Zur Psychopathologie des Politischen

Editorial N° 2/2025
Foto: © Lukas Sarvari.

Vor beinahe zwei Jahren hatte der Publizist und Medienwissenschaftler Norbert Bolz auf X einen Taz-Beitrag mit der Überschrift AfD-Verbot und Höcke-Petition: Deutschland erwacht mit den Worten kommentiert: »Gute Übersetzung von ›woke‹: Deutschland erwache!«. Deswegen ermittelt inzwischen die Berliner Staatsanwaltschaft wegen der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Am 23. Oktober 2025 erhielt Bolz Besuch von Einsatzkräften der Polizei, die angerückt waren, um Beweismaterial sicherzustellen. Weil in solchen Fällen normalerweise zunächst ein Anhörungsbogen übermittelt wird, ist davon auszugehen, dass die Polizeimaßnahme allein der Einschüchterung dienen sollte. Es ist kein Einzelfall, die Verfolgung von Meinungsdelikten hat Hochkonjunktur in Deutschland. Der Fall Bolz wurde auch nicht von einem ordinären Denunzianten initiiert, sondern die staatliche Meldestelle Hessen gegen Hetze hatte sachdienliche Hinweise ans Bundeskriminalamt übermittelt. Während der Staat den Bürgern verstärkt im Privaten auf die Pelle rückt, wird die Sicherheit des öffentlichen Raumes und damit Zivilisiertheit als »ein Verhalten, das die Menschen voreinander schützt und es ihnen zugleich ermöglicht, an der Gesellschaft anderer Gefallen zu finden« (Richard Sennett), preisgegeben. Die Eskalation hat inzwischen die gesamte Gesellschaft erfasst, deren anomischer Charakter nicht erst in Bahnhofsgegenden sichtbar wird, wo gesundheitlich verwahrloste Abhängige und Kleinkrimimelle bis zur totalen Erschöpfung um Geld und Stoff rangeln. Die Zersetzungstendenzen zeigen sich ebenso in der öffentlichen Kommunikation, die sich fast restlos ins Digitale verlagert, was die Möglichkeit begünstigt, Leuten, die einem nicht passen, anonym nachzustellen und gleichzeitig jedem, der einen unbotmäßig kritisiert, aus dem Weg zu gehen.

Nach der Ermordung des der MAGA-Bewegung nahestehenden konservativ-christlichen Aktivisten Charlie Kirk in Utah wurde deutlich, dass selbst die öffentliche Hinrichtung eines politisch Missliebigen statt Schock und Empörung eine kollektive Gehässigkeit auslöst, die noch vor zehn Jahren undenkbar gewesen wäre. Die im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und auf diversen Plattformen zirkulierenden Falschdeutungen von Kirks Äußerungen stimulierten die politisch korrekte Freude repressiv Entsublimierter, bei denen die Bereitschaft zum Bürgerkrieg psychisch bereits voll ausgebildet ist. Im TV-Interview ätzte Deutschlands beliebteste Politikerin, Heidi Reichinnek: »Man freut sich niemals über den Tod von anderen, aber man muss auch an der Stelle kein Mitleid oder Respekt vor dieser Person haben. Ich bin überrascht, dass dieser ultrarechte Nationalist jetzt an vielen Stellen so betrauert wird.« Der Verzicht auf Pietät markiert die Transformation der Reste der westlichen Welt in ein entbürgerlichtes Massenracket, in dem zu bestehen immer häufiger totale Verrohung voraussetzt. Immerhin bekam Elmar Theveßen, Leiter desZDF-Studios Washington,der die Falschbehauptung verbreitet hatte, Kirk habe sich für die Steinigung von Schwulen ausgesprochen, nach kritischen Tönen aus den USA kalte Füße und bemühte sich um eine Entschuldigung. Seine späte Reue jedoch ging unter, weil in deutschen Medien ein weiteres Opfer der Kirk-Ermordung ausfindig gemacht wurde: Dunja Hayali, die Kirk unmittelbar nach seinem Tod als Unmenschen diffamiert hatte. Die Reaktionen veranlassten Hayali zum pathetisch-pikierten Rückzug aus der Medienöffentlichkeit. Richard David Precht hat verdeutlicht, wie es in Leuten denkt, die beim Einfordern des Rechts aufs Beleidigtsein jeden Realitätsbezug abstreifen: »Jemanden zu canceln, ist für mich Faschismus. ›Shitstorm‹ ist ein modernes Wort für Pogrome.«

Mit Faschismus kennen sich auch die Antideutschen aus, die in Texten und Vorträgen bereits mehrfach beerdigt wurden. Allein: Sie machen weiter; die einen an der Hochschule und im kritisch-bildungsbeflissenen Vortragsgeschäft, andere als theoretisch informierte Nachplapperer der rot-grünen Parteipolitik. Ein besonders umtriebiger Zeitgenosse ist der Geopolitik-Experte Thomas von der Osten-Sacken, der zu ziemlich allem eine Erfahrung und Meinung beisteuert, schwerpunktmäßig aber Empörung gegen jeden produziert, der etwas gegen die Orientalisierung des Westens hat. Zu Kirk hatte Osten-Sacken etwas zu sagen, weil er ihn als Stichwortgeber der – selbstverständlich faschistischen – US-Regierung verachtet, was ihn in die Nähe von Goebbels und Heydrich rückt: »Was by the way, ganz besonders nicht in Deutschland, je als Argument für irgendwas herangezogen werden sollte: Dass wer, ich zitiere, ›liebender Familienvater‹ war. Das waren bekanntlich KZ-Kommandanten und SS-Einsatzkommandoleute oft auch.« Kein Wort darüber, dass die Nazis die Kleinfamilie, die sie als Ideal fetischisierten, in der Praxis als Sphäre individueller Gewissens- und Urteilsbildung liquidierten: Sie müssen zur Karikatur ewiggestriger Konservativer werden, damit Kirk als einer der ihren durchgeht. Solches überheblich vorgetragene Viertelwissen teilt Osten-Sacken mit dem jungdynamischen Haltungsmilieu, dem er sich auch sonst rapide annähert, etwa in der staatskonformistischen Verachtung sogenannter Alternativmedien: »Wie lange dauert es noch, bis Nius fragt: War Charlie Kirk der zurückgekehrte Jesus, der uns alle erlösen kam und wir (bzw. die Linken) haben ihn getötet?« Die Neigung, alle, die anderer Meinung sind als man selbst, wahlweise als Faschisten, Christen oder Putinknechte zu verleumden, ist nicht bloß Ausdruck einer Marotte, sondern Teil einer Mobilmachung gegen die Feinde »unserer Demokratie«, an der sich auch Leute beteiligen, deren pathetischer Kampf für den Westen anscheinend nie mehr war als Wokeness avant la lettre. Auch in den Mainstreammedien zeigte man sich angesichts der professionell durchchoreographierten Trauerfreier betont kritisch. Die Süddeutsche Zeitung fand lobende Worte einzig für Erika Kirk, die dem Täter unter Tränen vergab: »Der Idee von Nächstenliebe und Vergebung kann der US-Präsident allerdings nicht folgen. Kirk habe seine Gegner nicht gehasst, ›er wollte das Beste für sie‹, sagt Trump. ›In diesem Punkt war ich mit Charlie nicht einer Meinung. Ich hasse meine Gegner und will nicht das Beste für sie. Tut mir leid, Erika‹.«

Diejenigen, die Trump vorhielten, er hätte es der Witwe gleichtun sollen, scheinen keinen Schimmer davon zu haben, was Vergebung ist. Sie ist ein individueller Akt, keine juristische oder politische Kategorie. Hätte der amerikanische Präsident dem Täter »vergeben«, hätte er sich lächerlich gemacht; dass er sich stattdessen zum Hass auf seine Gegner bekannte, während er zugleich Kirks Wohlwollen und Zivilität positiv hervorhob, verweist darauf, dass Trump ein Bewusstsein für die Antinomien des Politischen hat, die hierzulande zugunsten abgeschmackter Gesinnungsbekundungen verdrängt werden. In Deutschland und in wachsendem Maße in Westeuropa insgesamt ist man bereit, vor Feinden zu kapitulieren, und betrachtet es als moralische Qualifikation, Schurken möglichst lange an der Macht zu halten – Hauptsache, der Dialog läuft. Die Beerdigung wurde deshalb zum Anlass genommen, die immer schon falsche These von einem christlich-weißen Faschismus in den USA aufzuwärmen. Halte brav die andere Wange hin: So hätte man hier das Christentum gern, ignorierend, dass Christen weltweit immer brutaler verfolgt werden. Deswegen gibt es kaum eine Region der Welt, in der das Bedürfnis so groß ist, Israel unter palästinensische Gewaltherrschaft zu zwingen. Netanjahu hassen alle, weil er kämpft. Neu ist, dass sich der Souverän ganz offen mit dem Gegensouverän verbündet und diese Unterwerfung auch vom Wahlvolk verlangt. Der Kanzler hat nur scheinbar einen Kurswechsel eingeleitet. Von der Islamisierung der Städte sprach er gerade nicht, sondern von dubiosen Gammlern und Kriminellen aus dem Ausland; vom Stadtbild, aber nicht von verschleierten Frauen und den Herrenmenschen, die sie bewachen. Stattdessen entdecken hierzulande auch gefühlt Konservative den Islam für sich.

In der Welt vom 25. Oktober 2025 hat der Politikredakteur Till-Reimer Stoldt unter der ans »Wort zum Sonntag« erinnernden Überschrift Warum muslimische Erziehung ein Segen sein kann die durch islamische Verbände wie DİTİB betriebenen Kindergärten als Möglichkeit gepriesen, Kinder vor dem Zugriff woker Erzieher und sonstiger schädlicher gesellschaftlicher Einflüsse zu schützen. Erscheinungen wie das transaktivistische Mantra, Männer hätten bisweilen eine Gebärmütter, stehen neben pädokriminellen Auswüchsen einer überkommenen Reformpädagogik, die der Autor als verfrühte Sexualisierung wiederkehren sieht. Auch gegen diese sei die islamische Kindererziehung ein Bollwerk, weil sie »Distanz zur Mehrheit« halte. Gegen teilweise berechtigte Kritik zeitgemäßer Subjektzurichtung, die auch vor Kitas nicht Halt macht, die heilsame Wirkung des Islams in Stellung zu bringen, kann nur mithilfe einer massiven Schönfärbung von letzterem erkauft werden, zumal wenn er in Gestalt türkischer Islamverbände agiert. Dafür muss zuerst der unstrittig geringe Anteil an Terroristen an der muslimischen Bevölkerung ins Feld geführt werden, als würde dieser Umstand die Harmlosigkeit des konservativen Alltagsislams belegen. Alsdann wird »Religion« als solche als Garant für Lebensqualität gepriesen, ohne auf die Unterschiede zwischen in Genese und Gestalt vollkommen verschiedenen Glaubensinhalten zu reflektieren, und als wäre DİTİB der Dachverband der evangelischen Wohlfahrtsverbände. Auch die postulierte Menschenfreundlichkeit »religiöser Beheimatung« ist nur um den Preis der Nivellierung jeder Differenz zwischen Islam und Christentum zu haben. Für Stoldt scheint der Islam sogar die vitale Alternative zu sein. Über dessen Zurichtungen, von denen »Frühsexualisierung« in Gestalt des Kinderkopftuchs nur eine ist, kann immer noch gestritten werden, wenn die Reste westlicher Vergesellschaftung abgeräumt wurden: »Muslimische Kitas stemmen sich gegen den Glaubensverlust, der in der christlich geprägten Bevölkerung rasant voranschreitet. Sie versuchen ihre Kinder von klein auf in einer religiösen Tradition zu beheimaten – natürlich nicht nur, aber inzwischen auch durch Kitas. Und das ist gut so. Auch von einer rein humanistischen Warte aus betrachtet.«

Der Islam als letzte Bastion gegen die Wokeness, die Idee ist nicht neu. Als Gegenreaktion auf die diversitätspolitische Forderung, den Menschen selbst zu überlassen, was als Geschlecht und als Familie definiert wird, mobilisieren von der Sexualität generell Verängstigte und Enttäuschte anachronistische Familien- und Rollenbilder. Tatsächlich gibt es eine Wahlverwandtschaft zwischen dem islamischen und libertären Familienbild, gemeinsam ist beiden das Bedürfnis nach dem Vorgesellschaftlichen. Libertäre reagieren auf die reale Entmachtung der Väter mit der Rekonstitution des Vaters als Ernährer und Survivalist. Familie wird nicht mehr als Bedingung für Individuation gedacht, sondern als Aus- und Abschluss jeglicher Entwicklung herbeigewünscht. Indessen kehrt der Orientkomplex in postmoderner Variante wieder. Während sich im 19. Jahrhundert hinter dem Fimmel für orientalische Exotik die »Lust an der Peitsche und dem kalten Blick des Sklavenhändlers« (Dolf Sternberger) verbarg, lockt heute die Knechtschaft der islamischen Familientyrannei, weil die eigenen Kleinen aus dem Ruder laufen und Väter und Brüder schwach und entscheidungsunfähig sind – was, wie oft vergessen wird, nicht das Schlechteste sein muss, sofern es sich bei den Entmächtigten um autoritätssüchtige Deppen und Dilettanten handelt. Vielleicht ist es die Ahnung vom humanisierenden Potential der Einschränkung größenwahnsinniger Selbstermächtigung, die heutige Biedermänner noch am ehesten von den Verächtern des Common Sense unterscheidet, zu denen ihre unerhellte Neigung sie zieht.

Weitere Texte

Entdecke mehr von casa|blanca

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen