süddeutschen aus, der seinen bereits am 1. März aus der Schublade geholten Nekrolog unter den tiefschürfenden Titel Der Undurchschaubare gestellt hatte und mit den Worten »Der Diktator war auch Poet« beginnen ließ. Khameneis Gedichte handelten von »Selbstzweifeln«: Er sei, so der Dichterdiktator in seinen eigenen Worten, »manchmal reiner Wein, manchmal tödliches Gift« gewesen. Für die Menschen »draußen im Land« sei freilich »der Tod nicht nur eine lyrische Metapher« gewesen, aber ihr Mörder Khamenei blieb dennoch, so Geiger, »bis zuletzt ein Rätsel«. Ali Laridschani, der das Machtvakuum füllen sollte, beschrieb Geiger tags darauf als »Pragmatiker«, der »für Kompromisse« steht. Nach dessen Tod war in der Süddeutschen zu lesen, dieser habe »das System immer wieder von innen [kritisiert]«. Dass diese kritische Stimme nun fehlt, »dürfte die Macht der Revolutionsgarde vergrößern und Verhandlungen über ein Kriegsende erschweren.«
Widerstand zwecklos
Wenn das Ausschalten von Hardlinern nur Hardliner hervorbringt, die noch viel schlimmer sind als die Hardliner, die wir kennen, und jeglicher Kampf gegen das Regime ebendieses nur stärker macht – dann bedeutet das mit anderen Worten: Widerstand ist zwecklos. Ohne Hilfe von außen werden die Iraner das Regime nicht stürzen können – aber wenn das Ausland interveniert, ist ihnen erst recht nicht geholfen. Dann nämlich kommt das »Chaos«, der Weltenbrand, werden Zentrifugalkräfte entfaltet.
Entlarvend ist, dass die Kritiker der Intervention zwar dem US-Präsidenten routiniert »Planlosigkeit« und »Völkerrechtsbruch« vorwerfen, aber selbst noch nie einen Plan vorgelegt haben, wie Menschen- und Bürgerrechte im Iran denn hergestellt werden könnten. Schlimmer noch: Sie äußern in der Regel auch nicht den Wunsch danach. Das nährt den Verdacht, dass die Existenz dieses Regimes, das die Augen, Organe und Gliedmaßen seiner Bürger mit Macheten und Kriegsmunition zerfetzt, aus ihrer Sicht gar nicht zur Disposition steht. Widerstand ist nicht nur zwecklos, sondern unerwünscht.
Wenn das Regime überlebt – was zu befürchten ist – und die Benzinpreise demnächst wieder fallen, wird es in den deutschen Medien wieder still um den Iran werden. Während kaum ein Bericht über den dauerpräsenten israelisch-palästinensischen Konflikt ohne die Erwähnung des vermeintlichen Zaubermittels »Zwei-Staaten-Lösung« auskommt, gibt es kaum einen Kommentator, der dem iranischen Volk eine Zukunft in einem eigenen Staat wünscht. Dass die Iraner Geiseln einer kriminellen Bande sind, taugt nicht zum Skandal, solange ebenjene Bande den Widerstand gegen die amerikanische Hegemonie anführt, die in Deutschland seit jeher Widerwillen provoziert – und Israel in ebenjenen permanenten Verteidigungszustand treibt, über den sich hierzulande mit Vorliebe mokiert wird. Die Souveränität der Geiselnehmer zu verletzen, gilt als Völkerrechtsbruch – den Geiseln zur Souveränität zu verhelfen, als Sakrileg.


