»Woke« in aller Munde. Zur Popularisierung des Begriffs in seiner pejorativen Bedeutung hat die Republikanische Partei, die ihre Kritik seit Trumps Inauguration vor allem bildungs- und universitätspolitisch praktisch werden lässt, maßgeblich beigetragen. Vivek Ramaswamy etwa publizierte 2021 ein Buch mit dem Titel Woke Inc. Inside Corporate America’s Social Justice Scam; Ron DeSantis ließ 2022 markig verlautbaren: »We reject woke ideology« und »We will never ever surrender to the woke agenda«; und auch Trump griff das Schlagwort im Wahlkampf mehrfach auf. Angesichts dieses regelrechten Hypes wird von links öfter eingewandt, es handle sich um einen reinen Kampfbegriff, dem es an einer klaren Definition mangle. Dass das nicht der Fall ist, dass es also ein Phänomen gibt, das mit dem Ausdruck »Wokeness« treffend bezeichnet ist, ist leicht nachzuweisen; interessanter ist die Frage, ob es sich bei diesem Phänomen wirklich um »Ideologie« handelt. Natürlich ist der Begriff der Ideologie notorisch vieldeutig, und es ist auch prinzipiell nichts dagegen einzuwenden, dass ihn ein Politiker gebraucht, um auf dogmatisch auftretendes falsches Bewusstsein hinzuweisen. In der kritischen Theorie hat sich aber eine spezifischere Verwendungsweise des Begriffs herausgebildet, von der ausgehend Theodor W. Adorno schon Mitte der 1950er Jahre ein Schwinden des Ideologischen konstatierte: »Von Ideologie läßt sich sinnvoll nur soweit reden, wie ein Geistiges selbständig, substantiell und mit eigenem Anspruch aus dem gesellschaftlichen Prozeß hervortritt. Ihre Unwahrheit ist stets der Preis eben dieser Ablösung, der Verleugnung des gesellschaftlichen Grundes. Aber auch ihr Wahrheitsmoment haftet an solcher Selbständigkeit, an einem Bewußtsein, das mehr ist als der bloße Abdruck des Seienden, und danach trachtet, das Seiende zu durchdringen.«1Theodor W. Adorno: Beitrag zur Ideologienlehre [1954], in: ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 8, Frankfurt a.M. 1972, 457–477, hier: 474. Zielte Ideologiekritik einmal darauf ab, die Wurzeln des ideologischen Bewusstseins im gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsprozess freizulegen und an dessen Anspruch auf Selbständigkeit das unwahre Moment aufzudecken, ist nach Adorno allerdings »heute«, d.h. 1954, »die Signatur der Ideologien eher die Absenz dieser Selbständigkeit als der Trug ihres Anspruchs.«2Ebd.
I.
Diese Beobachtung trifft im Jahr 2025 mehr denn je zu, und zwar ebenso für die »woken« wie die »anti-woken« Positionen im sogenannten Kulturkampf, der in den Feuilletons, auf Social Media und dank J.D. Vance neuerdings auch auf der Münchner Sicherheitskonferenz ausgetragen wird. Im Nebel des Schlachtfeldes ist es nicht immer leicht, klar definierte Gestalten auszumachen, und so fällt, je mehr von »Wokeness« die Rede ist, die Bestimmung dessen, was damit gemeint sein soll, desto diffuser aus. Gegenstandslos ist der Ausdruck allerdings deshalb noch lange nicht. Im Wesentlichen zielt er – und hier hat die These vom Ende der Geschichte ihre unheimliche Berechtigung – auf dieselbe aktivistische Haltung zur Welt ab, die zuvor bereits seit Anfang der Neunziger unter der Bezeichnung der »Politischen Korrektheit« diskutiert wurde. Fast alles, was es heute zum woken Bewusstsein zu sagen gibt, ist damals schon besser gesagt worden: Von dem »Totalästheten«3Klaus Harpprecht: Die Torheit der Gesinnungswächter, in: Die Zeit, 27.1.1995. Harold Bloom zum Beispiel, der an der Yale University unermüdlich die Literaturkritik als tätige Liebe zum Werk gegen die »technokratische Sozialarbeit« verteidigte, die die literaturwissenschaftlichen Fakultäten zu übernehmen drohte;4]»[S]ooner or later, students and teachers are going to get terribly bored with all the technocratic social work going on now. There will be a return to aesthetic values and desires, or these people will simply do something else with their time. But I find a great deal of hypocrisy in what they’re doing now. It is tiresome to be encountering myths called ›The Social Responsibility of the Critic‹ or ›The Political Responsibility of the Critic.‹ I would rather walk into a bookstore and find a book called ›The Aesthetic Responsibilities of the Statesman,‹ or ›The Literary Responsibilities of the Engineer.‹ Criticism is not a program for social betterment, not an engine for social change. I don’t see how it possibly could be.« – Harold Bloom: The Art of Criticism No. 1. Interviewed by Antonio Weiss, in: The Paris Review, N° 118 (1991), http://www.theparisreview.org/interviews/2225/the-art-of-criticism-no-1-harold-bloom. von dem (nur zufällig gleichnamigen) Philosophieprofessor Allan Bloom, der, ebenso vertraut mit dem Innenleben amerikanischer Eliteuniversitäten und schonungslos bei der Beschreibung von dessen zunehmender Verödung, mit Platon, Jonathan Swift und Rousseau gegen den Zeitgeist antrat; und von dem Kunstkritiker Robert Hughes in seiner Polemik Culture of Complaint von 1993.
Wie in der damaligen Debatte richtig festgestellt wurde,5Cora Stephan: Political Correctness, Identität und Werterelativismus, bpb.de, 19.5.1995. Im Rückblick bezeichnend, weil Indiz der bei allem Progressivismus stumpfen Gleichförmigkeit westlicher postbürgerlicher Gesellschaften, ist der Einstieg in den Artikel: »Wir haben in der Bundesrepublik Deutschland, so scheint es manchmal, die Hoch-Zeit der Political Correctness (PC) längst hinter uns«. Natürlich ist dies eine rhetorische Figur und die Autorin sich darüber im Klaren, dass da noch einiges kommen dürfte: Die Preisgabe des gesellschaftlichen Allgemeinen zugunsten eines sich universalisierenden Relativismus sei »das Gefährliche, das Disruptive an PC und zugleich das, was sie zu einem realistischen Konzept moderner Gesellschaft macht«. geht es um ein politisches Bewusstsein, das sich nicht bloß nur durch die »Absenz« des Anspruchs auf Selbständigkeit des Denkens gegenüber seinen gesellschaftlichen Voraussetzungen auszeichnet, sondern die Leugnung der Möglichkeit solcher Selbständigkeit zu seinem wesentlichen Inhalt hat. Der Antirassismus, die Critical Whiteness-Forschung, der Postkolonialismus und die Queer Theory, jene akademischen Zellen also, aus denen im Wesentlichen das, was heute »woke« genannt wird,in den Universitätsbetrieb als Ganzen sowie in Politik und Medien diffundierte, behaupten von sich überhaupt nicht, mit einem aus einer gewissen Distanz formulierten, in sich konsistenten Begriff von Mensch und Gesellschaft aufwarten zu können, sondern affirmieren aggressiv ihre eigene Zugehörigkeit zur Sphäre des politischen Widerstreits, in der es gegen vermeintlich oder tatsächlich reaktionäre Akteure die nicht nur diskursive Hegemonie zu sichern gelte. Mit dem Hinweis auf die gesellschaftliche Bedingtheit des Denkens ist in diesen Kreisen schon deshalb kein Hund hinter dem Ofen hervorzulocken, weil es zu ihrem performativen Standardrepertoire gehört, das Bewusstsein von der Bindung des eigenen Denkens an seinen Standort in stereotypen Bekräftigungen zur Schau zu stellen. Freilich fällt dessen Bestimmung regelmäßig verkehrt aus: Statt die eigenen Partikularinteressen als die einer auf Flexibilität getrimmten, die allgemeine Prekarität unter prekären Bedingungen verwaltenden Professional-Managerial Class zu durchschauen, wähnt man sich als Vertreter der Belange unterdrückter Minderheiten. Man beansprucht nicht, von den gesellschaftlichen Verhältnissen relativ losgelöste Einsicht in diese zu erlangen, sondern begreift sich als Player und will verändern, was die Philosophen »bisher nur erkannt« haben. Dementsprechend suchen die in den gesellschaftlichen Mainstream eingesickerten Leitsätze des woken Bewusstseins, so etwa die Vorstellung, Geschlecht werde durch einen Sprechakt begründet, auch nicht durch begriffliche Kohärenz und Konsistenz zu überzeugen. Sie haben eher den Charakter von Befehlen, die bei Nichtbefolgung durchgesetzt werden müssen – im harmloseren Fall vom Awareness Team im Autonomen Zentrum, immer öfter jedoch auch von der Staatsgewalt. So begeht, wer »frühere Geschlechtseinträge« eines anderen ohne dessen Zustimmung offenlegt, seit Inkrafttreten des Selbstbestimmungsgesetzes eine Ordnungswidrigkeit, und wenn in der Eingabemaske einer Fluggesellschaft im Feld für das Geschlecht die Option »divers« fehlt, wird wegen Diskriminierung geklagt.6Vgl. o.A.: Nicht-binäre Person verklagt Ryanair auf 5000 Euro Schmerzensgeld, welt.de, 20.3.2025. Welche immense Wirkung die juristischen Mittel entfalten können, wenn die Angst von Unternehmen im Spiel ist, am Ende als menschenfeindlich dazustehen, zeigt ein Fall, bei dem eine Transperson systematisch Unternehmen wegen abgelehnter Bewerbungen verklagte und über Vergleiche mehrere Hunderttausend Euro erwirtschaftete. Vgl. o.A.: Trans-Person klagt 240 Mal wegen Diskriminierung – und kassiert Hunderttausende Euro Entschädigung, welt.de, 12.2.2025. »Augenzwinkernd wird auf die Macht verwiesen: gebrauche einmal deine Vernunft und du wirst schon sehen, wohin du kommst; vielfach scheint die Absurdität der Thesen geradezu darauf angelegt, auszuprobieren, was den Menschen nicht alles zugemutet werden kann, solange sie nur hinter den Phrasen die Drohung vernehmen oder das Versprechen, daß etwas von der Beute für sie abfiele.«7Adorno: Beitrag zur Ideologienlehre, 466. An der zitierten Stelle geht es um die Thesen Hitlers und Rosenbergs; an ihnen als extremstem Beispiel entwickelt Adorno ein Modell zur Beschreibung dessen, was der Tendenz nach »heute«, d.h. Anfang der 50er Jahre, an die Stelle der überall schwindenden Ideologie trete.
II.
Dieses Versprechen haben die »Woken« den Angehörigen der urbanen und gut ausgebildeten Mittelschicht gemacht, jene Drohgebärde hingegen richtete sich gegen die Vielen und wurde, wie der rechtspopulistische Backlash zeigt, von diesen als solche erkannt. Das renitente Nein angesichts progressiver Zumutungen ist der Sand im Getriebe, der die »Abwrackung« (Clemens Nachtmann) der alten Normalität bei gleichzeitiger Implementierung zukunftsfähiger Disziplinierungstechniken wo nicht verhindert, so doch erschwert und verlangsamt. Der Impuls, sich den neuen Verhältnissen, die durch aggressive Proklamation überhaupt erst hergestellt werden, zu verweigern, dürfte oftmals einer Art bürgerlichem Common Sense als dem Vermögen zur spontanen, auf sinnlicher Erfahrung gegründeten Orientierung in einer geteilten Wirklichkeit entspringen. Allerdings drückt sich dieser widerständige Impuls in der Regel in Formen aus, die nicht spontan entsprungen, sondern hochgradig vermittelt und zunehmend stereotyp verhärtet sind. Seit Beginn der 2010er Jahre ist eine regelrechte digitale Infrastruktur zur Kanalisierung und Kapitalisierung westlichen Widerwillens gegen progressive Exzesse entstanden, die rasch ihre eigenen, durchaus rigiden Konventionen ausgebildet hat.
Ihren Anfang nahm diese Entwicklung auf YouTube mit Figuren wie Ben Shapiro, Steven Crowder und Blaire White, die erst aus ihren Schlafzimmern oder dem öffentlichen Raum, bald auch aus eigenen Studios den charismatischen Politkommentar gegen links zur festen Größe des Plattform-Entertainments machten. Das inzwischen schon beinahe wieder wie ein Artefakt anmutende Ur-Format des Genres ist das der Konfrontation: Ben Shapiro DESTROYS liberal college student with LOGIC AND PURE FACTS. Die Fakten-und-Logik-Rationalität, die in solchen Clips über die im Gestus moralischer Beseeltheit vorgetragenen antirassistischen oder -sexistischen Plädoyers junger Frauen triumphiert, wird auf der einen Seite als »reine Vernunft«, als ideologiefrei und detachiert vorgestellt, andererseits in hohem Maße personalisiert: Einer gegen alle. Das Verschwimmen der Grenze zwischen dem liberalen Ideal vom Zwang des besseren Arguments und der Faszination für Stärke, die unerbittlich zuschlägt, macht die Anziehungskraft solcher Inszenierung aus. Weniger heroisierend, aber ebenso beliebt ist die Variante, bei der ein College-Campus aufgesucht wird, um unbedarfte Studenten anzusprechen und zu fragen, wie viele Geschlechter es gibt oder was eine Frau ist, damit sich der Zuschauer an den immergleichen umständlich nichtssagenden Antworten ergötzen möge. Hier geht es weniger um die progressive Avantgarde als vielmehr darum, ihre Präsenz im Über-Ich der Normies zu demonstrieren, die je nach charakterlicher Disposition die sinnleeren Phrasen entweder aalglatt über die Lippen bringen oder aber um Worte ringen und sich ständig nervös umschauen, wie um sich zu vergewissern, auch ja nichts Falsches zu sagen. Meist fallen Sätze wie: »I just think everyone should be allowed to live their own truth that makes them happy.« Es handelt sich um Menschen, die antworten, weil sie gefragt werden – unwahrscheinlich, dass sie im Alltag aus eigenem Antrieb den Inhalt ihrer Aussagen aggressiv durchzusetzen versuchen. Die am weitesten Fortgeschrittenen unter den Fortschrittlichen trifft man nämlich auch an Universitäten nicht ohne Weiteres an. Um an sie heranzukommen, treiben sich rechte Influencer auf TikTok herum, wo alles, was schrill und irre ist, heruntergeladen werden kann, um anschließend als Clip in den eigenen Videos eingespielt und im Gestus der belustigten Fassungslosigkeit kommentiert zu werden.
Gemein ist all diesen Formaten, dass die Zurschaustellung des skandalisierten woken Bewusstseins wesentlich ihren Unterhaltungswert ausmacht. Es reicht nicht, den Gegenstand kritisch auf den Begriff zu bringen; stattdessen wird er vor die Linse gezerrt, zum Sprechen genötigt und in den buntesten Farben ausgemalt – je grotesker, desto besser. Die Lust am unmittelbaren affektiven Mitvollzug der äußeren Gestalt und Bewegung der »Wokeness« ist Indiz des Fehlens jener Distanz, die Voraussetzung jeder Erkenntnis ist. Dieses Moment wird am Beispiel der Woke-Kritik in visuellen und auf breite Rezeption ausgerichteten Medien besonders deutlich, schlägt aber auch in eher essayistischen Formen oftmals durch, auch solchen, die sich in der Tradition der Ideologiekritik sehen. Da wird dann zwar nicht in Form des Einspielers, aber in ausufernden Zitaten der Wahn der Woken vorgeführt und dessen spöttische Desavouierung, die höchstens Ausgangspunkt einer Analyse sein kann, an die Stelle einer eigenen Denkanstrengung gesetzt. Diese Textsorte, die sich gern Polemik nennt, verfehlt ihren Gegenstand gerade, indem sie seine Struktur wiederholt. Wie das woke Bewusstsein, dem der gesellschaftliche Prozess als Konglomerat von Unterdrückungsmechanismen erscheint, sich in einem Chaos von Abstraktionen äußert, hat auch dessen Kritik oftmals eher die Form einer assoziativen Reihe von Schlaglichtern auf Islamophilie, Israelfeindschaft, Queerfeminismus und Antirassismus, statt eine am Detail ihren Ausgang nehmende, im Durchgang durchs Material gewonnene konkrete Einheit vorzustellen: »Je weniger Ideologie und je kruder ihre Erbschaft, desto mehr Ideologieforschung, die auf Kosten der Gesellschaftstheorie der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen sich anzumessen verspricht.«8Adorno: Beitrag zur Ideologienlehre, 467.
III.
Zunehmend scheint auch bei denen, die es besser wissen müssten, in Vergessenheit zu geraten, dass es überhaupt eine Differenz gibt zwischen dem woken Bewusstsein und der Gesellschaft, die dieses produziert. Woke-Kritik spreizt sich zur Gesellschaftskritik auf um den Preis, dass alles, was kein Gegenstand linker Obsessionen ist – so zum Beispiel der Ausbau des technologischen Überwachungsstaates –,9Siehe Thomas Maul: Privat war gestern. Überwachungs-Staat à la China droht auch bei uns, achgut.com, 15.1.2025. völlig aus dem Blickfeld verschwindet, während andererseits linke Herzensangelegenheiten, um den größtmöglichen Effekt zu erzielen, unmittelbar als anzuprangernde gesellschaftliche Realität behandelt werden. Auf diesem Weg gewonnene Behauptungen stehen dem, was sie negieren wollen, in ihrem Wahnwitz oft in nichts nach. So äußerte sich Alice Weidel in ihrem vielbeachteten Gespräch mit Elon Musk auf X in kopflosem Bemühen um Anpassung an das, was sie offenbar für den Stil ihres Gesprächspartners hält, folgendermaßen über das deutsche Bildungswesen: »The young people don’t learn anything in school, in university etc. They just learn about gender studies.« Die unfreiwillige Komik der Situation entsteht aus Musks Reaktion. Er unterbricht Weidel, zeigt sich überrascht: »Are you serious?« Er sei davon ausgegangen, dass Deutschland ein vergleichsweise gutes Bildungssystem habe, »with the Gymnasium and all that stuff«, »but it sounds like the woke mind virus has infected Germany quite badly.«10Alice Weidel: Die Unterhaltung mit Elon Musk im Video – mit deutschen Untertiteln, x.com, 9.1.2025. Weidel, die sich nun irgendwie aus der Affäre ziehen muss, führt daraufhin uninspiriert die schlechten PISA-Ergebnisse der vergangenen Jahre an. Natürlich weiß sie, dass die Suggestion, diese seien dadurch zu erklären, dass an deutschen Schulen »nur noch Gender Studies« gelehrt würden, schlechterdings absurd ist, aber der Versuch einer Analyse des bildungspolitischen Versagens, die auf Englisch wohl noch mühsamer zu formulieren sein dürfte als ohnehin schon, lohnt nicht, wo es nur noch darum geht, sich mit einem aus der Wirklichkeit ausgestiegenen Gegner auf dessen eigenem Feld Scheingefechte zu liefern.
Die Tendenz der Personalisierung des Widerstands gegen die »Wokeness«, wie sie sich bereits vor zehn Jahren im Erfolg rechter »Politfluencer« auf YouTube andeutete, hat sich inzwischen verallgemeinert. Anders als in den frühen Neunzigern handelt es sich heute bei den Kritikern nur selten um Leute, die sich bereits auf anderem Gebiet ein Auskommen und sachliche Autorität erarbeitet haben, ehe sie sich in Büchern oder Essays zum Thema äußern, um sich dann wieder anderem zuzuwenden. Stattdessen hat man es mit Ein-Mann-Unternehmen zu tun, die oft von Anfang an eine publizistische Karriere auf der Woke-Kritik begründen, jedenfalls aber ein durchsichtiges persönliches Interesse an deren Popularisierung haben. Es sind Figuren, die die Strategie der »Woken« durchschaut haben und angetreten sind, mit ihnen den Kampf um Diskurshoheit aufzunehmen und über die sozialen Medien Gefolgschaft um sich zu scharen. Hinsichtlich ihrer politischen Prägung verbindet sie oft wenig: Elon Musk und Sahra Wagenknecht, Ulf Poschardt und Martin Sellner sind sich in ihrer Gegnerschaft gegen »woke« einig. Inhaltlich stellt sich diese denn auch dar als ein Potpourri aus Restbeständen klassisch liberaler und libertärer, zuweilen auch marxistischer, kulturkonservativer oder kommunitaristischer sowie nationalistischer bis ethnopluralistisch-identitärer Ideengebäude. Teils gehen die widersprüchlichen Ideologeme in den täglich tausendfach veröffentlichten, oftmals ad hoc formulierten Stellungnahmen gegen »Woke« synkretistisch ineinander über, teils stehen sie pluralistisch nebeneinander; mal werden vermittels einer assoziativen Ideengeschichte oder antisemitisch-verschwörungstheoretisch die Wurzeln des Wokeismus im »Kulturmarxismus« Frankfurter Provenienz gesucht, ein andermal soll die Abkehr der Linken vom Marxismus und dem Proletariat schuld an der Misere sein; den einen dient die Idee des Individuums als Gegenmodell zu einer neuen Stammesmentalität, den anderen erscheinen die moralische Selbstüberhöhung und das ständige Beharren auf der eigenen unverwechselbaren Identität als Ausdruck eines Hyperindividualismus, gegen den gemeinschaftliche Strukturen (Volk, Nation, Familie) wieder stärker in den Vordergrund zu rücken seien. Eine Synthese, die beanspruchen würde, den Erfolg der woken Weltanschauung historisch zu erklären und ihr eine eigene kohärente Deutung der gesellschaftlichen Wirklichkeit entgegenzusetzen, ist nicht in Sicht. Eine solche »anti-woke« Ideologie hätte ein wirkliches geistiges Bemühen, die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen unter zusammenhängende Begriffe zu bringen, zur Voraussetzung – ein Unterfangen also, das sich heute keiner mehr leisten mag oder muss: Wo darauf vertraut werden darf, dass dem Reiz die reflexhafte Reaktion folgen wird, wird Ideologie, die den Menschen als Vernunftwesen zum Adressaten hat, obsolet. An ihre Stelle tritt das nackte Dekret, das symbolischer Vermittlung nicht mehr bedarf, sondern auf psychologische Zurichtung mit Zuckerbrot und Peitsche setzt und labile, ich-schwache Subjekte zur Manövriermasse von Staatsapparaten und Meinungsmachern degradiert.
»Mit der Krisis der bürgerlichen Gesellschaft scheint also«, so wieder Adorno, »der traditionelle Ideologiebegriff selbst seinen Gegenstand zu verlieren.«11Adorno: Beitrag zur Ideologienlehre, 474. Nicht nur wird Ideologie objektiv durch Propaganda abgelöst, sondern mit jener Krise sind auch die subjektiven theoretischen Voraussetzungen, die es einmal erlaubten, von Ideologie zu sprechen, unplausibel geworden. Es gibt einen inneren Zusammenhang zwischen dem Begriff der Ideologie und der Marxschen Geschichtsphilosophie: Tendenziell »apologetisch und restaurativ«,12Herbert Schnädelbach: Was ist Ideologie? Versuch einer Begriffsklärung, in: Das Argument, Nr. 50 (1969), 71–92, hier: 84. verhindert Ideologie die vermeintlich von der Geschichte selbst geforderte Angleichung der Produktionsverhältnisse an den Stand der Produktivkräfte, während sie zugleich vermittels der Maßstäbe, die sie im Bestreben um Rechtfertigung des Status Quo bemüht, aus sich selbst heraus auf das zu noch verwirklichende Bessere verweist. Weil der Ideologiebegriff den Fortschrittsgedanken also in doppelter Hinsicht zur Voraussetzung hat, muss mit der historischen Erfahrung, durch die dieser sich als unglaubwürdig erwies, auch jener zweifelhaft werden. Ist das Vertrauen darauf, dass aus der praktischen Negation des Schlechten aufgrund immanenter historischer Gesetzmäßigkeit das Bessere erwachsen werde, weshalb Kritik nicht des externen »Ideals« des Kommunismus bedürfe, sondern sich selbst vielmehr als Teil einer »wirklichen Bewegung« begreifen könne, einmal geschwunden, bleibt am Ende nur noch die Berufung auf ein Idealisches, die Marx und Engels in der Deutschen Ideologie so vehement zurückgewiesen hatten: Es gelte eben »festzuhalten an« der Idee eines Vereins freier Menschen, so die routinemäßige Bekräftigung derer, die auf Ideologiekritik zur szeneinternen Identitätsstiftung oder sogar als Brotverdienst angewiesen sind. Die Frage, ob diese Formel der Gemütsberuhigung von Hoffnung heute wirklich noch gedeckt ist – Hoffnung bezieht sich auf etwas, dessen Eintritt nicht für notwendig, aber für möglich gehalten wird –, wäre durchzuarbeiten und die anhaltende Tragfähigkeit des Ideologiebegriffs unter radikal veränderten Bedingungen erst unter Beweis zu stellen, wenn Ideologiekritik mehr sein soll als ein Ticket unter vielen.
IV.
Die offizielle Kritische Theorie, die heute mit Vorliebe beim Feminismus, Postkolonialismus und Dekonstruktivismus Anleihen nimmt, hat zu alldem nicht nur nichts zu sagen, sondern unterwirft sich reflexionslos der historischen Entwicklung. Ihre Vertreter verstehen sich als Stichwortgeber »sozialer Bewegungen«, tragen ihre Engagiertheit als Gütesiegel auf der Brust und geben neuerdings sogar Wahlaufrufe heraus (selbstverständlich für Die Linke).13Darum wählen Wissenschaftler*innen DIE LINKE, wissenschaft-waehlt-die-linke.de, 1.2.2025. Exemplarisch sei der Direktor des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt, Stephan Lessenich, zitiert, der programmatisch formuliert, »Kritische Gesellschaftstheorie und Sozialforschung heute« müsse »zur systematischen Arbeit an der Destabilisierung der Grenzen zwischen Innen und Außen, zwischen akademischer und nicht-akademischer Welt, angehalten werden«.14Stephan Lessenich: Petite Auberge Aufbruch. Zu den Möglichkeitsräumen kritischer Sozialforschung heute, in: Soziologie. Forum der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Nr. 51/2 (2022), 115–126, hier: 123. Aus der Forderung, darauf zu reflektieren, dass die Selbständigkeit, die geistige Arbeit einmal für sich beanspruchte, stets nur eine relative sein kann, wird der Aufruf zu ihrer Zerstörung, womit man sich des Problems, das nach Reflexion verlangt, entledigen zu können hofft. Mit der Distanz des denkenden Subjekts zu seinem Gegenstand wird das Denken selbst kassiert; in einem Akt subjektiver Willkür degradiert sich Subjektivität, der es eben gefällt, mitzumachen, zum bloßen Anhängsel des gesellschaftlich Objektiven.
So berechtigt es ist, darauf hinzuweisen, wie weit sich die akademischen Nachfolger des »Staatsfeinds auf dem Lehrstuhl«15Wolfgang Pohrt: Der Staatsfeind auf dem Lehrstuhl, in: Michael Löbig, Gerhard Schweppenhäuser (Hg.): Hamburger Adorno-Symposion, Lüneburg 1984, 47–56. damit vom Denken jener entfernt haben, auf die sie sich berufen,16Siehe nur beispielhaft anlässlich der Initiative Wissenschaft wählt links: Moritz Rudolph: Die Linkswende der Kritischen Theorie, philomag.de, 12.2.2025 sowie Jakob Hayner: Statt Dialektik nur noch Aktivismus, welt.de, 19.2.2025. so gilt es andererseits auch zur Kenntnis zu nehmen, dass man es mit dem Resultat der Radikalisierung einer Tendenz zu tun hat, die im klassischen materialistischen Ideologiebegriff schon angelegt war. Das berühmte Diktum aus der Deutschen Ideologie, die »herrschenden Gedanken« seien »weiter Nichts als der ideelle Ausdruck der herrschenden materiellen Verhältnisse, die als Gedanken gefaßten herrschenden materiellen Verhältnisse; also der Verhältnisse, die eben die eine Klasse zur herrschenden machen, also die Gedanken ihrer Herrschaft«,17Karl Marx: Die deutsche Ideologie [1845/46], in: MEW, Bd. 3, 5–530, hier: 46 [Hervorhebung nicht im Original]. muss im Rückblick insofern als avantgardistisch verstanden werden, als dass hier – und sei es in einer Überspitzung – bereits jenes Denken, das sich durchsetzt, also »kanonisch« wird, restlos auf Herrschaft reduziert und damit die Tilgung seines Wahrheitsanspruchs, der immer ein Anspruch darauf ist, das empirisch bloß Gegebene durch geistige Arbeit zu transzendieren, vorweggenommen wird.
Angesichts dieses Zusammenhangs führen ihre frühen amerikanischen Kritiker die universitäre Politische Korrektheit, die sich im Namen sozialer Gerechtigkeit an die Säuberung des Kanons macht, oftmals unbefangen auf Marx, den Marxismus und speziell den Ideologiebegriff zurück: »Those who oppose the Canon insist that there is always an ideology involved in canon formation; indeed, they go farther and speak of the ideology of canon formation, suggesting that to make a canon (or to perpetuate one) is an ideological act in itself.«18Harold Bloom: The Western Canon. The Books and School of the Ages, New York/San Diego/London 1994, 22. Der ideologiekritisch geschulte Deutsche hat angesichts solcher Vulgarität sogleich eine Reihe gebildeter Einwände parat, die allesamt darauf hinauslaufen, jegliche Kontinuität zwischen Marx und Adorno und den diversen Schulen postmodern gewendeter Sozialkritik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu bestreiten – wie auch schon Adorno selbst bemüht war, den »totalen Ideologiebegriff« der Mannheimschen Wissenssoziologie, der mit seiner These von der »Seinsgebundenheit« allen Denkens nicht mehr zwischen richtigem und falschem Bewusstsein unterscheidet, aufs Schärfste von sich zu weisen.19Vgl. Adorno: Beitrag zur Ideologienlehre, 471 f. Es ist dies eine Geste, die ein Dilemma verdecken soll. Denn mit der Überantwortung der Frage nach Wesen und Bestimmung des Menschen an den historischen Prozess durch Marx hat in der Tat eine Entwicklung begonnen, die auch die kritische Reflexion auf Geschichtsphilosophie bei Adorno und Horkheimer nicht mehr einzuhegen vermochte, die vielmehr, als das universale Subjekt und die Gewissheit seiner Bewegung auf immanente Erlösung hin einmal verloren waren, mit einer gewissen Konsequenz im Relativismus sich vollendete, wobei nun der Begriff der Ideologie sich im Kampf um Anerkennung als taugliche Waffe gegen die Tradition anbietet, in der noch Marx stand. Die ambivalente Rolle und aporetische Situation der kritischen Theorie in diesem Prozess besteht darin, dass Adorno gegenüber dem auf dem Vormarsch befindlichen Relativismus mit Vehemenz auf der Möglichkeit und Wirklichkeit von subjektiv richtigem Bewusstsein beharrte, während andererseits mit ebensolcher Vehemenz die kapitalistische Vergesellschaftung als objektiv total behauptet und also eine relative Autonomie von Bewusstseinsinhalten gegenüber dem Kapital logisch ausgeschlossen wird. Manfred Dahlmann hat diesen Widerspruch einmal so formuliert, »daß beständig Urteile gefällt werden, wie eben z.B. auch in dem Satz: das Ganze ist das Unwahre, daß aber behauptet wird, es gebe keinen Ort, von dem aus positiv bestimmt werden könne, ob es sich bei diesem Urteil um ein richtiges oder falsches handelt. Vor allem: es kann nicht angegeben werden, in welcher Weise auch das eigene Urteil an die Existenz der kapitalistischen Form der Vergesellschaftung gebunden ist, oder ob es seinen Geltungsgrund aus einem dem Kapital äußerlichen, gar transzendenten Punkt gewinnt.«20Manfred Dahlmann: Kritische Theorie am Ende? Über die Antinomien totaler Vergesellschaftung bei Stefan Breuer und Wolfgang Pohrt, http://www.ca-ira.net/verein/positionen-und-texte/dahlmann-theorie-ende/. So zutreffend diese Formulierung des Problems einerseits, so aberwitzig andererseits Dahlmanns Vorschlag einer Lösung: »Wenn es jedoch gelingt, auf der Basis der Wertvergesellschaftung eine Erkenntniskritik zu formulieren – und deren Grundlage geschaffen zu haben, ist das Verdienst Alfred Sohn-Rethels – dann können die seitens der Kritik gefällten Urteile ihre Geltung dadurch als allgemein erweisen, daß sie dem gesellschaftlichen (automatischen) Subjekt selbst sich verdanken – und sie könnten so dessen (nichtfetischisierte) Reproduktion im Denken sein.«21Ebd. Um sowohl das Theorem von der totalen Vergesellschaftung als auch die Möglichkeit von Erkenntnis zu retten, wird das Kapital, indem seine »alogische Irrationalität oder gar zynische Wahnhaftigkeit«22Thomas Maul: Ricardos Hüte leben, jungle.world, 6.4.2017. einfach ausgeblendet und damit hinter die Mindeststandards jeder Kritik zurückgegangen wird, zur göttlichen Vernunft verklärt, der menschliche Einsicht ihre Allgemeinheit verdanken soll. Würde man dem entgegenhalten wollen, dass auf eine positive Begründung der Geltung von Urteilen ganz zu verzichten sei, diese Geltung sich vielmehr nur im Vollzug der Negation der gesellschaftlichen Totalität einstellen könne, so hilft das nicht weiter, denn Negativität für sich genommen garantiert überhaupt nichts, wenn sie, wie im Falle der »Wokeness«, hinter ihren Gegenstand zurückfällt, oder diesem wie die Woke-Kritik im schlechten Sinne verhaftet bleibt. Das Problem wäre also nur verschoben, indem nun ein Kriterium angegeben werden müsste, um »richtige« im Gegensatz zur »falschen« Negativität zu bestimmen. Es gilt daher, sich zu entscheiden: Wenn das richtige vom falschen Bewusstsein (sowie Kunst von Agitprop und Moralität vom Moralismus) irgend unterschieden und unterscheidbar sein soll, kann die Macht des vergesellschaftenden Demiurgen nicht unbeschränkt sein.
V.
Auf diesen Punkt zielt auch Harold Bloom in seiner Einführung in den westlichen Kanon ab, wenn er fragt, ob mit dem Rekurs auf die sozialen Umwälzungen und Klassenkämpfe im frühneuzeitlichen England dem Wesentlichen an Shakespeares Werk wirklich beizukommen ist.23»This is the dilemma that confronts partisans of resentment: either they must deny Shakespeare’s unique eminence (a painful and difficult matter) or they must show why and how history and class struggle produced just those aspects of his plays that have generated his centrality in the Western Canon. Here they confront insurmountable difficulty in Shakespeare’s most idiosyncratic strength: he is always ahead of you, conceptually and imagistically, whoever and whenever you are. He renders you anachronistic because he contains you; you cannot subsume him.« – Bloom: The Western Canon, 24. Es ist kaum ein Zufall, dass er und die anderen oben genannten frühen Kritiker der »Politischen Korrektheit« einiges miteinander gemeinsam hatten, darunter vor allem die Maßlosigkeit ihrer Hingabe an ihre Gegenstände – das philosophische, literarische und kunsthistorische Erbe der westlichen Zivilisation –, die bei allen dreien jedoch, von jeglichem snobistischen Dünkel frei, in der glücklichen Kombination mit einem gewissen aus Sympathie geborenen Gespür für das populäre Amerika auftrat. Diese ihre Disposition ermöglichte es Bloom, Bloom und Hughes, früh zu erkennen und publikumswirksam zu formulieren, dass die objektiven sozialen Umwälzungen seit 1968 und die daraus folgenden Veränderungen in der Subjektkonstitution eine Gefahr für die lebendige Beziehung der Menschen auf die Welt der Gegenstände – auch, aber nicht nur jene, denen ihre besondere Leidenschaft galt – bedeutete, dass mithin ein umfassender kollektiver Wirklichkeitsverlust drohte, der sich heute noch in der Kritik an der »Wokeness« fortsetzt.
Der bereits weit fortgeschrittenen Zerstörung von Wahrheitsstreben, Tugendhaftigkeit und ästhetischer Erfahrungsfähigkeit, die von den »Politisch Korrekten« qua ihrer Verstricktheit in eine Geschichte der Unterdrückung als Auswüchse einer toxischen Zivilisation verteufelt werden, aber auch jenseits dessen gesamtgesellschaftlich, etwa aufgrund der Heftigkeit des digitalen Datenstroms, erodieren, gilt es sich wo immer möglich zu widersetzen. Eine solche Haltung hat sich, unbeirrt vom Vorwurf des Anachronismus, am verschütteten Vergangenen zu orientieren statt an einer Zukunft, die als Bessere vorzustellen angesichts des Dystopischen, das droht, nurmehr wie eine rein performative Geste anmutet, welche sich bloß durch die Wiederholung schal gewordener Versicherungen noch gegen die Ahnung ihrer Borniertheit zu behaupten vermag. Dass diese Einsicht unter jenen, die sich auf die Ideologiekritik berufen, gleichsam in der Luft liegt, zeigt sich an der Publikation von Bänden über »Religion, Metaphysik, Kritische Theorie«24Dirk Braunstein, Grazyna Jurewicz, Ansgar Martins (Hg.): »Der Schein des Lichts, der ins Gefängnis selber fällt«. Religion, Metaphysik, Kritische Theorie, Berlin 2018. durch die eher akademische Fraktion oder am Verweis auf die »Beschäftigung christlicher Mönche mit der Philosophie des Aristoteles, von dem man heute nur noch weiß, dass er nichts gegen Sklaverei einzuwenden hatte«.25Justus Wertmüller: Es geht um Israel, in: Bahamas, Nr. 93 (2023/24), 6–10, hier: 9. Nicht in den Blick gerät dabei allerdings, dass Ideologiekritik selbst Katalysator des Erinnerungsschwundes geworden ist. Heute ist es gerade das fortwährend blind als Ideologie geschmähte Wahre, Schöne und Gute, dessen es mehr denn je bedarf. Wer es zurückzugewinnen sucht, muss in der Lage sein, die Gebundenheit vergangenen Geistes an die Formen von Vergesellschaftung, denen er angehörte, temporär auszublenden – gleichsam im Sinne eines methodischen Verzichts auf den ideologiekritischen Zweifel. Dies bedeutet nicht, zurückzukehren zu einem naiven Idealismus, der vom wirklichen Lebensprozess, in den die kanonischen Werke eingebettet sind, abstrahiert, um unmittelbar dessen habhaft zu werden, was sie »unsterblich« macht. Gerade im erinnernden Nachvollzug der historischen Vermitteltheit eines Werkes ist dessen gewahr zu werden, wodurch es seinen geschichtlichen Voraussetzungen entspringt.
Dies bildungsbürgerlichen Eskapismus zu schimpfen, verkennt, dass die Vorzeichen, unter denen solche Kritik einmal formuliert wurde, sich gewandelt haben. Es ist ein Dreivierteljahrhundert her, seit Adorno den Beginn dieser Entwicklung andeutete, als er formulierte, heute sei das Kennzeichen des Ideologischen eher die »Absenz [von] Selbständigkeit als der Trug ihres Anspruchs«. Jene Überwelt mit ihrem trügerischen Anspruch auf Autonomie, in die vor dem Erdrückenden der Verhältnisse zu fliehen einmal als bequemer Ausweg erscheinen mochte, ist heute verlassen und verkümmert. Die Aufgabe besteht darin, eine Sphäre jenseits dessen, was sich ohnehin vollzieht, überhaupt erst wieder zu erschließen. Es ist dies vorrangig die Aufgabe des Individuums, sich aus dem Sumpf unmittelbarer Einheit mit dem Gegebenen, dem Urschlamm als dem vorläufigen Resultat der Geschichte, an den eigenen Haaren herauszuziehen. Hinzu tritt als sekundärer, deswegen aber nicht stiefmütterlich zu behandelnder der Versuch verbündeter Individuen, praktisch Räume herzustellen, in denen Geist in Beziehung auf seine eigene vergangene Wirklichkeit und damit in Gegensatz zu der sich totalisierenden Simulation treten kann. Weil das Band zu dem, was einmal kanonisch war, durch die effiziente Arbeit der Sozialarbeiter eines halben Jahrhunderts de facto durchtrennt ist, wird man sich im Untergrund wieder einen Weg dorthin zurück bahnen müssen. Dass der individualistisch-anarchistische Charakter dieser Forderung von der ihr zugrundeliegenden Ohnmacht Zeugnis ablegt, ist nicht zu leugnen. Ein Einwand kann diese Feststellung aber immer nur dort sein, wo privatistische Veranstaltungen als Ersatz für die außer Reichweite geratene Revolution dienen sollen. Das ist hier nicht der Fall: Die Rückbesinnung auf verschüttete ästhetische, theologische und philosophische Gehalte ist gerade kein Weltverbesserungsprogramm, verzichtet auf das Pathos sozialer Wirksamkeit. Weil sie im Gegenteil eine relative Abgeschiedenheit gegenüber der totalitären Sozialität zu gewinnen sucht, ist sie notwendig verbunden mit dem Bewusstsein um die Grenzen dessen, was sie leisten kann. Ihr Verhältnis zum alten bürgerlichen Gegensatz von Fortschrittsdenken und Reaktion lässt sich in Analogie zu einer Bemerkung Blooms, der 2019 verstorben ist, über Ralph Waldo Emerson begreifen: »Emerson opposed the party of Memory to the party of Hope, but that was in a very different America. Now the party of Memory is the party of Hope, though the hope is diminished.«26Bloom: The Western Canon, 17.


