Lange bevor der von Donald Trump vermittelte Gaza-Deal bekannt wurde, der die Befreiung aller lebenden und die Rückführung zumindest einer kleinen Anzahl der toten israelischen Geiseln der Hamas bewirkte, sagte die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion Siemtje Möller im ARD-Morgenmagazin Folgendes: »Es braucht jetzt echten politischen Druck auf die israelische Regierung, [damit] die Geiseln, die sich immer noch in der Gewalt der Hamas befinden, auch mit deutscher Staatsangehörigkeit, freigelassen werden.« 1»Es braucht diesen Druck«, Siemtje Möller, SPD, stellv. Fraktionsvorsitzende, zur Gaza-Hilfe, tagesschau.de, 31.7.2025. Kurz darauf sollte sie an der Seite des deutschen Außenministers Johann Wadephul nach Israel reisen. Ihre erklärte Mission: Humanitäre Hilfe über UN-Organisationen in den Gazastreifen bringen, die Befreiung der Geiseln erreichen und schlussendlich zu einer Waffenruhe kommen. Dazu müsse der internationale Druck erhöht werden, beispielsweise durch ein Aussetzen des Assoziierungsabkommens Israels mit der Europäischen Union, damit Israel »sich endlich bewegt«.2Ursula von der Leyen bekräftigte die Forderung nur wenige Wochen später in einer Rede vor dem Europäischen Parlament. In dieser Rede kündigte sie unter anderem an, dass die Europäische Kommission eine »Teil-Aussetzung des Assoziierungsabkommens mit Israel« im Handelsbereich vorschlagen werde, sowie Sanktionen gegen »extremistische« israelische Minister und gewalttätige Siedler prüfen würde. Andere Maßnahmen, wie die Aussetzung der Beteiligung israelischer Einrichtungen am Forschungsprogramm »Horizon Europe«, wurden bereits durchgeführt. Möller fasste damit die in Europa und in weiten Kreisen des deutschen Parlaments sowie der Bundesregierung gängige Auffassung zusammen: Einer Befreiung der Geiseln als unhintergehbarer Bedingung eines Waffenstillstands im Gazastreifen steht vor allem die sturköpfig an ihren Kriegszielen festhaltende israelische Regierung im Weg.
Naiv hätte man einwenden können, dass nicht die israelische Regierung es war, die am 7. Oktober 2023 über eintausend Israelis folterte, vergewaltigte und ermordete und hunderte in den Gazastreifen entführte; und dass es auch nicht die israelische Regierung war, die über vierzig Geiseln, tote wie lebendige, in Tunneln, Kellern und Privatwohnungen gefangen hielt. Für beides waren ausschließlich die Hamas und andere arabisch-islamische Terrorgruppen samt Teilen der Zivilbevölkerung des Gazastreifens verantwortlich. Folgerichtig hätten sich auch die Forderungen, die Geiseln freizulassen, ausschließlich an die Täter vom 7. Oktober richten müssen. Dass es so weit kommen konnte, dass nicht die Entführer, sondern die Befreier als Hauptübeltäter in den Blick genommen wurden, wirkt zunächst erklärungsbedürftig.
Zynismus der Geiselnahme
Der Fokus auf die Geiseln der Hamas war in Israel selbst wie auch im Ausland fast von Beginn an eine zwiespältige Angelegenheit. Zum einen konnte die Regierung wie auch die israelische Gesellschaft nicht zulassen, dass Hamas und andere Terrorgruppen aus dem Gazastreifen israelische Staatsbürger entführt, in Folterhaft hält und damit am Ende auch noch durchkommt. Abgesehen von der moralischen Direktive zur Befreiung ist die Verletzung der sicherheitspolitischen Integrität des Landes und die andauernde Infragestellung des Schutzversprechens des Staates gegenüber seiner Bevölkerung nicht nur für die amtierende Regierung ein Problem. Um dieses Versagen zu kompensieren, muss Israel beweisen, dass es in der Lage ist, seine Bürger nachhaltig zu schützen. Allein schon deshalb konnte man es sich dort nie leisten, die Entführten als zu vernachlässigenden Faktor im militärischen Vorgehen gegen den Angreifer Hamas zu behandeln.
Andererseits wurde »Bring Them Home«, die Bewegung für die Befreiung der Geiseln aus den Händen der Hamas, für die Regierung Benjamin Netanyahus recht schnell zu einem handfesten innenpolitischen Problem; und das nicht nur, weil die Geiselbefreiungsbewegung fast vollständig mit der gegen die Regierung gerichteten Protestkampagne fusionierte, die schon vor dem 7. Oktober existierte.
Der Umgang mit der Situation der israelischen Geiseln stand in einem gewissen Gegensatz zum etablierten Vorgehen von Regierungen mit Entführungen ihrer Staatsbürger durch Terrorgruppen oder Kriminelle. Dieses ist von einer Kalkulation geprägt, welche der zynischen Logik der Geiselnahme als solcher folgt. Man ist meist darauf bedacht, möglichst wenig Aufmerksamkeit auf die Lage zu lenken, um die Sicherheit der Geiseln nicht unnötig zu gefährden, aber auch, um sie »wertlos« erscheinen zu lassen. Dies war zum Beispiel bei Geiselnahmen durch den Islamischen Staat oder Al-Qaida der Fall (vgl. die Entführung des amerikanischen Journalisten James Foley durch den IS), die anfangs streng geheim gehalten wurden und oft erst später an die Öffentlichkeit gelangten. Dadurch sollen Zugeständnisse, die auch immer neue Entführungen fördern könnten, vermieden werden.
Nach dem 7. Oktober war ein solches Vorgehen unmöglich. Allein die durch die Massen an Tätern selbst geschaffene Öffentlichkeit, mit der sie ihr mörderisches Tun in Form von selbst hergestellten Videoaufnahmen der Welt präsentierten, stand dem von Anfang an entgegen. Zudem gab es im Unterschied zu anderen Geiselnahmen durch Terrorgruppen für eine solche Situation schlicht kein Vorbild in der Historie, an dem man sich hätte orientieren können. Im Inland wie im Ausland stand das Schicksal der Geiseln also relativ schnell im Zentrum der Aufmerksamkeit, auch weil darauf im Propagandakrieg, den Israel seit dem Massaker der Hamas zu führen gezwungen ist, zur Sympathiewerbung für den notwendigen Einsatz gegen deren Anhänger im Gazastreifen nicht verzichtet werden konnte. Dass dies im Angesicht der globalen Mobilisierung gegen Israel und alles Jüdische nur mäßigen Erfolg haben konnte, widersprach diesem grundsätzlichen Anliegen nicht.
In Israel erhöhten die tendenziell größer werdenden Proteste stetig den »Preis« für die Geiseln, indem sie die Regierung unter Druck setzten und damit objektiv die Position der Hamas in Verhandlungen stärkten. Das Dilemma bestand darin, dass dies den Familien der Entführten zwar schmerzlich bewusst gewesen sein dürfte, sie aber eben keine Handhabe gegenüber der Hamas, nur gegenüber ihrer eigenen Regierung hatten. Während Netanyahu stets darauf beharrte, dass der militärische Sieg über die Hamas und die schlussendliche Kontrolle über den Gazastreifen nicht im Widerspruch zur Rettung der Geiseln stehe, fasste die innerisraelische Opposition diesen Zusammenhang ganz anders auf. In weiten Teilen der Bevölkerung setzte sich die Ansicht durch, dass man mit dem Krieg gegen die Hamas das Leben der Geiseln aufs Spiel setze und deren Befreiung unnötig hinauszögern würde. Dies ist bis heute keine randständige oder gar spezifisch linke Position im Land. Um sie versammeln sich IDF-Veteranen, säkulare Juden und Oppositionelle ebenso wie Likud-Anhänger, Orthodoxe und Familienangehörige der im Gazastreifen kämpfenden Soldaten, die ihre Regierung anriefen, sich für eine rasche und vollständige Befreiung einzusetzen beziehungsweise die israelischen Streitkräfte aufforderten, dies in konkrete Handlung umzusetzen. Darum schillerte die populäre Forderung »Bring them home« auch: Im innerisraelischen Kontext, wo sie sich sinnvoll stellen ließ, war sie Ausdruck einer breiten Anteilnahme am Schicksal der Geiseln (und deren Familien) und konnte zugleich den Wunsch nach strategischen Zugeständnissen zwecks deren Befreiung im Rahmen eines Deals anzeigen. Auf Kundgebungen von Diaspora-Juden und israelsolidarischen Verbündeten im Ausland unterstrich der Slogan eher die Unterstützung des militärischen Vorgehens Israels: Hier ging es maßgeblich darum, dem Genozid-Vorwurf der Gegenseite mit dem Verweis auf das legitime Kriegsziel der Geiselbefreiung zu begegnen.3Vgl. Andrew Silow-Carroll: »Bring them home« means different things to Israelis and American Jews, Jewish Telegraphic Agency, 9.6.2024. Von außen an Israel herangetragen, drohte die Parole jedoch stets auch die alleinige Verantwortung für das Wohl der Geiseln bei Netanyahu zu suchen, die fundamentale Schuld der Täter vom 7. Oktober und ihrer Claqueure im Gazastreifen zu verdecken und als Druckmittel gegen einen Staat zu dienen, den man in Deutschland seit je bei aller rhetorischen Unterstützung als widerspenstigen Problemfall zu beargwöhnen gelernt hat.
Israel persönlich nehmen
In Deutschland sind die Versuche, Israel politisch auf Linie zu bringen, für die Siemtje Möllers Äußerungen exemplarisch stehen, Anzeichen einer tiefer liegenden Verschiebung im politischen Umgang mit dem Land der Holocaustüberlebenden. Viel ist über die Staatsräson geschrieben worden, seit Angela Merkel am 18. März 2008 vor der Knesset eine historische Verantwortung Deutschlands für die Sicherheit Israels so bezeichnete. Die Rede von der Sicherheit Israels war (im Unterschied zur Solidarität mit Israel) von Anfang an ein Einfallstor für diverse opportunistische Angriffe auf dessen objektive Interessen, wie auch im vorliegenden Fall jenes der effektiven Bekämpfung der Hamas im Gazastreifen. Nach Art eines angemaßten Schutzherrentums unterstützt man nicht konkrete Maßnahmen, die Israel zur Selbstverteidigung oder zur diplomatischen Konsolidierung ergreift, sondern belehrt es stattdessen, was aus deutscher Perspektive das Beste im Umgang mit dem palästinensischen Terrorismus wäre und pflegt zugleich diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen mit dessen Financiers und Unterstützern in Doha, Ankara und Teheran. Auch im Gazakrieg lief es nach diesem Muster ab: Gerade weil Deutschland eine historische Verantwortung für Israel trage und gleichzeitig »Freund« sei, habe man die mutmaßlichen Verfehlungen offen ansprechen müssen, nicht selten aus einer Haltung der hoch emotional aufgeladenen persönlichen Enttäuschung heraus. Exemplarisch für diesen larmoyant-aggressiven Tonfall stand ein Fernsehauftritt des ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck, der unter Tränen die Kritik an seinem Schützling »aus sich herauspressen« musste. Gauck spielte damit wohl auf seinen eigenen Gefühlshaushalt an, der angesichts der Kriegsbilder aus dem Gazastreifen durcheinander geraten war. Diese müssen im Widerspruch zum von ihm gepflegten Bild des ewigen Opferlandes Israel gestanden haben, gegen das er sich nun zu einer öffentlichkeitswirksamen Stellungnahme genötigt sah. Allerdings dürften sich auch die vielen sich von der öffentlichen Meinung unterdrückt wähnenden Israelkritiker durch solche Auftritte bestätigt gefühlt haben: Wenn selbst der ehemalige Bundespräsident sich nur unter Tränen Klartext zum außer Rand und Band geratenen deutschen Protektorat im Nahen Osten abringen kann, muss ja was dran sein am angeblichen Sprechverbot über israelische Kriegsverbrechen. Israel wird hier wie dort, ob bewusst oder unbewusst, als der eigentliche Problemfaktor im Nahen Osten wahrgenommen.
Dazu passt, dass die CDU als Regierungspartei mittlerweile recht offen dabei ist, den Merkelschen Begriff der Staatsräson abzuräumen. Beginnend mit Aussagen Friedrich Merz’, er könne die Ziele der israelischen Regierung im Gazastreifen wie auch in der weiteren Region nicht mehr nachvollziehen, war deutlich zu spüren, dass die vollmundigen Sicherheitsgarantien gegenüber Israel vor der Knesset den offiziellen Vertretern einer wie auch immer gearteten deutschen Staatsräson langsam unbequem wurden. Man hatte es fast nicht mehr für möglich gehalten, dass ein deutscher Außenminister mit an Martin Walser erinnernden Begriffen wie »Zwangssolidarität« die deutsche Gemütslage gegenüber Israel ausplaudern würde; so geschehen durch Johann Wadephul Ende Mai.4o.A.: Außenminister Wadephul: Keine Zwangssolidarität mit Israel, rnd.de, 27.5.2025. Ähnlich äußerte sich der ehemalige SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich, der das Verhältnis Deutschlands gegenüber Israel etwas holprig als »Selbstgefangenschaft« bezeichnete, die man aufgrund des Holocausts »mitschleppe«.5Philipp May: SPD-Politiker Mützenich für Stopp von Waffenlieferungen, deutschlandfunk.de, 27.5.2025.
Nun war auch vor dem 7. Oktober 2023 das deutsch-israelische Verhältnis keines ausschließlicher freundschaftlicher Verbundenheit. Auch im konkreten außenpolitischen Handeln wurden die Sicherheitsinteressen Israels seit langem immer wieder unterlaufen. Die Verkörperung dieser gespaltenen Haltung in jüngerer Zeit war der damalige Außenminister Heiko Maas, der behauptete, er sei »wegen Auschwitz« in die Politik gegangen, nur um dann in der UN Resolutionen gegen Israel mitzutragen und voranzutreiben. Von einem wirklichen »Politikwechsel« kann also, auch in puncto fortgesetzter Palästina-Hilfe und Iran-Diplomatie, nicht die Rede sein. Eine Veränderung gibt es aber: Während israelfreundliche Verbalbekundungen und tatsächliches politisches Handeln bis vor kurzem eher auseinanderklafften, scheinen nominale Haltung und reales Handeln gegenüber dem jüdischen Staat mehr und mehr in Einklang zu stehen – beides zum Nachteil Israels. Zuletzt zeugte davon der durch die schwarz-rote Regierung verhängte Lieferstopp für Kriegsgerät, das im Gazastreifen hätte eingesetzt werden können. Die beiderseitige Belieferung mit militärischem Equipment war eigentlich ein Grundpfeiler des deutsch-israelischen Verhältnisses. Ihr einseitiges Aussetzen durch die deutsche Regierung könnte sich unterdessen noch deutlich zum eigenen Nachteil entwickeln. Deutschland ist dringend auf israelische Geheimdienstinformationen angewiesen, um Anschläge im eigenen Land verhindern zu können. Letzteres wird allerdings mittlerweile vom bereits erwähnten Johann Wadephul aggressiv bestritten.6Paul Ronzheimer: Interview mit Johann Wadephul: Geben Sie Israels Politik Mitschuld für den Antisemitismus bei uns?, youtube.de, 7.10.2025. In Sachen Waffenlieferungen beugte sich Friedrich Merz dem innenpolitischen Druck auf der Straße und nicht zuletzt an der eigenen Basis, aber in erster Linie dürften außenpolitische Erwägungen eine Rolle gespielt haben. Nicht zuletzt auch angesichts der russischen Aggression passt man sich im Sinne einer europäischen Einigung zunehmend jenen verbündeten Nationen an, die außenpolitisch initiativ handeln und in denen die Islamisierung und damit die demographische Relevanz erklärter Feinde Israels und der Juden für das Wahlergebnis schon deutlich weiter gediehen sind, allen voran Frankreich und Großbritannien.
Vor diesem Hintergrund ist auch das weitgehende deutsche und europäische Schweigen im Zusammenhang mit dem Gaza-Deal zu betrachten. Es unterstreicht die selbstverschuldete Irrelevanz des Kontinents in Fragen der Nahostpolitik. Durch den Anerkennungszirkus bezüglich eines palästinensischen Staates, die politische und moralische Distanzierung von Israel sowie durch Einschränkungen bei Waffenexporten haben Berlin und Brüssel ihren Einfluss nachhaltig verspielt. Anstatt konstruktiv auf die Sicherheitslage einzuwirken, wurde damit indirekt die Hamas gestärkt. Während die USA in enger Abstimmung mit Israel und arabischen Partnern aus den Golfstaaten neue Realitäten vor Ort schaffen, bleibt Europa auf der Zuschauerbank. Die Kombination aus moralischer Selbstinszenierung und geopolitischer Passivität hat Deutschland und die EU zu Randfiguren gemacht, deren Appelle weder in Washington noch in Jerusalem ernsthaft Gehör finden, was selbstverständlich keine der Parteien dazu bewegt, sie einzustellen.
Das deutsche Auftrumpfen gegenüber dem Staat der Überlebenden hat einst Eike Geisel treffend mit der These von der »Wiedergutwerdung der Deutschen« auf den Punkt gebracht. Das deutsche Selbstbild war lange von der Haltung geprägt, gerade weil man aus der Geschichte gelernt habe, sei man nun befugt, den moralischen Zeigefinger in Richtung der Nachfahren der Überlebenden der eigenen Verbrechen zu erheben. Die jüngeren Äußerungen gegen den jüdischen Staat zielen aber in eine andere Richtung und haben auch andere Hintergründe.
Die Universalisierung des Holocaust
Der Holocaust und seine Erinnerung waren einst zentraler Pfeiler der Identitätsstiftung. Sie rücken nun immer weiter in den Hintergrund, sind immer mehr im »Verschwinden« begriffen.7Vgl. Jan Gerber: Das Verschwinden des Holocaust. Zum Wandel der Erinnerung, Berlin 2025. Mit diesem Verschwinden werden auch die in das bundesrepublikanische Selbstverständnis eingeflossenen und häufig bemühten historischen Verpflichtungen gegenüber Israel sukzessive aufgekündigt. Mittlerweile mehren sich die offenen Versuche, die spezifische Bedeutung der Sicherheit Israels als deutscher Staatsräson in eine Verpflichtung auf das Völkerrecht umzudefinieren, welche dann wiederum selektiv gegen Israel gewendet werden kann.8Vgl. Florian Markl: Ja, das Völkerrecht wird selektiv angewendet, diepresse.com, 23.9.2025. Hamas oder die politischen und religiösen Führer der Islamischen Republik Iran werden seltener damit belämmert. Die neue »Lehre aus der Geschichte« impliziert, dass der in Auschwitz zur versuchten Vollendung gebrachte »Erlösungsantisemitismus« (Saul Friedländer) potenziell alle betreffe, die Opfer auch nur von Krieg und Vertreibung werden könnten.
Die damit aufgerufene universalisierende Umdeutung des Holocausts bedeutet letztendlich die Entsorgung des partikularistischen Moments der Judenvernichtung. Dieser ist als »Verbrechen gegen die Menschheit, begangen am jüdischen Volke«, wie Hannah Arendt formulierte,9Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, München 2005, 74. zu begreifen. Der Holocaust unterscheidet sich qualitativ von anderen Verbrechen, weil er als nicht mit den Kategorien der instrumentellen Vernunft zu erklärende Tat universal die Gattung Mensch betrifft, während er partikular und spezifisch an den Juden verübt wurde. Die Vernichtung zielte auf die Juden als Juden und zugleich wurde das Prinzip der Menschheit getroffen, das sich in ihrer Geschichte kristallisiert, deren Einheit selbst als Idee aufgekündigt. Diese Einsicht, die selbst hochgradig kontingent ist, verblasst. Jan Gerber hält fest, dass das Wissen um die Besonderheit des Holocaust »das Produkt einer Übergangszeit [ist], in der Universalismus und Partikularismus eine erkenntnisträchtige Verbindung eingingen. Diese Liaison hatte zu der Erkenntnis beigetragen, dass der Massenmord sowohl eine partikulare als auch eine universelle Dimension hatte. Er war gleichermaßen ein Verbrechen gegen die Juden wie gegen die Menschheit.«10Gerber: Das Verschwinden des Holocaust, 264. Dieser scheinbare Widerspruch, der sowohl die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis über den Holocaust darstellte, wie auch sein Wesen selbst trifft, wird heute tendenziell in Richtung Universalismus aufgelöst. Und zwar, so scheint es, mit dem politischen Effekt, den Holocaust vom Antisemitismus, vom Judentum und von Israel zu entkoppeln.
Dies bildet auch den Kern dessen, was man als »neuen« Antizionismus bezeichnen kann. Im Unterschied zum klassischen, oft als Stellvertreterideologie für offenen Antisemitismus genutzten oder – im arabischen Fall – auch nationalistisch motivierten Antizionismus präsentiert sich dieser neue Antizionismus als moralisch überlegene Position: Er beruft sich auf Universalismus, Menschenrechte und Völkerrecht. Israel wird als ein partikularistisches, identitätspolitisches Projekt begriffen – als ein Staat, der auf der besonderen Identität und Geschichte einer einzigen Gruppe beruht und sich damit im Widerspruch zu universalistischen Normen befinde. Demgegenüber wird das Idealbild einer Weltgemeinschaft entworfen, in der partikularistische Identitätsprojekte angeblich keinen legitimen Platz haben. Der Nationalstaat Israel erscheint in dieser Denkweise als Relikt ethnischer Abgrenzung, während die postkoloniale oder universalistische Perspektive den Anspruch erhebt, für alle gleichermaßen gültige Maßstäbe zu setzen.
Deutschland postkolonial
Insofern ist man sich mit den Verfechtern der postkolonialen Theorie einig. Auch hier soll die »Lehre aus der Geschichte« nicht in einer politischen oder moralischen Unterstützung Israels bestehen. Stattdessen müsse sie »universalisiert« werden. Die Erinnerung an den Holocaust und an die nationalsozialistischen Verbrechen darf nicht länger als Begründung für Israels Existenzrecht oder für besondere Solidarität mit dem jüdischen Staat dienen, sondern muss als allgemeine Verpflichtung gegenüber allen Völkern und Minderheiten verstanden werden.
Das ist keine ganz neue Entwicklung. Wie Jan Gerber schildert, wurden »[s]owohl die Obsessionen gegenüber Israel als auch die Abwehr der Erinnerung an den Holocaust […] der postkolonialen Theorie schon in die Wiege gelegt.«11Ebd., 220. In dem Gründungsdokument und der frühen politischen Kampfschrift der postkolonialen Theorie, Edward Saids Orientalismus, »wird der jüdische Staat als einer der zentralen Repräsentanten des heutigen Orientalismus dargestellt. Die israelische Politik, so heißt es dort, stehe ›ganz unter dem Einfluss der orientalistischen Ideologie‹«, wie Gerber dokumentiert.12Ebd., 221. Auch herrscht hier die Auffassung vor, die Gründung des Staates Israel sei vor allem ein Produkt des Kolonialismus – obwohl Israels Gründung explizit gegen den Willen der großen Kolonialmächte erfolgte.13Vgl. ebd., 222. Aber auch der Holocaust selbst wurde durch die postkoloniale Theorie in doppelter Hinsicht für die eigenen Ziele verzweckt. Die globale Anerkennung des Leids der Juden wie auch der Spezifika des Holocaust rief widersprüchliche Reaktionen hervor. Einerseits wurde sie als Hemmnis für die Anerkennung der eigenen Leiderfahrung betrachtet. Dass man die Aufmerksamkeit, die den Juden nun scheinbar massenhaft zuteilwurde, gerne selbst in Anspruch nehmen würde, liegt auf der Hand. Gerber spricht hier von einem »doppelten Bedürfnis«: »Es zielt zum einen darauf, die Dimensionen des Holocaust kleinzureden, zum anderen sollen die eigenen Opfererfahrungen an den Holocaust herangerückt werden. Die Übertragung anderen Leids in die Sprache der Judenvernichtung, mit der viele postkoloniale Wissenschaftler und Aktivisten aufwarteten, leistet beides: Aneignung und Relativierung.«14Ebd., 225. Aber die Parteinahme gegen Israel und die Relativierung des Holocaust unter postkolonial inspirierten Akademikern hat noch eine weitaus unappetitlichere Facette. Die antikolonialen Bewegungen, als deren akademisches und politisches Sprachrohr sich die Postcolonial Studies verstehen, hatten oft wenig Probleme damit, mit den Nationalsozialisten und ihrer Vernichtungspolitik gemeinsame Sache zu machen: »Sowohl die völkischen Vorstellungen von Zugehörigkeit als auch die autoritäre Verbindung von Tradition und Moderne, mit der Nazis und Faschisten hausieren gingen, wirkten bisweilen anziehend.«15Ebd., 262.
Diese Gemengelage dürfte dafür verantwortlich sein, dass Theoretiker wie Achille Mbembe mittlerweile die »Speerspitze des postkolonialen Antisemitismus«16Vgl. Alex Gruber: Speerspitze des postkolonialen Antisemitismus. Achille Mbembes »Nekropolitik« als Handreichung für deutsche Erinnerungskultur, in: sans phrase. Zeitschrift für Ideologiekritik, H. 17 (2021), 5–25. darstellen. Man könnte das verschmerzen, solange sich solche Verwirrungen bloß auf akademische Debatten beschränken würden, deren Bedeutungen für die Öffentlichkeit ohnehin stetig schwinden. Neu ist aber, dass in Hinblick auf die Erinnerungspolitik des Holocaust eine Konvergenz zwischen postkolonial-akademischer, bewegungslinker und regierungspolitischer Linie zu beobachten ist. Die Parole »Nie wieder gilt für alle« linksdeutscher Demonstranten gegen israelische Militäreinsätze steht exemplarisch für die Verschiebung der nominalen Unterstützung Israels als Überlebensgarantie der Juden weltweit hin zur Ablösung der alten Formel »Nie wieder« von ihrem konkreten historischen Kontext – dem Versuch, nach dem Holocaust Sicherheit und Selbstbestimmung für die verfolgten Juden zu gewährleisten, der die Gründung Israels auch war.
In der Umdeutung der Erinnerung liegt auch die tiefere Ursache für die Verantwortungsumkehr in Bezug auf die israelischen Geiseln begründet. Die Hamas konnte Bilder von halb verhungerten Menschen, die in Tunneln ihr eigenes Grab schaufeln, um die Welt senden, und trotzdem wird in erster Linie Israel für das Schicksal der Entführten verantwortlich gemacht. Die Botschaft, die durch die Veröffentlichung solcher Videos an die israelische Bevölkerung gesendet wird, ist so eindeutig wie psychisch zerrüttend für die Gesellschaft: Egal, was wir tun, die Welt steht auf unserer Seite. In der kürzlichen Anerkennung eines palästinensischen Staates durch Portugal, Frankreich, das Vereinigte Königreich und weitere Länder fand diese Drohung ihre formale Bestätigung. Die Scham angesichts von Bildern entführter und verhungernder Juden, die an Aufnahmen befreiter KZ-Insassen erinnern, hält sich bei Leuten in Grenzen, die vom Holocaust nichts mehr wissen wollen.


