Wenn die Wahrheit zu schwach ist, sich zu verteidigen,
muß sie zum Angriff übergehen.
— Bertolt Brechts Galilei1Bertolt Brecht: Leben des Galilei, in: ders.: Gesammelte Werke, Bd. 3, Frankfurt a.M. 1967, 1260.
Bald nach der Veröffentlichung seines Buches Die Macht der Mullahs im Jahr 2006 lud die Gruppe Morgenthau den Autor Thomas Maul nach Frankfurt ein. Die Vortragsveranstaltung fand im Café Kurzschlusz statt, dem AStA-Café der Fachhochschule, das von der Frankfurter Prozionistischen Linken programmatisch geprägt und von deren Mitglied Ralf »Möfpf« Meyer bewirtet wurde, der auch am Tresen die bedingungslose Solidarität mit Israel verteidigte und darüber hinaus so einleuchtend für den Kommunismus agitierte, dass man schon ein schlechter Mensch sein musste, um nicht wenigstens ins Grübeln zu kommen. Der »Generalsekretär«, wie Möfpf sich zuweilen selbst vorstellte, starb im Jahr 2017. Bis dahin war er in Frankfurt Teil dessen, was Gegner und Sympathisanten die »Antideutschen« nannten. Wirkungsstätten solcher – von konspirativen Grüppchen mit dick auftragenden Namen organisierten – Veranstaltungen waren Kneipen oder zu Kneipen umfunktionierte studentische Räume. Aus dieser Praxis, zu der die Lust aufs Diskutieren neuer Texte und Bücher ebenso zählte wie die Bemühung, mittels Provokationen das Denken zu befördern, ergaben sich – trotz aller Eitelkeiten und Sektierereien – auch Augenblicke, in denen das Politische glückte und sogar Spaß machte. Nur weil’s im Zuge der Historisierung untergeht: Nicht immer war »antideutsch« der sinnlose Krampf, der seit mehr als zehn Jahren in Kommentarspalten davon übriggeblieben ist.
Im Zentrum von Thomas’ Vortrag gegen die islamisch motivierte Auslöschung weiblicher Individualität stand die ungewohnt realpolitische Forderung nach einem generellen Kopftuchverbot an Schulen. Der später als »Rechtsantideutscher« gelabelte Kritiker hat stets für Verhältnisse gestritten, in denen sich autoritäre Feinde sexueller Freiheit nicht wohlfühlen; an Migrations- oder Abschiebedebatten zeigte er sich hingegen desinteressiert. In relativierender Absicht vorgetragene Ausreden ließ er den taktierenden Helfershelfern der Mullahs, die das Kopftuch als bloßes Kleidungsstück einer friedfertigen Religion verkaufen wollen, nicht durchgehen: »Kreuz und Kippa sind heute abstrakte Symbole von Religionen, die mit den universalen Menschenrechten nicht auf Kriegsfuß stehen. Das Kopftuch dagegen ist ein konkretes Symbol und Unterdrückungstechnik des konservativ-orthodoxen Islam bzw. Islamismus.«2Thomas Maul: Die Macht der Mullahs. Schmähreden gegen die islamische Alltagskultur und den Aufklärungsverrat ihrer linken Verteidiger, Freiburg i.Br. 2006, 161.
Die zwangsweise Verschleierung von Schülerinnen, deren Familien über ihr Verhalten wachen, unterlaufe den Schulauftrag, der neben der Wissensvermittlung auch beinhalte, alle Schüler gleichberechtigt zu staatsbürgerlichen Subjekten zu erziehen, die im Rahmen der Gesetze frei ihre persönlichen Interessen verfolgen können. Dem Einwand, dass freiwillig Verschleierte durch ein Verbot diskriminiert würden, entgegnete Thomas, dass ein solches gar nicht die Falschen treffen könne: Es seien gerade auch die freiwillig Bekopftuchten, die ihre nicht-verschleierten Geschlechtsgenossinnen als unrein markieren und von der Selbstunterwerfung lustvoll profitieren – und zwar nicht nur dahingehend, dass signalisierte Keuschheit mehr Ruhe vor Bruderhorden im öffentlichen Raum garantiert: »[S]ubjektiv geil am und unterm Schleier ist vor allem die halluzinierte Potenz, alle Männer bereits dadurch ›verrückt‹ machen und damit die umma in ihrem Bestand gefährden zu können, daß nur die eigene Haarpracht freigelegt würde. Zugleich erhebt das Kopftuch seine keuschen Trägerinnen zumindest dort, wo kein staatlicher Schleierzwang herrscht, über jene Frauen, denen die (religiöse) Stärke und Kraft abgesprochen wird, sich für die Verschleierung und die damit einhergehenden Entbehrungen zu entscheiden.«3Thomas Maul: Sex, Djihad und Despotie. Zur Kritik des Phallozentrismus, Freiburg i.Br. 2010, 203.
Für diversitätsverliebte Progressive war Thomas damit schon persona non grata. In späteren Texten und Vorträgen proklamierte er zusätzlich, dass es so legitim wie notwendig sei, die jüdisch-christliche Tradition gegenüber dem Islam selbstbewusst zu privilegieren. »Es gibt nämlich tatsächlich so etwas wie ein transhistorisches ›kulturelles Dispositiv‹ des Okzidents, dessen konkrete Bestimmungen insbesondere in Abgrenzung vom (islamischen) Orient deutlich hervortreten. Das betrifft vor allem (sowohl für sich als auch in wechselseitiger Verschränkung) die Sphäre des Rechts und die Sphäre der Triebregulation als zivilisierende Entrohung des Geschlechterverhältnisses.«4Thomas Maul: Der Westen liegt im Abendland. Über die Grenzen von Religionsfreiheit und Religionskritik, in: Bahamas, Nr. 79 (2018), 38.
Brigade Mondän
Als Thomas am besagten Abend im Café Kurzschlusz referierte, war er Mitglied der Berliner Gruppe Hedonistische Mitte – Brigade Mondän, zwar nur ein Zweimann-Zusammenhang, doch der Name war nicht ausschließlich ironisch gemeint. Er signalisierte Gegnerschaft zu linker akademischer Armutsglorifizierung, antiimperialistischem Schollenbewusstsein und sozialpädagogischer Körnerfresserei. Nicht ohne Grund stand das überdrehte Interesse an Gesundheit und Risikovermeidung, mit dem der post-esoterische grüne Mittelstand heute immer noch das bisschen Lust und Glück bekriegt, stets im Mittelpunkt früher antideutscher Kritik. Auch Thomas, der während seines Studiums als Barmann arbeitete und auch später Wert darauf legte, wo man einkehrt, waren asketische Ideale verdächtig. Auf ihn traf zu, was Alfred Schmidt den Materialisten zugute hielt: »sie bleiben der Erde treu und bekennen sich, ohne zu zögern, zum sinnlichen Glück.«5Alfred Schmidt: Zum Begriff des Glücks in der materialistischen Philosophie, in: ders.: Drei Studien über Materialismus, München 1977, 141. Ihm gelang es auch im Privaten, in gebotener Lässigkeit Verhältnissen kontra zu geben, in denen die Austreibung von Körperlichkeit und Sinnlichkeit längst mit der Glorifizierung von Technik, Gesundheitsprävention und Körpermodifikation koinzidiert. Die Feier im Anschluss an Thomas’ ersten Frankfurter Vortrag ging bis zum frühen Morgen. Es war der Beginn unserer Freundschaft.
Aufgewachsen im Neuköllner Ortsteil Rudow, war Thomas der Stadt Berlin bei aller hinlänglich bekannten und kulturindustriell integrierten Hauptstadtkritik immer tief verbunden geblieben. Rudow liegt zehn U-Bahn-Stationen von der Karl-Marx-Straße entfernt, im südlichsten Zipfel von Neukölln, unweit der Gropiusstadt, die der pädagogisch schiefgegangene Film Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo bekannt gemacht hat. Rudow ist flacher, stressfreier und konservativer als die innerhalb der Berliner Ringbahn gelegenen Gegenden, wo er später – im Schillerkiez – lange lebte. Lokale Eigenarten waren ihm zumeist, aber nicht immer fremd. Zum Beispiel kannte er kein Erbarmen, wenn es um mutmaßlich zugezogene Hipster ging, die an öffentlichen Spielplätzen in Neukölln scharenweise und lautstark Tischtennis spielten, statt sich im Café oder einer Kneipe zu treffen. In Rudow hatte er in den Neunzigern – lange vor dem lächerlichen Selbstinszenierungstheater der Brandmauerdeutschen – auch erlebt, dass Neonazis in Rudeln gefährlich sein können. Als Linksalternativer erkennbar, musste er während der Schulzeit am Zonenrand den Nachhauseweg zeitweise mit Bedacht wählen, weil mit düsteren Gestalten in Bomberjacken zu rechnen war. Die Unaufgeregtheit, mit der er davon berichtete, geht denjenigen, die heute auf bunten Hüpfdemonstrationen mit selbstbemalten Plakaten nerven, zum Schaden aller vollkommen ab.
Auch abseits davon haben die scheinbar unspektakulären Neunziger Thomas entscheidend geprägt. In der alten BRD, deren Ende sie endgültig besiegelten, galt immerhin noch, dass hartes Arbeiten sich nur dann lohnt, wenn im Gegenzug genug Geld für individuelle Anschaffungen reinkommt und am Ende noch eine Reise pro Jahr drin ist. Diese luxurierende Anspruchshaltung soll heute den zu diensteifrigen Zukunfts- und Risikomanagern zu Erziehenden in den digital aufgerüsteten pädagogischen Staatsapparaten ausgetrieben werden. Thomas Groh erinnerte in einem Text über Jörg Fauser treffend an diese graue BRD-Vorzeit: »Eine nikotinvergilbte Welt, die sich aufspannt zwischen dunklen Eckkneipen und der G’schaftlhuberei der Politik und Wirtschaft in den Machtzentralen zwischen Bonn und Frankfurt, zwischen Hamburg und München. Die alte Bundesrepublik, vorderste Front im Kalten Krieg und damit gut geschützt vom Wohlwollen der Alliierten, insbesondere der Briten und Amerikaner, deren Musik übers Radio den jungen Leuten Flausen in die Köpfe setzt.«6Thomas Groh: Taumler, Zaungast, Zeitgenosse. Jörg Fauser zum 80., deutschlandfunkkultur.de, 12.7.2024.
Ohne je nostalgisch gewesen zu sein, reichte seine Erfahrungsfähigkeit hin, um zu registrieren, dass in den vergangenen Jahren eine neue Stufe der spätkapitalistischen Menschenverwaltung erreicht wurde – ohne jene Residuen der negativen Freiheit, die immerhin vorm unmittelbaren Übergriff des Staates aufs Private bewahrte. Daher auch seine konservative Aversion gegen das, was immer schriller, immer suizidaler als Fortschritt verkauft wird.
Theoretische Detektivarbeit
Sein zweites Buch Sex, Djihad und Despotie. Zur Kritik des Phallozentrismus zählt zum Besten, was über die korankompatible Alltagskultur geschrieben wurde. Zwar liege es in der Logik des kapitalistischen Weltmarktes, dass in den Peripherien ein größeres Maß an materiellem und geistigem Elend produziert werde, doch die konkrete Gestalt des lokalen Elends sei auch darauf zurückzuführen, wie die jeweilige traditionelle Herrschaftskultur die Erfordernisse der Kapitalakkumulation integriert und welche Traditionen gegen die negativen Begleiterscheinungen eben jenes gesellschaftlichen Umwälzungsprozesses mobilisiert werden können. Der Islam fungiere gleichermaßen als historisches Entwicklungshemmnis und Katalysator der Krise. In dessen Zentrum stehe – theologisch, juristisch und lebensweltlich abgesichert – die Organisation des Geschlechterverhältnisses. Die Gemeinschaft der Gläubigen zeichne sich durch eine – wie es in der F-Skala heißt – »übertriebene Beschäftigung mit sexuellen Vorgängen« aus.7 Theodor W. Adorno: Der Autoritäre Charakter, Bd. 1, Amsterdam 1968, 403. Sie sei wesentlich durch den Phallozentrismus konstituiert, der mit der Moderne allerdings in die Krise gerate. Geht der Patriarch aus einer Zeit ökonomischer Umwälzungen als Verlierer hervor, dann gewinnt die kollektive Ehre gegenüber dem degradierten individuellen Ansehen für ihn zwingend an Bedeutung. Das unter dem Scharia-Kollektivismus per se nicht einlösbare Glücksversprechen der Moderne wird so zum Gegenstand zwanghaften Hasses; eine Krisenreaktion, die sich allerdings auch im Westen breit macht. Während heute im Anschluss an den jeweils nächsten Anschlag über den Islamismus überhaupt nur dann kritisch gesprochen werden darf, wenn man im selben Atemzug den Islam als Erneuerungsprogramm für die verfetteten Gesellschaften des Westens preist, schlug Thomas einen ganz anderen Ton an: »Das Ideal, jede Lebensäußerung, jede individuelle Handlung, den repressiven Anforderungen des Kollektivs unterzuordnen bzw. – was dasselbe ist – an den Verboten und Geboten der Scharia auszurichten, ist nämlich gerade keineswegs ›fundamentalistisch‹ oder ›islamistisch‹ geschweige denn gar auf einen ›vorislamischen Tribalismus‹ zurückzuführen, sondern genuiner Kern des hegemonialen islamischen Selbstverständnisses.«8Maul: Sex, Djihad und Despotie, 7 f.
Das Phallozentrismus-Buch erinnert methodisch an die frühen Arbeiten von Michel Foucault, dessen an der Annales-Schule orientierte historiographische Arbeit an und mit dem aufgestöberten Material Thomas schätzte, auch wenn er in theoretischer Hinsicht nie eine Wahlverwandtschaft mit dem Kritiker der Aufklärung eingegangen ist. Ähnlich obsessiv wie Foucault, der in den späten 1950er Jahren die Archive sämtlicher französischer Kliniken und Anstalten durchforstete, um dem abendländischen Bild des Wahnsinns auf die Spur zu kommen, sichtete Thomas für seine Schrift zahlreiche, teils wenig bekannte Quellen und Zeitdokumente islamischer Moralvorstellungen und Sexualverdikte: den Koran, historische Exegesen, schariatische Ratgeberliteratur, Fatwas, Erfahrungsberichte von Aussteigern. Bei seinen größeren Arbeiten bewies er das Vermögen, sich leidenschaftlich ins Thema zu versenken, schlaflos und bewaffnet mit Laptop, Büchern, Kaffee und Drehtabak.
Verdammt lang her
Thomas wurde 2007 Autor und 2012 Redakteur der Zeitschrift Bahamas, die er im März 2020 nach schmerzhaften Zerwürfnissen über die Corona-Politik verließ. Im Lauf der Jahre hat er dort über zwanzig, zumeist grundsätzliche Artikel geschrieben, von denen keiner langweilig ist und an denen heute nichts aktualisiert oder aufgemöbelt werden müsste. Oft hat er als erster Zusammenhänge pointiert und vorbehaltlos ausgesprochen, die für andere noch kaum zu erahnen waren. Seine Fähigkeit, Sachen auf den Punkt zu bringen, war ein probates Mittel gegen redundante Diskussionen, wobei sein Anspruch lautete, ein Thema so zu bearbeiten, dass das Wichtige am besten abschließend zum Ausdruck gebracht wird – undenkbar war für ihn, mit dem ewig gleichen Vortragsthema als theoretischer Stichwortgeber durch die Gegend zu tingeln.
Dass Texte etwas getroffen haben, merkt man dann, wenn man sich auch Jahre später bei entsprechenden Anlässen augenblicklich an sie erinnert. So ging es wohl nicht nur mir mit Thomas’ Text Der Staat fürs Leben oder Sterben für den Staat? aus dem Jahr 2011.9Thomas Maul: Der Staat fürs Leben oder Sterben für den Staat? Souveränität bei Benjamin Netanjahu und Helmut Schmidt, in: Bahamas, Nr. 63 (2012), 35–39. Um den im Juni 2006 von einem Hamas-Kommando entführten jungen Soldaten Gilad Schalit freizubekommen, entschloss sich die israelische Regierung seinerzeit, mehr als eintausend inhaftierte Palästinenser aus den Gefängnissen zu entlassen. Diese Entscheidung wurde in Deutschland mit Befremden zur Kenntnis genommen, teilweise von Kommentatoren, die ansonsten von Israel akzeptierende Sozialarbeit im Umgang mit den Palästinensern fordern. Dies veranlasste Thomas, die Differenz zwischen dem deutschen und dem israelischem Staatsverständnis in den Blick zu nehmen, die man als »wahres politisches Lehrstück« begreifen könne.
Anders als Netanjahu setzte einst der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt in einer vergleichbaren Situation auf Härte: Im Zuge der Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut durch ein palästinensisches Kommando, das inhaftierte Führungskader der RAF freipressen wollte, war er bereit, den Tod einzelner Geiseln in Kauf zu nehmen. In einem Interview, das Schmidt etliche Jahre später zusammen mit seiner Frau der Wochenzeitung Die Zeit gab, bekräftigte er in ungewollt komischer Diktion, dass es keine Alternative gegeben habe: »Wir waren ja erwachsene Männer und keine Jugendlichen. Wir hatten alle die Kriegsscheiße hinter uns. Strauß hatte den Krieg hinter sich, Zimmermann hatte den Krieg hinter sich, Wischnewski hatte den Krieg hinter sich. Wir hatten alle genug Scheiße hinter uns und waren abgehärtet.«10Zit. n. Giovanni di Lorenzo: »Ich bin in Schuld verstrickt« [Interview mit H. Schmidt], in: Die Zeit, 30.8.2007. Dieses sprachliche »Stahlgewitter«, so Thomas, hätten »Ernst Jünger und Martin Heidegger auch nicht besser hinbekommen«11Maul: Der Staat fürs Leben oder Sterben für den Staat?, 37. – und wer die Deutschen kennt, weiß, dass Schmidt nicht trotz, sondern wegen solcher Sätze hierzulande immer noch zu den beliebtesten Politikern aller Zeiten zählt.
Auf der einen Seite finde sich, so Thomas, die blanke Affirmation der Hegelschen Staatsphilosophie, die das »Bereitsein zur Aufopferung im Dienste des Staates« verlangt,12 G.W.F. Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts, Leipzig 1911, 369. auf der anderen Seite Israel, dessen Regierungsvertreter im Einverständnis mit der Mehrheit des Landes zeigen, dass man auch ganz anders handeln kann, nämlich im Sinne der bedrohten Einzelnen. Das moralische Fundament hierfür finde sich nicht nur im Judentum, sondern auch – und bereits vor der Aufklärung – im Christentum, das mit der Idee der »absoluten Valenz der einzelnen Seele als der gottesebenbildlichen und unsterblichen eine welthistorische Veränderung von unabsehbarer Tiefe«13Theodor W. Adorno: Zur Lehre von der Geschichte und von der Freiheit, Frankfurt a.M. 2006, 126. zustande gebracht hat, die man in Deutschland jedoch nie zu schätzen vermochte.
Für das Individuum
Die Verteidigung des Einzelnen gegen sowohl repressive Mehrheiten als auch pluralistisch übergriffige Minderheiten durchzieht Thomas’ gesamtes Werk; zuletzt griff er auch die Selbstzerstörung bürgerlicher Staatlichkeit durch deren Institutionen und Repräsentanten in einer Weise an, die Zartfühlige verletzen musste. Seiner Abneigung gegen Repression und tyrannische Mehrheiten korrespondierte ein Interesse an individuierten und mitunter isolierten Einzelnen, die ihrem Selbstverständnis nach mehr sein wollten als bloße Staatsbürger; die allen Widerständen zum Trotz, manchmal verzweifelt, versuchten, mit der Welt fertig zu werden, daher auch seine immer wieder betonte Sympathie für Ikonen der Kulturindustrie von Marlene Dietrich bis Freddie Mercury, die den schönen Schein des Westens verkörperten. Auch ein Exzentriker wie Klaus Kinski, der in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren mit seinen Villon-Lesungen in Westdeutschland Erinnerungen an die Pariser Bohème evozierte, war ihm allemal lieber als jeder Demutspropagandist. In der Premierenausgabe der casa|blanca schrieb Thomas über das bewegte und verschwenderische Leben des in Österreich-Ungarn als László Löwenstein geborenen Peter Lorre: über dessen erste Erfolge in Deutschland, seine Flucht vor den Nazis in die USA und die widerwillige Abreise infolge der antikommunistischen Raserei in der McCarthy-Ära. Wieder in Deutschland, drehte Lorre einen eigenen Film: Der Verlorene (1951), eine Schuld- und Sühne-Story des Nicht-Verzeihens gegenüber Nazi-Tätern, mit der er das postnazistische Deutschland zur Auseinandersetzung mit seiner jüngsten Vergangenheit provozieren wollte – vergeblich.
Ein schönes Beispiel für Thomas’ Sympathie mit über kurz oder lang Ausgegrenzten ist auch sein Text über die damals in der Piratenpartei engagierte Anne Helm, die anlässlich des Dresdner Bombenkriegsgedenkens den lokalen Opferdarstellern die Parole »Thanks, Bomber Harris« auf ihrem nackten Oberkörper präsentiert hatte. Die Entrüstung war auch im linksliberalen Lager groß, aus dem sie kommt. Thomas begeisterte die selbstverständliche Sorglosigkeit einer Frau, die unterschätzt hatte, wen sie mit ihrer Aktion alles triggert: »In derselben grenzenlosen Naivität wird sie davon ausgegangen sein, dass die Parole schlicht und ergreifend gar keine Menschen verletzen kann, dass sie vielmehr, darin besteht ihre unverbrüchliche Stärke, jeden als Unmenschen vorführt, der sich von ihr verletzt gibt, der Witz also dieser ursprünglich antideutschen Provokation darin besteht und schon immer bestand, eigentlich, an und für sich gar keine Provokation zu sein, weil man – wie Helm selbst – nicht antideutsch, sondern nur Mensch, nur Nicht-Faschist zu sein braucht, um mit dem gewalttätig und opferreich errungenen Sieg der (eben auch West-)Alliierten über Nazideutschland zu sympathisieren.«14Thomas Maul: Nackte Wahrheiten über das neue Deutschland. Eine Piratin als unfreiwillige Heroine materialistischer Ideologiekritik, in: Bahamas, Nr. 68 (2014), 73.
Gegen die Gestalt des Rotzlöffels
Unbestechlich war Thomas’ präzises Gespür für allerlei im Anmarsch befindliche Hässlichkeiten, insbesondere für den entsubjektivierten Subjektivismus seicht politisierender Konformisten: Immer mehr identitätsverliebte Berufsopfer instrumentalisieren die Öffentlichkeit, um sich mittels Gefühlsdrama, das den sprichwörtlichen Ellenbogen abgelöst hat, durchzusetzen. Thomas schreckte die Gesellschaft der larmoyant Erpresserischen vor allem auch ästhetisch. Das »Rotzlöffeltum« habe zuerst der Nationalsozialismus zu einer politischen Kultur und Jugendbewegung geformt. »Im Unterschied zum frühen, zurecht viel gescholtenen Arbeiterbewegungsmarxismus, dem es bei allen antibürgerlichen Affekten im Wesentlichen um die Aneignung des bürgerlichen Erbes in Sachen Kunst, Wissenschaft und Umgangsformen durch das Proletariat ging, hatte der Nazi-Student schon des ersten Semesters nichts mehr zu lernen, sondern den Professoren seine schlichte, schablonenhafte Weltanschauung aufzuzwingen.«15Thomas Maul: Kritik der demagogischen Vernunft, in: Bahamas, Nr. 70 (2015), 62.
Doch diese zeitgemäße Form der Regression stelle längst kein »Alleinstellungsmerkmal von Rechten« mehr dar.16Ebd. Die Kontinuität der Inhumanität ist heute besonders dort zu beobachten, wo ›kreative‹ und ›subversive‹ Protestformen zwecks Rufschädigung und Einschüchterung betrieben werden. Was außer Verachtung soll man auch für Leute übrig haben, die zur Durchsetzung ihrer Gesinnung nicht einfach nur Krach machen, sondern getrieben vom konformistischen Beschuldigungswahn dazu bereit sind, missliebige Personen in existentielle Schwierigkeiten zu bringen? Zum Verzweifeln brachte Thomas, dass diese früher in Politsekten üblichen Formen der notorischen Gesinnungspflege und Denunziation sukzessive zur Normalität werden konnten, wovon tagtägliche kollektive Zwergenaufstände der »demokratischen Mitte« gegen unpopuläre Meinungen ebenso zeugen wie die wieder angesagten dumpfdeutschen »Meldestellen« für lauernde Mitläufer.
Empörung begleitete Thomas’ Veröffentlichungen und Vorträge von Beginn an. In der nordhessischen Provinz etwa verhinderte im Sommer 2011 eine fünfzig Studenten umfassende Gruppe einen seiner Auftritte. Während er lächelnd auf dem Podium saß, gestikulierten, kreischten und pfiffen die hospitalistisch wirkenden Riesenbabys im Saal wild. Die symptomatische Szene verriet einiges über den Zustand der linksakademischen Welt. Doch stets bestätigte sich während solcher Vorträge mit Begleitkrawall, dass er es war, der stringent und der Sache wegen beharrlich argumentierte, bisweilen sogar objektiv im Sinne der Ideale, welche die Antisexisten und -rassisten im Munde führen. So sprach er auch noch mitten im Kreuzfeuer der Beschuldigungen auf unverwechselbare Weise: in ruhigem Tempo, pointiert und ohne Hast, sanft, aber, wenn es sein musste, auch mit leidenschaftlicher Bestimmtheit.
Negative Dialektik
Bei aller Hoffnungslosigkeit angesichts der begrenzten Schlagkraft ideologiekritischer Interventionen hat Thomas dennoch immer dem Anspruch Genüge tun wollen, möglichst viele zu überzeugen. Davon zeugt auch die Gründung des XS-Verlags im Jahr 2013, gemeinsam mit seiner späteren Frau Sandra und dem Theaterautor Markus Riexinger. Zunächst ein Publikationsort für Gedichte und Theaterstücke, veröffentlichte der Verlag ab 2014 auch ideologiekritische Schriften. Thomas schwebte etwas wie der frühe Merve-Verlag vor, der in den 1970er Jahren die deutschen Studenten mit französischer Theorie – nicht selten als Raubdruck – versorgte. XS sollte knackige Traktate im handlichen Taschenbuchformat liefern, um die Leser mit Argumenten zu munitionieren.
Den Auftakt machte Thomas’ nur knapp hundert Seiten umfassende Einführung in Theodor W. Adornos Negative Dialektik im Jahr 2014.17Thomas Maul: Darum Negative Dialektik. Die Entfaltung des Existenzialurteils als Aufhebung von Positivismus und Metaphysik, Berlin 2014. Adorno bescheinigt in seinem Hauptwerk der Philosophie, dass sie an ihrem eigenen Anspruch, einen Beitrag zur Verwirklichung der Vernunft zu leisten, gescheitert ist, ja scheitern musste. Denkbar ist sie bloß noch als Selbstkritik: Nach Auschwitz kommt jedes Vertrauen auf den Fortschritt einer Bankrotterklärung gleich. Doch für die Linke war der Antisemitismus als »integrale Ideologie und Quintessenz der Transformation der bürgerlichen Gesellschaft ins barbarische Kollektiv«18Initiative Sozialistisches Forum: Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten. Über Israel und die linksdeutsche Ideologie, 2. erw. Auflage, Freiburg i.Br. 2002, 18. kein Thema. Mit dieser Reflexionsverweigerung bricht die Negative Dialektik. Thomas greift den Gedanken auf und spinnt ihn fort, erinnert an das dem Kapitalverhältnis innewohnende barbarische Potential: Die kapitalistische Gesellschaft produziert die permanente Krise ihrer Mitglieder, insofern sie diese mit ihrer realen oder potentiellen Überflüssigkeit konfrontiert. Der Antisemitismus fungiert als negative Krisenbewältigungsstrategie pathisch Projizierender. Ihn gälte es mit aller Kraft zu bekämpfen, doch kaum jemand musste je mit so wenig Widerstand rechnen wie die Antisemiten. »Die sich daraus ergebenden zentralen Widersprüche zum Traditionsmarxismus und anderen linken Ideologien erfuhren ihre entscheidenden Zuspitzungen – wiewohl bei Horkheimer und Adorno bereits angelegt – erst durch eine Ideologiekritik, die das theoretische Erbe der Frankfurter jenseits seiner institutionellen Verwaltung und Verflachung antrat […].«19Maul: Darum negative Dialektik, 68.
Für Thomas stand fest: Der Zionismus ist als militante Selbstverteidigung gegen die globale Intifada mit allen Mitteln und auf allen Ebenen zu unterstützen. Auch und gerade deshalb schlug er keine moderaten Töne an. Er agierte bewusst nicht wie ein Volker Beck, der im Ernstfall fürs Völkerrecht votiert statt für Israel, und er eignete sich nie für eine Karriere in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Leute, die »den Ekel vor Antisemitismus und Antizionismus für eine besondere Leistung« halten,20Thomas Maul: Kritik der demagogischen Vernunft, in: Bahamas, Nr. 70 (2015), 63. waren ihm ebenso suspekt wie solche, die aus Rücksicht vor deutsch-orientalischen Befindlichkeiten herumdrucksen. In casa|blanca schrieb er in der ersten Ausgabe für Israel und gegen die Förderer eines Palästinenserstaates, dessen alleiniger Zweck – so die eindeutige Erfahrung aus der bisherigen Geschichte – nur darin bestehen könne, die Vernichtung Israels möglichst effizient zu planen und durchzuführen.21 Thomas Maul: Ewige Antisemiten? Über die Illusion der Zweistaatenlösung, in: casa|blanca, Nr. 1/2024, 73–78.
Das Dialektik-Büchlein verrät mehr Substantielles über die Kritische Theorie als ein Studium am heutigen Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main, auch weil Thomas sich nicht die Utopie austreiben ließ. Trotz der Kommunisten und ihrer Vorliebe für kämpfende Völker hielt er am Begriff des Kommunismus fest, als »Versöhnung von Individuum, Gesellschaft und Kultur, ohne die Unterschiede zu negieren und ohne sich über ihre Unaufhebbarkeit zu betrügen – etwa im Rekurs auf eine tatsächlich oder vermeintlich ursprüngliche Ungeschiedenheit.«22Maul: Darum Negative Dialektik, 59. Die Prämisse, das Chaos unter die Bestimmungen einer vernünftig organisierten und organisierenden Menschheit zu bringen, Freiheit als gesellschaftliche »Überwindung von Hindernissen«23Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, in: MEW, Bd. 42, 512. zu realisieren, brachte ihn in Opposition zur Irrationalität der Gegenwart, in der unter dem Vorwand der Weltrettung Panik produziert und Machtpolitik für die narzisstisch deformierte Klientel betrieben wird.
Von Thomas’ Festhalten an universaler Befreiung als weltgeschichtlicher Möglichkeit zeugen besonders seine Schriften zur Ökonomiekritik: seine Reihe Wert und Wahn,24Thomas Maul: Wert und Wahn (1). Die Unwahrheit des Kapitals. Kritik der Marxschen Ökonomiekritik, Berlin 2014; ders.: Wert und Wahn (2). Von der Dialektik des Geldes zur antisemitischen Trieb-Ökonomie, Berlin 2017. in der er das Verhältnis zwischen Wertgesetz und Realgeschichte untersucht, sowie seine groß angelegte Marx-Kritik »Das Kapital« vollenden,25Thomas Maul: Das Kapital vollenden. Was das Scheitern der Marxschen Werttheorie über die bürgerliche Ökonomie verrät, Berlin 2019. in der er einen Großteil der marxologischen Sekundärliteratur abräumt. Dass seine darin entfaltete Entdeckung des Selbstwiderspruchs der »Ware Arbeitskraft«, wie er später feststellte, längst (u.a. in nicht publizierten Seminarprotokollen) von Adorno vorformuliert wurde,26Vgl. Dirk Braunstein: Adornos Kritik der politischen Ökonomie, 2., überarb. Auflage, Bielefeld 2016, 336, 349. machte Thomas einerseits stolz, ernüchterte aber auch. Auch musste er gerade bei seinen Schriften zu Marx die Erfahrung machen, dass die Resonanz sich in Grenzen hielt, wohl schon wegen des voraussetzungsvollen Charakters der wertkritischen Exegesen. Freunde wunderten sich entsprechend, wo Thomas, der ja auch einem regulären Broterwerb nachgehen musste, die Energie hernahm.
Auf Brechts Bühne
Zu den prägenden Autoren für Thomas, der auch Theatermann war, zählt Bertolt Brecht, trotz seiner Skepsis gegenüber der Verve, mit der Brecht den Klassenkampf ohne Rücksicht auf geschichtliche Erfahrungen des Scheiterns verherrlichte. Gegenüber seinen politischen Freunden hielt Thomas sich hinsichtlich seiner Tätigkeit als Regisseur und Dramaturg an Berliner Off-Bühnen zurück. Ich erinnere mich an ein Gespräch über die herausragende Bedeutung von Adorno für seinen theoretischen Werdegang, biographisch und politisch habe ihn aber Brecht geprägt, der »als Typ natürlich cooler« gewesen sei. Von Brecht hatte er den Gedanken des Vorrangs der Wirklichkeit, der ihn vor jedem idealistisch-melodramatischen Anflug bewahrte. Letztlich versuchte er mit seinen Interventionen jene Effekte zu erzielen, die Brecht mit dem epischen Theater, das nach Walter Benjamin die Bühne zum Podium macht, hervorrufen wollte: eine denkende, distanzierte Haltung als »dem Widerpart der illusionären von Einfühlung und Identifikation«.27Theodor W. Adorno: Engagement, in: ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 11, Frankfurt a.M. 1974, 415. Um solche Wirkungen ging es auch bei seinen Vorträgen, er wollte meist genau wissen, wie er war und ob’s was gebracht hat: Er war kein Akademiker, sondern Agitator auf dem Podium.
Das Theater, ob in der klassischen oder der auf Veränderung zielenden revolutionären Form, versammelt Menschen auf und vor Bühnen. In gewisser Weise handelt es sich um einen Anachronismus, um eine Praxis, die aus kaum mehr als bildungsbürgerlichen und pädagogischen Gründen fortlebt. Trotzdem schrieb Thomas Stücke, wenn sie auch bis dato unaufgeführt blieben. Im zwischen 1999 und 2002 entstandenen Windspiel oder Die Nase des Rauchers28Thomas Maul: Windspiel oder Die Nase des Rauchers, Berlin 2013. treten in Beckett’scher Manier beziehungslose Figuren auf, denen eine lebensfeindliche und ereignislose Welt zum banalen Ärgernis geworden ist, die nicht einmal mehr an ihrer eigenen Hoffnungslosigkeit leiden und denen sogar die Selbstverstümmelung weder Lust noch Schmerzen bereitet, sondern zum reinen Zeitvertreib geworden ist. In dieser Dystopie scheint als Negativ die Idee einer wahrhaft verwandelten Welt durch, in der die Schrecknisse von Tod und Leid nicht durch Gleichgültigkeit gebannt, sondern durch Lebenszugewandtheit und Zivilisiertheit gemildert sind. Nichts von all dem fügt sich den Erwartungen eines Publikums, das im Theater vor allem seinen Eigendünkel bestätigt sehen will. »Der darum wohl auch künftig anzunehmende Misserfolg« von Thomas’ Stücken, so Bernd Volkert in seinem Nachwort, »dürfte wiederum einen Autor nicht grämen, auf den durchaus zuzutreffen scheint, was einmal als Definition für einen Kommunisten gegeben wurde: dass er weniger in sich selbst als in die Welt verliebt ist – wenn auch unglücklich verliebt.«29Ebd., 82.
Taktgefühl
Thomas’ Liebe zur Welt wurde nicht zuletzt durch deren zunehmende Ersetzung durch digitale Surrogate enttäuscht. Mit der digitalisierten Vereinzelung steht die Zivilisiertheit als »ein Verhalten, das die Menschen voreinander schützt und es ihnen zugleich ermöglicht, an der Gesellschaft anderer Gefallen zu finden«30Richard Sennett: Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität, Frankfurt a.M. 1986, 335. auf dem Spiel. Als symptomatisch für diesen Verfallsprozess betrachtete Thomas auch die Verlagerung politischer Diskussionen in die Schrumpföffentlichkeit der Kommentarspalte. Seine Gegner hat er, sofern sie denken und schreiben konnten, ernst genommen. Grundsätzlich war er sich für keine Diskussion zu schade, auch nicht mit Fremden an der Theke; sie mussten nur leibhaftig anwesend sein und wirkliches Interesse zeigen. Sauer konnte er hingegen werden, wenn Genossen sich dazu herabließen, mit irgendwelchen Elendsgestalten auf Facebook zu diskutieren, die noch nie einen relevanten Gedanken zustande gebracht haben, aber sich einbilden, sie hätten das Recht, von Autoren Antworten auf ihr zorniges Gestammel zu erhalten.
Anders als notorische Politkommissare war Thomas im persönlichen Umgang höflich und aufgeschlossen, auch gegenüber Menschen, die ihm skeptisch gegenüberstanden oder schlichtweg unterlegen waren. In seiner politischen Sozialisation spielten Gruppenzusammenhänge, sei es Antifa, KB oder Greenpeace, keine Rolle, im Gegenteil: Auffallend war seine Distanz gegenüber solchen Formierungen. Man hatte es mit einem Mann zu tun, der eine gute Erziehung genossen hatte, das Verhältnis zu seinen Eltern wie zu seinen beiden Schwestern war eng und herzlich. Er trug gleichsam preußische Züge und konnte beharrlich an protokollierte Vorhaben erinnern. Man solle sich im Griff haben, so seine Maxime für den Alltag, auch als Konsument; so ließ er schon mal in einer Diskussion zur vernünftigen Organisation der Gesellschaft, für die seiner Meinung nach die Überlegungen von Marx zur Übergangsgesellschaft nützlich seien, Sätze fallen, die angesichts des Honecker-Sounds die versammelte Runde überraschten: »Man braucht ja wohl keine hundert Sorten Waschmittel, es genügen auch drei.«
Ausgezeichnet war sein Witz. Er war nicht nur zur Ironie fähig, sondern traute sie auch anderen zu. Das war auch dem Nordkurier nicht entgangen, der von einem seiner letzten Auftritte in einer Kirche in der Uckermark berichtete: »Bislang habe er nur in Kneipen gelesen – diesen vermutlich nicht ganz ernst gemeinten Hinweis stellte Schriftsteller Thomas Maul am Donnerstagabend seinem Auftritt in Malchow voran. Pfarrer Thomas Dietz konterte schnell; umso größer sei doch die Ehre, dass er es diesmal in seine Kirche geschafft habe.«31Zit. n. Claudia Marsal: »Das ist wirklich grauenvoll«, nordkurier.de, 11.11.2023.
Luxus des Scheiterns
In der Uckermark präsentierte Thomas 2023 seine Interventionen zur Corona-Politik. Entscheidend war für ihn, dass durch das epochale Maßnahmen elementare Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft kassiert wurden. Im Biotop des westlichen Öko-Bürgertums, das sich unweigerlich sukzessive radikalisiert, herrscht freiwillige Gleichschaltung. Gegen sie schrieb er unerbittlich an. In seinem großartigen de Maistre-Buch zitiert E.M. Cioran den Savoyer Hardcore-Katholiken wie folgt: »Kein großer Charakter, der nicht zu irgendeiner Übertreibung neigte«.32Zit. n. E.M. Cioran. Über das reaktionäre Denken, Berlin 2018, 13. Unverschämte Klarsicht kann sich nur leisten, wer nicht auf Zuspruch schielt. Die Zukunftsbegeisterten, so Cioran, schreiben »kunstlos und ohne Leidenschaft«, da sie sich selbst als Sieger der Geschichte wähnen, wohingegen der konservative Kritiker darauf verwiesen ist, aus den Worten Rache und Trost zu schöpfen, sein Vorrecht ist der Stil, ein »Luxus des Scheiterns«.33Ebd., 83
Das unterscheidet auch Thomas von seinen Gegnern: Er konnte schreiben. Mit seinen Worten wollte er mitreißen, mal sachlich, mal berserkerhaft zur Bekehrung verleiten. Es gelang, weil seine Gedanken Irritationen auslösten und so den Weg fürs Weiterdenken bereiteten. Er ließ offen, ob manche Sentenzen nicht auch ein Quäntchen Humor verbargen. Natürlich war er sich des overstatement bewusst, wenn er krachend proklamierte, die 2018 noch mit proisraelischen Reden im Bundestag auf sich aufmerksam machende AfD »erscheine objektiv als EINZIGE Stimme der Restvernunft im Deutschen Bundestag, manchmal sogar als parlamentarischer Arm materialistischer Ideologiekritik.«
Inzwischen bringt die auf alle Bevölkerungsteile schielende AfD auch zu Israel kaum noch Richtiges. Sie war auch damals schon nicht ohne den scheußlichen Rest zu haben, was Thomas jedoch als nicht weiter beachtenswerte Banalität kategorisierte. Auch war er der Auffassung, dass die sich als antifaschistisch verstehenden parastaatlichen Massenformationen mehr zur Kontinuität der deutschen Geschichte beitragen als ihre Gegner. So hielt er dem allseits geschmähten »Ossi« zugute, dass er immerhin egoistisch genug ist, um sich woke Einflüsterungen von Politikern zu verbitten. Den »Ossi« betrachtete er folglich als Gegenstand der Kritik, der postmodern verunstaltete »Wessi« hingegen stehe unterhalb jeder Kritik: Er habe post-materialistisch den Selbsterhaltungstrieb überwunden, er will Opfer bringen. Als Avantgarde der Selbstabschaffung westlicher Vergesellschaftung machte er die Grünen aus, nicht so sehr die Partei selbst, sondern den Sozialtypus, also jene grüne »Opfer-, Einsatz-, Verzicht- und Risikobereitschaft« die laut Wolfgang Pohrt mit dem Bedürfnis einhergeht, »die Sorgen und Ängste, die Hoffnungen und Wünsche, selbst die Lebensumstände der ganzen Bevölkerung bis hin zu den täglichen Essgewohnheiten so entscheidend zu prägen.«34Wolfgang Pohrt: Lebensschutz und Nationalpolitik. Motive, Ziele und Geschichtsbild der Ökologie- und Friedensbewegung, in: Initiative Sozialistisches Forum (Hg.): Frieden – je näher man hinschaut, desto fremder schaut es zurück. Zur Kritik einer deutschen Friedensbewegung, Freiburg i.Br. 1984, 228 ff.
Der vom objektiven Wahnsinn unbeeindruckte Konformismus der Besserdeutschen avancierte während der vergangenen Jahre folgerichtig zu Thomas’ Leitthema. Um ihn anzugreifen, fertigte er penibel recherchierte Abhandlungen an, im Falle der angeblichen »Hetzjagden« von Chemnitz, in Sachen Harvey Weinstein oder zu Corona. Dass viele Antideutsche, mit denen Thomas eine Zeitlang mitging, heute klingen wie die Grünen und dies nicht mal als Beleidigung begreifen würden, ist eine Entwicklung, die ihn auf Abstand gehen ließ. Frei nach Leo Löwenthals Sentenz »Nicht wir haben die Praxis verlassen, die Praxis hat uns verlassen«,35Leo Löwenthal: Mitmachen wollte ich nie. Ein autobiographisches Gespräch mit Helmut Dubiel, Frankfurt a.M. 1980, 79. war ihm der Hinweis wichtig, dass er der Ideologiekritik treu geblieben sei, dass nur viele unter dem Druck der Verhältnisse ins Lager des Konformismus gewechselt seien. Der von diesen derangierten Nachfolgern der einst antideutschen Ideologiekritik am meisten Gehasste hatte dieser zum höchsten Ausdruck verholfen.
Was man wissen konnte
Die zahlreichen Würdigungen Einzelner nach Thomas’ Tod zeigen auch, dass er für viele insbesondere als militanter Gegner der Corona-Maßnahmen wichtig geworden war. Zurecht verwarf er die herrschende Logik, wonach eine abstrakte Gefahr Grund genug sein sollte, in das Leben aller autoritär einzugreifen. Davon angetrieben erarbeitete er auch empiristische Gegenstudien. Zweifelsohne deckte er dabei Zusammenhänge auf, die expertokratisch vernebelt wurden, flankiert von einem in der Bundesrepublik nie dagewesenen Denunziationssystem. Er erinnerte unter für Kritiker schwierigen Bedingungen heftig an die Geltungskraft von Freiheitsrechten und bewies früher als fast alle ein Gespür für die Dimensionen der Maßnahmen. Er blieb der Kritik treu, wo andere mitmachten, schwiegen oder herumeierten. Führte das zum Bruch mit früheren Verbündeten, entstanden unter total reglementierten Bedingungen auch neue Gesprächszusammenhänge. Man kam in der Schankwirtschaft Laidak und anderen Berliner Flüsterkneipen zusammen, nicht nur, um ein Stück Leben jenseits der sterilisierten Misere zu bewahren, sondern auch in der Absicht, dieser etwas entgegenzusetzen. Es wurden Texte publiziert und Interventionen organisiert, manchmal an der Seite von Leuten, mit denen Thomas ansonsten politisch wenig verband. Er war dabei auch über Differenzen hinweg freundlich und interessiert, ohne sich anzubiedern.
Einige im berechtigten Hass entstandene Formulierungen sorgten auch unter Freunden für Kritik und Kontroversen, die ansonsten keine Bereitschaft zeigten, sich an der staatspolitischen Eskalation im Namen des Gesundheitsschutzes zu beteiligen. Weil Thomas an den Lautsprechern aus dem »Team Vorsicht« Kontinuitäten zur deutschen Geschichte erkannte, die zu diagnostizieren nur im Fall der AfD erlaubt ist, er sich also erdreistete, propagandistische Gestalten aus dem postnazistischen Deutschland mit nationalsozialistischen zu »vergleichen«, wurde er auch von fürchterlich beleidigten ehemaligen Freunden gemieden und in halböffentlichen Feinderklärungen aufs Schäbigste diffamiert. Nicht er wurde dadurch blamiert; sie haben sich selbst erledigt.
Wer sich nicht, wie sonst eher unter staatstragenden Demagogen üblich, pflichtschuldig von bestimmten Äußerungen distanzierte, wurde noch vor drei Jahren zum Gegner erklärt. Das will nur keiner mehr wissen. Mir selbst wurde für meine Verteidigung von Thomas vorgeworfen, ich stellte die Freundschaft über die Wahrheit. Das hätte ich womöglich sogar getan, musste ich aber nicht, denn in der Sache hatte Thomas recht. Niemand bringt es heute noch fertig, zu rechtfertigen, was damals in Dauerschleife gerechtfertigt wurde. Seine gesammelten Corona-Texte hat Thomas 2023 unter dem Titel Was man wann wissen konnte im Selbstverlag publiziert und lieferte gleich auf der ersten Seite die Antwort: »Alles – und zwar von Anfang an.«36Thomas Maul: Was man wann wissen konnte. Hinweise zur Aufarbeitung der Corona-Verbrechen, Norderstedt 2023, 9.
Aufgrund seiner auf der Achse des Guten und andernorts publizierten Corona-Recherchen hatte er – gemessen an bisherigen politischen Interventionen – sehr viele neue Leser gewonnen. Zuletzt bescherte ihm ein Honorarvertrag mit der Achse die Aussicht, endlich von seinem Schreiben leben zu können. Doch die meiste Arbeit steckte er in die Zeitschrift casa|blanca. Ohne seinen Anstoß, seine Fähigkeit, Leute zusammenzubringen, und ohne seine Beharrlichkeit sowohl in Diskussionen als auch im redaktionellen Tagwerk, wäre diese Zeitschrift nicht entstanden.
Was fehlt
Seine Heimat hatte Thomas in Berlin-Altglienicke gefunden, zusammen mit seiner Frau Sandra. Die beiden erlebten seltenes Glück. Wer sie in Altglienicke besuchte, erlebte ein gleichermaßen liebe- wie stilvoll eingerichtetes Haus, das sie sich selbst gebaut hatten – und eine glückliche Ehe, deren Vertrautheit und Zärtlichkeit selbst für den abgehärtetsten Genossen den Effekt haben konnte, den Kafka von Texten verlangte: nämlich das gefrorene Eis in uns zu brechen.
In gewisser Weise widerlegte Thomas die selbst vertretene These vom trostlosen Dasein in verkehrten Verhältnissen. So hat es der zermürbenden Trauer zum Trotz etwas Tröstendes, dass er privates Glück fand, »ein gelebtes und irgendwie erfülltes, sattes, mit sich selbst einigermaßen versöhntes Leben«,37Thomas Maul: Darum Negative Dialektik, 59. das viel zu früh abrupt geendet ist. Er wird nicht nur durch sein Werk, sondern vor allem auch als erinnerter Mensch weiterleben. In dieser Zeitschrift sowieso. Doch das Werk, so viel es auch noch zu entdecken gibt, hilft nicht über den Verlust eines Freundes hinweg, der mit allem, was er tat, auch Hoffnung schenkte.
Thomas Maul ist am 28. Januar 2025, ein halbes Jahr vor seinem fünfzigsten Geburtstag, in Berlin-Neukölln verstorben.


