Kränkung und Vernichtung

Zur Individualisierung politischer Gewalt
Foto: Olaf2, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Zu den markantesten Krisenphänomenen der Gegenwart gehört zweifellos die individualisierte politische Gewalt. Kaum ein Monat vergeht, an dem nicht irgendwo im Westen ein vereinzelter Einzelner seinen Vernichtungswunsch öffentlich in die Tat umsetzt. Seien es rechte Terroristen, die schwer bewaffnet in Synagogen oder Moscheen stürmen, »Allahu akbar« brüllende Messerstecher, die am helllichten Tage auf Passanten losgehen oder Amokfahrer, die in Weihnachtsmärkte oder Demonstrationszüge rasen: Individuelle Racheakte nehmen zu. Man könnte meinen, angesichts der Häufung solcher Gewalttaten würden sich die öffentlichen Debatten um die Fragen drehen, wo diese neue Form der Gewalt herrührt und wie diese einzudämmen wäre. Stattdessen wird am eigentlichen Problem vorbei debattiert und ihre Ursache in verrohten Diskursen, radikalen Online-Foren, oder wahlweise im Populismus gesucht. Entgegen einem landläufigen Fehlschluss steht am Anfang dieser politischen Gewalt jedoch kein Diskurs und auch keine Hetze, noch nicht einmal eine Ideologie, sondern ein Gewaltbedürfnis. Was der Soziologe Detlev Claussen in den 1990er Jahren über die rassistische Gewalt rechter Jugendgangs feststellte, gilt auch für heutige, meist individuell begangene politische Gewalttaten: Die Ideologie dient als Rationalisierung von Gewalt. Das heißt, die Gewalttäter werden nicht zu Gewalttätern, weil sie ihr Handeln nach einem ideologischen Motiv ausrichten, sondern weil es sie zur Vernichtung drängt und dieses Bedürfnis aus ihrer Sicht nach einer – mal mehr mal weniger schlüssigen – Rechtfertigung verlangt.1Vgl. Detlev Claussen: Rassismus als Rationalisierung von Gewalt, in: Aspekte der Alltagsreligion. Ideologiekritik unter veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen, Frankfurt a.M. 2000, 130–153.

Ein veraltetes Begriffssystem

An der Todesfahrt von Magdeburg, über die seit dem Prozessauftakt am zehnten November diesen Jahres vor dem Landgericht Magdeburg verhandelt wird, lässt sich das verdeutlichen. Ihr politischer Gehalt ist unübersehbar: Ein Autofahrer rast vorsätzlich in einen Weihnachtsmarkt. Der Täter trifft damit ein christliches Symbol und zugleich eine soziale Gewohnheit, die für viele selbstverständlich zur Vorweihnachtszeit gehört; ein Anschlagsziel, das unweigerlich an den islamischen Terroranschlag am Berliner Breitscheidplatz 2016 erinnert. Weil diese Gewalttat die Verletzlichkeit einer Gesellschaft vor Augen führt, die im Wesentlichen auf dem Gewaltverzicht der Bürger aufruht, erregt sie internationale Aufmerksamkeit und animiert Nachahmungstäter. Als Resultat und logische Konsequenz einer Ideologie, also eines weltanschaulichen Systems von Ideen und Überzeugungen, lässt sie sich allerdings nur unter Ausblendung wesentlicher Umstände und Widersprüche präsentieren. Das hielt weite Teile des linksliberalen Establishments jedoch nicht davon ab, ein eindeutiges ideologisches Motiv zu konstruieren, nach dem der Attentäter gehandelt haben soll. So sprächen abfällige Äußerungen über den Islam in sozialen Medien und dabei ausgedrückte Sympathien für die AfD für einen ausgeprägten Islamhass, der ihn zu seiner Tat veranlasst habe.2Siehe etwa Konrad Litschko: Anschlag auf Weihnachtsmarkt: Magdeburg-Täter suchte Kontakt zur AfD-Jugend, taz.de, 16.1.2025. Einen Tag nach der Tat wusste die damalige Bundesinnenministerin Nancy Faeser, wenn auch nicht viel, so doch immerhin eine Sache zu berichten: »Wir können nur gesichert sagen, dass der Täter offensichtlich islamophob war.«3Zit. nach o. A.: Faeser: Täter von Magdeburg war islamfeindlich, zeit.de, 21.12.2024.

Geflissentlich ignorierend, welcher Ort für den Anschlag ausgewählt wurde, war man offenkundig darum bemüht, diesen als rechte Tat zu präsentieren. Auf die Spitze trieb es allerdings ein als »Experte« firmierender Sachverständiger im Bereich »Gewalt- und Radikalisierungsprävention« aus Halle. Dem MDR gegenüber verlautbarte er, der Fall von Magdeburg sei ein klassisches Beispiel »für den globalen digitalen Rechtsextremismus«.4Zit. nach Marcus Engert: Radikalisierungsforscher: Tat von Magdeburg in einer Reihe mit Halle und Hanau, mdr.de, 22.12.2024. Dass hier ein arabischer Migrant handelte, der auf sozialen Medienkanälen mehrfach damit drohte, Deutsche massakrieren zu wollen, sorgte für keinerlei Irritationen. Auch im Umfeld der AfD und anderer Rechter übte man sich in Realitätsabwehr, indem der Täter schlechterdings als Islamist abgestempelt wurde. So passt das, was man meint zu sehen, ohne je richtig hingesehen zu haben, wieder ins eigene Weltbild; die Kategorien stimmen und man kann zur Tagesordnung übergehen: Wie in den USA nach dem Attentat auf Charlie Kirk die einen die gewalttätige Antifa als Drahtzieher wähnten, während die anderen das Übel in rechten Online-Foren und einer für republikanische Haushalte typischen Sozialisierung mit Schusswaffen ausmachen wollten, so warnten hier die einen vor »antimuslimischem Rassismus« und einem gesellschaftlichen Rechtsruck, die anderen vor einer Terror fabrizierenden, links-grünen Politik der offenen Grenzen. Beide Seiten scheitern daran, diese neue Form individualisierter politischer Gewalt auch nur im Ansatz zu verstehen oder gar zu erklären. Stattdessen wird in der öffentlich-medialen Beschäftigung mit dem Thema allzu oft versucht, die gegenwärtigen Gewaltexzesse von Einzeltätern mit einem inzwischen überholten Begriffs- und Kategoriensystem zu erfassen.

Zum Wandel politischer Gewalt

Die politische Gewalt hat spätestens Anfang dieses Jahrtausends einen grundlegenden Wandel erfahren. Noch bis Ende des zwanzigsten Jahrhunderts war der moderne Terrorismus vorwiegend ein strategisches Mittel in asymmetrischen, politisch-militärischen Auseinandersetzungen. Die Terrorgruppen verstanden sich als bewaffneter Arm größerer sozialer Bewegungen wie dem irischen Separatismus bei der IRA oder der sozialrevolutionär ausgerichteten 68er-Bewegung, aus der etwa die Rote Armee Fraktion (RAF) oder die italienischen Roten Brigaden hervorgingen. Die Terroristen waren noch auf die Akzeptanz eines »zu interessierenden Dritten«5Herfried Münkler: Die neuen Kriege, Reinbek b. Hamburg 2002, 184. angewiesen, ihr Terror war ein Mittel zum Zweck. Es ging darum, mit gezielten Anschlägen und Aktionen eine Bevölkerung, oder Teile dieser, zum Kampf gegen eine Besatzungsmacht zu motivieren, oder darum, mithilfe eines revolutionären Subjekts ein politisches System zu überwinden. Die Zweck-Mittel-Rationalität der terroristischen Gewalt konnte zwar schon immer einem allgemeinen Gewalt- und Vernichtungsbedürfnis weichen. In der Regel richtete sie sich jedoch auch an einen Adressaten, auf dessen Wohlwollen und Unterstützung man aus war, und wurde aus diesem Grund weitgehend begrenzt – zumindest wenn man von einschlägigen Terrorgruppen aus dem Nahen Osten oder von umtriebigen rechten Terrororganisationen wie der italienischen Ordine Nuovo absieht. Eine der Grundmaximen vor allem des sozialrevolutionär ausgerichteten Linksterrorismus war es, Unschuldige möglichst zu verschonen.

Davon ist mit dem Aufkommen des islamischen Terrorismus nichts mehr übrig geblieben. Von Restskrupeln kann mit Blick auf Organisationen wie etwa Al-Qaida, Hamas, Boko Haram oder dem IS nicht die Rede sein. Im Gegenteil: Der islamische Terrorismus steht für eine umfassende Entgrenzung von Gewalt. Im Gegensatz zu früheren Terrorgruppen brauchen diese »keinen zu interessierenden Dritten als Legitimationsgrundlage und Adressaten ihrer Aktionen«, denn, so der Politikwissenschaftler Herfried Münkler: »Legitimation und möglicherweise sogar Adressat der Anschläge ist Gott oder das Göttliche, jedenfalls ein Bezug, der keinerlei politisches Kalkül bei der Begrenzung der Schäden und Opfer von Anschlägen erzwingt«.6Ebd., 200. Der Terrorismus wandelte sich also genau genommen vor allem hinsichtlich der auf den Plan tretenden Akteure, die sich seiner Mittel bedienen und zu Terroristen erklärt werden. Seit der Jahrtausendwende dominiert der islamische Terrorismus das Feld der politischen Gewalt. Spätestens mit der Anschlagsserie von allein agierenden Rechtsterroristen zwischen 2018 und 2020 wurde deutlich, dass auch rechte Gewalt – wenn auch in weit geringerem Umfang – eine entgrenzte ist. Hinzu kommt der Anstieg von Amoktaten und politischen Gewalttaten, die sich den gängigen ideologischen Kategorien entziehen – wie etwa der amokartige Terror von sogenannten Incels.

An all diesen Beispielen lässt sich dieselbe Tendenz verdeutlichen: Gegenüber früheren Tagen ist die politische Gewalt von heute, sowohl was ihre Quantität als auch was ihre Qualität angeht, destruktiver, skrupelloser und exzessiver geworden. Die zum Massenmord drängenden Einzeltäter haben allein in den vergangenen fünf Jahren in Deutschland mehr Todesopfer zu verzeichnen als die linksterroristische RAF in den rund dreißig Jahren ihres Bestehens zwischen 1969 und 1998: mindestens neununddreißig gegenüber vierunddreißig Toten. Der norwegische Prototyp des Individualterroristen Anders Breivik oder der Live-Stream-Attentäter von Christchurch Brenton Tarrant haben jeder für sich an einem einzigen Tag noch einmal deutlich mehr Menschen ermordet – 77 Tote und 320 Verletzte im Fall von Breivik, einundfünfzig Tote und fünfzig Verletzte im Fall von Tarrant. Allein dieser Vergleich zeigt, dass es sich hier um einen Unterschied ums Ganze handelt. Und er zeigt, dass der geläufige Begriff von Terrorismus, wie Gerhard Scheit das einmal bemerkte, im höchsten Maße unbrauchbar ist, weil er nicht »zwischen Gewalt als politischem Mittel und Gewalt als Selbstzweck«7Gerhard Scheit: Die Furie des Zerstörens, in: Joachim Bruhn, Jan Gerber (Hg.): Rote Armee Fiktion, Freiburg i.Br. 2007, 128. unterscheidet und damit alle Gewalttaten umfasst, die irgendwie außerstaatlich verübt werden und im entferntesten Sinne politisch aufgeladen sind.

Die Individualisierung des Terrors

Der Terrorismus der Gegenwart hat sich dementsprechend auch hinsichtlich seiner Organisationsstrukturen deutlich verändert. Bildeten Terrorakte, die von autonom agierenden Einzeltätern begangen wurden, bis ins 21. Jahrhundert hinein die Ausnahme, sind sie inzwischen zur Regel geworden. Diesen Trend konstatiert auch der jährlich von Europol veröffentlichte Lagebericht zu Terrorismusgefahren in Europa.8Vgl. Europol: European Union Terrorism Situation and Trend Report, Publications Office of the European Union, Luxemburg 2022. Die empirisch beobachtbare Individualisierung des Terrorismus verweist auf das, was auch Soziologen gemeinhin unter »Individualisierung« verstehen: Sie beruht auf einem Prozess der Auflösung traditioneller Strukturen und Bindungen und der Konstituierung des Individuums als zentraler gesellschaftlicher Instanz.

Die Terrororganisation Al-Qaida hat diese Entwicklung in gewisser Weise antizipiert. Im Jahr 2004, drei Jahre nach 9/11, verkündete der damalige Chefstratege Al-Qaidas einen neuen Modus Operandi: »Individual Terrorism Jihad«9Thomas Kron: Reflexiver Terrorismus, Weilerswist 2015, 428. – den Dschihad des individuellen Terrorismus. Diese Strategie scheint eher von einem BWL-Lehrbuch als von irgendwelchen militärstrategischen Klassikern inspiriert gewesen zu sein. Sie sah für Al-Qaida vor, seine Organisationsstrukturen zu öffnen, bei der ideologischen Indoktrination auf das Internet zu setzen und so die eigene Reichweite und die Effizienz von Ideologie- und Terrorproduktion zu steigern. Das Hauptziel könne, so lautete damals die Devise, angesichts der Antiterrormaßnahmen der USA und ihrer Verbündeten nicht mehr darin bestehen, einige wenige Anschläge im großen Stil zu verüben; stattdessen gelte es viele niedrigschwellige, voneinander unabhängige und weit verstreute Terrorakte anzuvisieren. Protagonist habe nicht mehr die Organisation, die Gruppe oder die Zelle zu sein, sondern der Einzelne. Die oft mühsame Rekrutierung, Ausbildung und Versorgung von geeigneten und fähigen Männern wird damit obsolet: Die Terroristen kommen ganz von allein. Sie radikalisieren sich in Eigenregie an selbstgewählten Inhalten, sie übernehmen die volle Verantwortung und die Planung, von der Beschaffung von Mitteln bis hin zur Ausführung des Anschlags. Der Terrorakt wird damit in ein Projekt des Ichs verwandelt und der Terrorist zum Unternehmer seiner selbst. So steht der Strategiewechsel Al-Qaidas ganz im Zeichen des postmodern-kapitalistischen Wandels in Ökonomie und Arbeitswelt, der sich auf die Formel: Deregulierung, Auslagerung, Digitalisierung, Flexibilisierung und Privatisierung bringen lässt.

Die Realisierung einer solchen Strategie setzt allerdings voraus, dass es überall bereits total vergesellschaftete Individuen gibt, die ganz von sich aus dazu bereit sind, den Schutz, die handfeste Unterstützung, die geteilte Verantwortung und die innervierende Kraft einer realen Bezugsgruppe gegen das alleinige Risiko und die vollkommene Selbstverantwortlichkeit einzutauschen. Vorausgesetzt ist ein den gesellschaftlichen Verhältnissen entsprechend geformtes Subjekt, das, wie Clemens Nachtmann es einmal prägnant ausgedrückt hat, »sich selbst als den absolut verantwortlichen Zurechnungspunkt seiner Handlungen und Mittelpunk des sozialen Geschehens begreift und […] alle anderen Menschen und Dinge als Material und Rohstoff seiner Bestrebungen und Handlungen«.10Clemens Nachtmann: Identitätspolitik. Oder: Wie man lernt, sich selbst einzusperren und das Gefängnis zu lieben, in: casa|blanca, N° 2/2024, 18. Von einem solchen Subjekt wird nicht mehr nur die bloße Verausgabung von Arbeitskraft, sondern die Verausgabung des ganzen Menschen erwartet.

Ob der effekthascherische Anschlag von Halle, das Messerattentat von Solingen oder die Amokfahrt von Magdeburg, sie alle weisen zwei entscheidende Gemeinsamkeiten auf: Erstens werden sie von allein handelnden Tätern begangen, die in keinerlei Organisationsstrukturen eingebettet sind und sich dadurch selbst mit ihren Gewaltdemonstrationen in den Mittelpunkt stellen. Zweitens ist das Ziel und der Fluchtpunkt der Gewalttaten die Gewalt selbst. Dieser zweite Punkt ist entscheidend für den ersten. Die Täter folgen keinem politischen Programm wie im klassischen Terrorismus, als der Terrorakt noch einem außer ihm liegenden Zweck dienen sollte, sondern legen es voll und ganz aufs Töten an. Ihre Gewalt ist ein Selbstzweck. Das ist im Wesentlichen der Grund, warum es immer schwieriger wird, einen Terrorakt eindeutig von einer Amoktat zu unterscheiden. In beiden Fällen geht es nicht primär um das, was die Gewalt in der äußeren Wirklichkeit, sondern um das, was sie in den Attentätern selbst bewirkt. Diese geben sich, indem sie alle Hemmungen ablegen, ganz dem als lustvoll erlebten Gewaltexzess hin und dürfen damit rechnen, dass ihnen dadurch die ungeteilte öffentliche Aufmerksamkeit zuteilwerden wird. Auch aus diesem Grund ist eine solche Gewaltform wie geschaffen für leicht zu kränkende und an den Rand der Gesellschaft gedrängte Individuen.

Motive radikaler Verlierer

Um das verständlich zu machen, lohnt es sich, den Fall von Magdeburg etwas genauer zu betrachten. An ihm lässt sich nämlich zeigen, in welchen Formen die individualisierte politische Gewalt üblicherweise verläuft und was die Täter im Kern zu ihren Gewalttaten bewegt. Drei Stadien lassen sich bei einer rekonstruierenden Betrachtung der Biografie des Attentäters von Magdeburg unterscheiden: Kränkung, Rachephantasien, Vernichtung. Taleb A., ein fünfzigjähriger Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, der als Arbeitsemigrant aus Saudi-Arabien nach Deutschland kam, fühlte sich durch zahlreiche Anlässe gekränkt. Mal war es der Umgang deutscher Behörden mit saudischen Flüchtlingen, mal die empfundene Dreistigkeit einiger Weggefährten, die auf seine wirren Erzählungen mit Zurückweisung und Abstand reagierten, mal war es die Kritik von Kollegen oder Vorgesetzten. Auf jede dieser Erfahrungen reagierte er aggressiv. Sehr bald fühlte er sich von allen möglichen Seiten bedroht. Die eklatante Selbstüberschätzung, die sich in der Überzeugung offenbart, er sei der größte Islamkritiker der Geschichte, vergleichbar allenfalls mit Sokrates, das Misstrauen seinen Mitmenschen gegenüber, die paranoide Vorstellung, der saudische Geheimdienst hätte eine elektronische Armee auf ihn angesetzt, die übertriebene Beschäftigung mit sich selbst – das alles spricht unmissverständlich für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Das heißt, dass sich hinter der Fassade des von seiner eigenen Grandiosität überzeugten Psychiaters und engagierten Flüchtlingshelfers ein Mensch mit einem äußerst fragilen Selbstwert verbarg. Der Narzisst ist in einem inneren Widerspruch gefangen – dem Widerspruch zwischen übertriebener Selbstliebe und tief verborgenem Selbsthass. Er neigt schon deshalb zur Aggressivität, weil er diesen Widerspruch nur dadurch auszuhalten vermag, dass er seine Außenwelt als ihm gegenüber feindlich gesinnt wähnt. Jede Äußerung, jede Tatsache, die seinem Selbstbild widerspricht, wird als Angriff auf seine Existenz als solche empfunden. Die unvermeidbare alltägliche Konfrontation mit der Realität allein genügt, um ihn nachhaltig zu kränken.

Aber das allein macht aus einem psychisch Auffälligen noch keinen Massenmörder. Er selbst muss seinen Teil dazu beitragen, wie Hans Magnus Enzensberger es vor zwanzig Jahren bereits formuliert hat. Er »muß sich sagen«, so Enzensberger: »Ich bin ein Verlierer und sonst nichts«.11Hans Magnus Enzensberger: Schreckens Männer. Versuch über den radikalen Verlierer, Frankfurt a.M. 2006, 9. Mit Blick auf die Anfang der 2000er Jahre sich häufenden Amokläufe und islamischen Selbstmordattentate hat Enzensberger den überaus treffenden Begriff des »radikalen Verlierers« geprägt. Der radikale Verlierer ist ein Typus, der sich von anderen Menschen absondert und sich in Allmachtsphantasien ergießt, der sich nach einer Macht sehnt, die er einzig in der Vernichtung des Anderen zu finden glaubt. Ihn zeichnet eine mörderische Wut aus, die sich aus seinem ständigen Gefühl speist, gedemütigt und erniedrigt zu werden. Geradezu obsessiv sucht er die Schuld bei Anderen, bei einer bestimmten Feindgruppe oder gegebenenfalls bei den Nächsten in seiner Umgebung, nur um ja nicht den Gedanken zulassen zu müssen, dass das Problem, das er auf andere projiziert, bei ihm selbst liegen könnte. Er kann aber nie den Verdacht vollends ausräumen, dass er, »der Gedemütigte selber schuld ist an seiner Demütigung, daß er den Respekt, den er einfordert, gar nicht verdient und daß sein eigenes Leben nichts wert ist«.12Ebd., 15. Dieser Sog, aus dem es kein Entrinnen gibt, dient ihm zugleich als Quelle seiner destruktiven Energie.

Was also machte der Attentäter von Magdeburg aus seiner Misere? Er sann nach Rache. Jede Zurückweisung nährte in ihm das Bedürfnis, die empfundene Demütigung zu vergelten, das Unrecht, das ihm angetan wurde, zu rächen. Bereits 2013 drohte er der mecklenburgischen Ärztekammer mit Handlungen, »die international Aufsehen erregen würden«,13Zit. nach MDR Sachsen-Anhalt: Attentat in Magdeburg: Was über den Täter Taleb A. bekannt ist, mdr.de, 16.6.2025. wobei er auf einen islamischen Terroranschlag in den USA anspielte. Der Grund waren Prüfungsleistungen, die die Ärztekammer nicht anerkennen wollte. Vor allem in den letzten Jahren vor seinem Anschlag verlautbarte er mehrfach, es dem deutschen Staat heimzahlen zu wollen, deutete Gewalttaten an und verkündete öffentlich, dass er Deutsche schlachten würde – für Faeser und Co. offenbar kein Grund, von der Deutung der Todesfahrt als rechtsextreme und »islamophobe« Tat abzurücken.

So findet der radikale Verlierer keine Ruhe, ehe er nicht zum Äußersten schreitet. Er sucht seine Erlösung in der Entgrenzung, dem Ausbruch aus dem Alltagstrott, der für ihn nur Ohnmacht und eine Kränkung nach der anderen bedeutet. Sein Hass und seine Rachephantasien geben ihm einen Lebenszweck und entfalten erst seine destruktive Energie. Während der Depressive in Selbsthass und Lethargie versinkt, ist der Hasserfüllte tüchtig wie eine Ameise. Ihn treibt vor allem die Vorstellung an, es eines Tages der Welt zeigen zu können, dass er der Größte ist, ein verkanntes Genie sondergleichen. Weil er insgeheim weiß, dass er nie Teil von etwas Großem sein wird, wünscht er sich kompensatorisch selbst das große Ganze zu sein, indem er einen Aufsehen erregenden Abgang wählt. Seine Gewalt ist demonstrativ und sucht sich einen sensiblen Ort in der Öffentlichkeit, denn auch im Moment der Entgrenzung ist er abhängig von der Anerkennung von außen. Die panischen Reaktionen um ihn herum, das Aufgebot der Sicherheitskräfte und der mediale Rummel geben ihm schlussendlich die ersehnte Bestätigung seiner narzisstischen Grandiosität. Das Empfinden vollkommener Erhabenheit beruht auf der Selbstermächtigung durch das Töten. Es gibt wohl nichts, was dem Einzelnen ein größeres Gefühl von Allmacht verleiht, als einmal Herr über Leben und Tod eines Anderen zu sein.

Der Islam als Mobilmacher

Der Gewaltexzess übt also eine unvergleichliche Anziehungskraft auf radikale Verlierer aus – denn letztlich sehnen sie sich nach einer außer ihnen liegenden Lösung ihrer inneren Konflikte. Wie aber erklärt sich die wachsende Zahl an radikalen Verlierern, die sich gegenwärtig mit individuellen Gewalttaten bemerkbar machen? Um diese Frage zu beantworten, ist zunächst einmal zur Kenntnis zu nehmen, wer da genau tötet: Es sind so gut wie immer Männer und in der Mehrzahl der Fälle handelt es sich um solche, die sich zum Islam bekennen oder zumindest nach islamischen Überzeugungen und Praktiken sozialisiert worden sind. Enzensberger liefert eine schlüssige Erklärung dafür, dass gerade sie sich besonders als radikale Verlierer eignen: »Dem, der sich eine Überlegenheit zuschreibt, die in der Vergangenheit als selbstverständlich galt, und der sich nicht damit abgefunden hat, daß die Tage dieses Primats abgelaufen sind, wird es unendlich schwerfallen, mit seinem Machtverlust fertigzuwerden«.14Enzensberger: Schreckens Männer, 8 f. Islamische Gemeinschaften produzieren den destruktiven Charaktertypus des radikalen Verlierers in außerordentlichem Maße aus sich selbst heraus. Das hängt größtenteils mit dem sich ständig mit der Realität beißenden Selbstbild zusammen, das ihren männlichen Anhängern eingebläut wird: Sie seien Frauen und den sogenannten »Ungläubigen« überlegen, ihre Religion und das Wort ihres Gottes die letztgültige Wahrheit. Ein Blick auf westliche Gesellschaften führt jedoch unleugbar vor Augen, dass Frauen frei, selbstbewusst und dem Mann ebenbürtig auftreten können, während sich umgekehrt islamisch dominierte Gesellschaften gerade nicht durch ihre Überlegenheit, sondern durch Unfreiheit, Stagnation und Gewalt auszeichnen.15Siehe dazu Ruud Koopmans: Das verfallene Haus des Islam. Die religiösen Ursachen von Unfreiheit, Stagnation und Gewalt, München 2020; Dan Diner: Versiegelte Zeit. Über den Stillstand in der islamischen Welt, Berlin 2005. Zugleich ist der von seiner Überlegenheit Überzeugte in ökonomischer, technischer und intellektueller Hinsicht vom »ungläubigen« Westen nahezu vollständig abhängig.

Hinzu kommt eine rigide Sexualmoral, die in islamischen Communitys vorherrschend ist. Das Verheißungsversprechen von der ungehemmten Auslebung sexueller Phantasien im Jenseits – Stichwort: zweiundsiebzig Jungfrauen – steht in eklatantem Widerspruch zur Versagung sexueller Lust im Diesseits. Auch hier muss der Blick auf westliche Gesellschaften, wo Sexualität um ein Vielfaches freier ausgelebt werden kann, eine ungemeine Demütigung darstellen. All diese Kränkungen machen den Islam, oder besser, das spezifisch islamische Angebot zur Lösung seiner inneren Krise, für den radikalen Verlierer umso attraktiver: Als Dschihadist, als Kämpfer des göttlichen Willens meint er kein Verlierer mehr zu sein und stattdessen den Rückhalt einer ganzen Glaubensgemeinschaft hinter sich zu haben; anstatt die Widersinnigkeit seines Überlegenheitsdünkels zu akzeptieren, wittert er Intrigen dämonischer Mächte – im Zweifel der Juden –, denen er sich stellen kann, indem er alle Nichtmuslime zu Feinden des Islam erklärt; so viele von ihnen wie möglich auszulöschen, ist sein Weg, Gerechtigkeit wiederherzustellen und sich einen Platz im Paradies zu sichern. Keiner anderen Ideologie, keiner anderen Bewegung gelingt es derzeit so viele radikale Verlierer zu mobilisieren wie dem radikal-islamischen Dschihadismus.

Gewalt im Zeichen der Krise

Der Islam ist nichtsdestotrotz nur eine von unzähligen Rechtfertigungsgründen für das Gewaltbedürfnis radikaler Verlierer. Auch Nazis und solche, die gerne welche wären, sexuell frustrierte Elendsgestalten, schikanierte Schüler und Männer in persönlichen Krisen wählen den Weg der politischen Gewalt. Sie verdeutlichen, dass noch allgemeinere Gründe für die wachsende Attraktivität des Tötens vorliegen. Die Häufung individualisierter politischer Gewalttaten gehört zu den gegenwärtigen Krisen- und Zerfallserscheinungen. Sie ist Teil der neuen postmodern-kapitalistischen Normalität. Clemens Nachtmann hat vor wenigen Jahren erklärt, dass der »postmoderne Kapitalismus« einen rein destruktiven Charakter aufweist. Bei ihm handele es sich um kein neues »Stadium« des Kapitalismus, wie er sagt, sondern um ein »permanentes Abwrackunternehmen«,16Clemens Nachtmann: Das woke Kapital. Von der verwalteten zur betreuten Welt, Vortragsankündigung, thunderinparadise.org, 29.1.2022. das die Entgrenzung des Kapitalismus vorantreibe. Basierte der sozialstaatlich organisierte Industriekapitalismus noch auf dem Versprechen an jeden Einzelnen, er werde nicht einfach aus dem System herausfallen und sich selbst überlassen, niemand gerate aufgrund von Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Altersschwäche in existenzielle Not, verheißt der seit mindestens dreißig Jahren beobachtbare sukzessive Abbau des Sozialstaats alles andere als eine rosige Zukunft. Die Daseinsfürsorge, für die der Staat einst eintrat, ist dem Einzelnen aufgebürdet worden. An die Stelle der Aussicht auf einen festen Arbeitsplatz und den Anstieg des eigenen Lebensstandards im Laufe der Zeit ist eine generelle Perspektivlosigkeit getreten. Die postmodernen Subjekte sind konfrontiert mit der voranschreitenden Prekarisierung von Arbeitsbedingungen, der Erosion von Normalität, dem Zerfall all dessen, was für lange Zeit als selbstverständlich galt, was einmal ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen erzeugte.

In kaum etwas sind sich die Menschen heute so ähnlich wie in ihrer potenziellen Überflüssigkeit in einer maßgeblich Überflüssiges produzierenden Welt. Zugleich wird von jedem Einzelnen erwartet, sich das Ideal einer nie abschließbaren Selbstverwirklichung in der Arbeit und im Konsum als individuellen Anspruch an sich selbst zu eigen zu machen. Die Folge ist eine permanente Mobilmachung des Selbst zur Profilierung und Persönlichkeitsentwicklung. Wer Anerkennung will, muss sich anpassen. Wer sich anpassen will, trifft auf eine instabile und konturlose Wirklichkeit. Die damit überforderten und erschöpften Subjekte erleben die täglichen Anforderungen und Erwartungen als permanente Zumutung, Demütigung und Kränkung. Jeder Misserfolg, jede Zurückweisung und jede Enttäuschung wird als Ausweis eigener Defizite ausgelegt. Die Frage, ob jemand angesichts dessen in eine tiefe Depression versinkt, sich auf Hass und Ressentiments versteift oder einigermaßen mit dem wachsenden Druck umzugehen vermag, ist schlussendlich eine individuelle. Das Potenzial zur Destruktivität ist aber allgegenwärtig, wie nicht zuletzt die Verstetigung der gesellschaftlichen Polarisierung und das den Alltagsvollzug begleitende Grundrauschen der Gehässigkeit und Aggressivität deutlich machen.

So, wie die Welt derzeit eingerichtet ist, wird sie die alltäglichen Kränkungs- und Ohnmachtserfahrungen nur noch weiter potenzieren. Das heißt, dass niemand sich diesen Erfahrungen grundsätzlich entziehen kann. Ebenso wird niemand ernsthaft behaupten, noch nie ein nur schwer zu unterdrückendes Bedürfnis verspürt zu haben, anderen zu schaden. Die wenigsten Menschen aber geben diesem Drang nach Rache und Vernichtung nach. Das Radikale, das den radikalen Verlierer auszeichnet, ist somit das ausdrückliche Ja zu der in ihm schwelenden Destruktivität. Die Anzahl derjenigen, die zu diesem Ja bereit sind, wird zweifellos noch weiter ansteigen. Solange sich die Verhältnisse nicht zum Besseren wenden, ist es nur bedingt möglich, das Problem der individualisierten politischen Gewalt durch Prävention oder Repression einzudämmen. Die Realitätsverweigerung und der Defätismus, die in Europa und vor allem in Deutschland grassieren, wenn es um islamischen Terror und islamische Landnahme geht, zeigen allerdings, dass auf gesellschaftlicher Ebene wenig Interesse besteht, der politischen Gewalt etwas entgegenzusetzen – und sei es nur ein ausdrückliches Ja zum Leben statt zum Tode.


Bei diesem Text handelt es sich um die überarbeitete Schriftfassung eines Vortrags, der bei der von der AG Antifa ausgerichteten Veranstaltung »Sechs Monate nach Magdeburg. Die Individualisierung politischer Gewalt und ihre gesellschaftliche Verdrängung« am 21. Juni 2025 in Halle a.d. Saale gehalten wurde.

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