Mitgefühl und Bestialität

Editorial N° 1/2026
Foto: © Lukas Sarvari.

Nachdem die USA und Israel mit dem Bombardement des gefährlichsten antisemitischen Verbrecherstaates seit dem Nationalsozialismus begonnen hatten, entschloss man sich in Deutschland kurzerhand zum kollektiven Realitätsverlust. Seit je steht hierzulande die autistische Beschäftigung des Staatsvolks mit sich selbst höher im Kurs als Fragen der durch dieses konstituierten souveränen Staatsgewalt und deren Verhältnis zur Außenwelt, die für chronisch ins Selbstgespräch Versunkene nur als Rohstoff der eigenen Projektionen dient. Deswegen war mit Steinmeiers erlösender Deklaration, dass »wir« den Krieg zur Verhinderung der atomaren Aufrüstung des Mullahregimes im Iran einen »Völkerrechtsbruch nennen« alles gesagt, was Deutschland dazu einfallen konnte, auch wenn die Selbstgerechtigkeit des Bundespräsidenten weder Iranern das Leben rettet noch auch nur die Spritpreise in Deutschland senkt. Dem naserümpfenden Dünkel gegenüber realitätsgerechtem staatlichem Handeln korrespondiert eine Neigung zur Fetischisierung des Vorpolitisch-Organischen. Dieses Frühjahr war es ein Meeressäuger, der zum Objekt eines letztlich immer nur sich selbst meinenden heiligen Ernstes auserkoren wurde.

Dabei ginge es auch anders, wie ein Blick in die Geschichte der Populärkultur zeigt.

Als 1977 der von Dino De Laurentiis produzierte Film Orca – der Killerwal in die Kinos kam, war er trotz hochkarätiger Besetzung – mit Charlotte Rampling und Richard Harris in den Hauptrollen – und trotz der grandiosen Musik von Ennio Morricone, die die strophenähnlichen Wal-»Gesänge« zum Ausgangspunkt nahm, ein katastrophaler Misserfolg und entwickelte sich speziell in Deutschland im Lauf der Jahre unter Trash-Fans zur beliebten Lachnummer. Grund für die Lächerlichkeit des Films, die durch den deutschen Titel noch verstärkt wurde, war neben den schlechten Spezialeffekten die Tatsache, dass Wale sich wegen ihrer scheinbaren Behäbigkeit dramaturgisch nicht für Horrorfilme eignen, auch wenn sie den Menschen tatsächlich gefährlich werden können.

Trotzdem hatte Orca mit Steven Spielbergs noch heute bezwingendem Jaws, der zwei Jahre zuvor Premiere feierte und zu dem Orca ein tierempathisches Gegenstück bilden sollte, mehr gemein als auf den ersten Blick erkennbar. Peter Benchley, von dem die Buchvorlage für Jaws stammte und der am Drehbuch mitarbeitete, war Tierschützer und hatte nach Fertigstellung des Films geklagt, dass dieser entgegen Benchleys Absicht keinerlei Mitgefühl mit dem Mörderhai zeige und insgesamt die Unterwasserwelt dämonisiere. Trotzdem ähneln sich beide Filme darin, dass in ihnen nicht die brachial zupackenden Gegenspieler des Horrortiers überleben, sondern diejenigen, die um ihr Leben kämpfen, aber auch begreifen wollen, was sie da überleben: in Orca nicht der geltungssüchtige Walfänger-Kapitän Nolan, sondern die umsichtige Meeresbiologin Bedford; in Jaws nicht der cholerisch-machistische Hai-Jäger Quint (Robert Shaw), sondern der sanfte Meeresbiologe Hooper (Richard Dreyfuss) und der bürgernahe Polizeichef Brody (Roy Scheider). Insofern sind beide Filme am Rande auch ein Plädoyer für den hierzulande schon in den zwanziger Jahren als allzu kompromisslerisch, anschmiegsam und irgendwie feminisiert beäugten Sozialcharakter des modernen amerikanischen Mannes, der auch im Zweikampf mit der ersten Natur lieber kooperiert als zuschlägt und sich auf Abenteuer nur dann einlässt, wenn sie für die Rückkehr in die bürgerliche Normalität nötig sind.

Die Realposse um den mehrfach an den Ostseeküsten gestrandeten Buckelwal Timmy, die Medien und Publikum – beide lassen sich hierzulande kaum noch unterscheiden – in den vergangenen Wochen stärker beschäftigt hat als Iran- und Ukraine-Krieg zusammen, führt den Mangel an Hoopers, Brodys und Bedfords vor Augen, der Deutschland notorisch auszeichnet. Hatte im Jahr 1966, als sich ein weißer Wal in den Rhein verirrte und Hunderte von Kilometern stromaufwärts bis nach Bonn schwamm, noch ein Duisburger Zoodirektor mit dem sprechenden Namen Wolfgang Gewalt hartnäckig versucht, sich »Moby Dick«, wie das Tier genannt wurde, unter Einsatz eines für Wale lebensgefährlichen Narkosegewehrs zu bemächtigen – was Störaktionen von Tierschutz-Aktivisten und eine allgemeine öffentliche Empörung nach sich zog, die in der Bild-Schlagzeile »Verhaftet Wolfgang Gewalt« gipfelte –, passt heute kein Blatt mehr zwischen den umweltbewussten Staat und die tierliebende Öffentlichkeit. Mit ihrer inkompetenten, aber moralisch umso selbstbewussteren Fauna-Sensibilität und ihrer aggressiven Tiervermenschlichung kamen die um die Verfrachtung des Wals in die Nordsee bemühten deutschen Wal-Experten und -Ehrenamtler ihren dänischen Kollegen so lästig in die Quere wie sonst nur deutsche Völkerrechtsexperten der israelischen Selbstverteidigung. Über ein Tier, das zum Frühstück locker ein halbes Dutzend Babys verputzen könnte, reden, als wäre es das Kleinkind, das man im wirklichen Leben am liebsten beim ersten morgendlichen Geschrei in der transgenderinklusiven Kita parken möchte; von »Tragödie«, »Drama«, »Schicksal«, »Mitfiebern« und »Anteilnahme« faseln, wo Identifikation sich nur entweder wie bei Benchley und Melville (Moby-Dick) poetisch imaginieren oder à la Donna Haraway pseudowissenschaftlich erschleichen lässt; und sich bei alldem ernst nehmen, als wäre man die alle Spezies überblickende Avantgarde, statt wenigstens hin und wieder über die eigene Hybris zu lachen: Das bringen nur ideelle Gesamtdeutsche fertig – zu denen hinterher wieder einmal keiner gehört haben will. Seit der Tod des Buckelwals bestätigt wurde, häufen sich kritisch-bilanzierende Verlautbarungen nebst beleidigtem Schweigen. Von Enttäuschung oder gar Trauer als der logischen Kehrseite der vormals so innig beschworenen Hoffnung kann nicht die Rede sein.

Doch auch den Wal-Skeptikern der ersten Stunde, die während der laufenden Rettungsbemühungen noch eine statistische Minderheit ausgemacht hatten, gelang es nicht, zu Timmy ein realistisches, den Gegenstand des Interesses ebenso wie sich selbst für voll nehmendes Verhältnis zu entwickeln. Die Meeresforscher unter ihnen nahmen die Geschichte zum Anlass, sich als Experten gegen die Affekte eines, wie einschlägige Publikationsorgane bald zu berichten wussten, von Rechten und Verschwörungstheoretikern infiltrierten Pöbels zu profilieren. Die sich als Erbe bürgerlicher Vernunft gerierende Cicero– bis Nius-Fraktion, deren Leser Spielbergs Quint vermutlich als schützenswertes Relikt weißer Männlichkeit gegen den im Grunde schon irgendwie woken Hooper verteidigen würden, brachte andererseits kaum mehr zustande als eine anti-linke Wal-Hermeneutik – »Timmy wird von allen politischen Lagern vereinnahmt« (Nius) – und mokierte sich über die angesichts eines popeligen Tieres zum kindischen »Stuhlkreis« regredierende Bevölkerung. Dabei spricht es grundsätzlich eher für als gegen die Zivilisiertheit einer Gesellschaft, wenn ihr das Leben oder Krepieren von Tieren nahe statt am Allerwertesten vorbei geht. Weil aber Deutsche dazu neigen, alles auszulachen, was sie nicht besinnungslos bejahen können, und alles, was sie nicht besinnungslos auslachen können, auf keinen Fall ernst zu nehmen, haben auch die prinzipiell sympathischeren Problemwal-Kritiker kaum je die Frage aufgeworfen, warum denn ausgerechnet das deutsche »Herz für Tiere« einen so starken Schlag ins Bestialische aufweist, wie der deutsche Völkerrechts-Humanismus im konkreten Fall immer die Völker gegen das Recht und damit gegen die Menschheit ausspielt.

Zu tun haben dürfte diese Eigenschaft mit einer sozialgeschichtlich erworbenen und verfestigten Auffassung von Gewalt, die ähnlich, wenngleich aus anderen Gründen auch dem Islam eigen ist. Als böse und verachtenswert empfunden wird in Deutschland traditionell die politisch vermittelte und rechtlich eingehegte Gewalt, die, wenn sie denn mal eklatant und fragwürdig auftritt, als Symptom einer Selbstfaschisierung des jeweiligen bürgerlichen Staates gedeutet wird, der natürlich niemals Deutschland heißt. Als möglicherweise extralegal, aber legitim gilt dagegen solche Gewalt, die im Namen unmittelbarer Selbstermächtigung, voluntaristischer Landnahme und Raubökonomie ausgeübt wird, denn diese Gewalt ist im Gegensatz zur staatlich monopolisierten und institutionell begrenzten schrankenlos und daher authentisch. Deshalb firmieren die Einsatzkräfte der US-Bundesbehörde für Einwanderungs- und Zollangelegenheiten (ICE), an deren Vorgehen gegen illegale Migranten sich treffliche Kritik üben lässt, seit der Tötung von Renée Good am 7. Januar unter Deutschen wahlweise als Trumps SA oder SS, während die zeitgleich von den Schergen der Mullahs begangenen Massaker an der iranischen Bevölkerung über Berichte im nüchtern-ungerührten Stil von Agenturmeldungen hinaus kaum ein Presseecho fanden. Deshalb sind auch islamische Messermörder bestenfalls ein Fall für die Klinische Psychiatrie, während tatsächlich psychisch deviante Reichsbürger Besuch vom Verfassungsschutz erhalten. Und deshalb fragt man sich wochenlang tiefenhermeneutisch grübelnd, was ein möglicherweise von den Behörden unangemessen behandelter Wal will, und wie man ihn möglichst walgerecht behandeln kann, während man Versuche, sich in den Großstädten wiederansiedelnde Wölfe unschädlich zu machen, als tier- und im Grunde auch menschenfeindlich denunziert. Schon Karl Kraus notierte in einer Formulierung, die auch etwas über den Umgang der Menschen mit den Tieren aussagt: »Wenn einer sich wie ein Vieh benommen hat, sagt er: Man ist doch auch nur ein Mensch! Wenn er aber wie ein Vieh behandelt wird, sagt er: Man ist doch auch ein Mensch!«

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