»Be kind«

Selbstbestimmung – ein Dekret für raue Zeiten
Bild: Leonardo da Vinci, o.T., Public Domain, via Wikimedia Commons.

I.

Zu den Kultbüchern des sich links und schlau wähnenden Akademikertums, das sich keinen Deut für das Elend in der Welt interessiert, dafür aber permanent kritische Distanz zu den Verhältnissen geltend zu machen versucht, zählt Der Wille zum Wissen, der erste Band von Michel Foucaults stilprägendem unabgeschlossenen Werk Sexualität und Wahrheit. 1977 in deutscher Übersetzung erschienen, gelang es den Überlegungen des Philosophen zum vermeintlichen Wirken dezentraler Machtformen in westlichen Gesellschaften die Geistes- und Sozialwissenschaften im Sturm zu erobern, weil sie das Begehren einer universitär ausgebildeten Leserschaft bedienten, sich radikal zu fühlen, während sie diese tatsächlich dazu animierten, in einem Besserwissertum zu verharren, das einfach nur den Status quo umtanzt.

Angesichts der Transgender-Debatten der vergangenen Jahre lohnt es sich, diese Schrift nochmals aufzuschlagen. Foucault interessierte sich bekanntlich für die Proliferation von Geschlechterkategorien im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, als im Zuge des erheblichen Bedeutungsverlusts der Kirche als gesellschaftlicher Ordnungsinstanz und der zeitgleichen Konjunktur der Naturwissenschaften und der Humanmedizin die abnormen Facetten des Bürgertums wie der niederen Klassen verstärktes Interesse auf sich zogen. In dieser Ära entstanden beispielsweise die wirkmächtigen Veröffentlichungen von Cesare Lombroso, Richard von Krafft-Ebing und Havelock Ellis, aber auch die frühen Arbeiten von Magnus Hirschfeld und Sigmund Freud.

Der gewichtige Einwand gegen Foucault besteht darin, dass diesen zwar die »Anreizung zu Diskursen«1Michel Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I, Frankfurt a.M. 1977, 27. interessierte, die er auf eine unsichtbare, alle Lebensbereiche durchziehende »Macht« zurückführte, nicht aber der Aspekt der praktischen Leidminderung, der in manchen Schriften jener Ära zentral war – sei es als therapeutische Maßnahme, sei es als aufkeimender politischer Emanzipationsgedanke. Bekanntlich trat die Psychoanalyse, deren wissenschaftliche Genese ebenfalls in diesen Zeitraum fällt, mit dem Anspruch an, sozial beschämte Individuen nicht zu nötigen oder staatlicher Kontrolle zu unterwerfen, sondern etwas Verdrängtes zur Sprache zu bringen und damit eine Sprache für ein Verlangen zu finden, die dem Individuum den Weg von belastenden Symptomen zur Selbsterkenntnis ermöglichen sollte. Foucault vermochte in solchen sozialreformerischen Bemühungen wenig mehr zu erblicken als eine säkulare Verlängerung pastoraler Interaktion, die er noch in der zeitgenössischen Literatur ausfindig machen wollte.2Ebd., 32.

Was Foucaultianer bis heute nicht begreifen, ist, dass Der Wille zum Wissen als bizarr überbewertete Diagnose eines Aspekts der westlichen Welt – namentlich ihres sich wandelnden Sexualitätsverständnisses3Wichtige Überlegungen hierzu finden sich bei Magnus Klaue: Die Antiquiertheit des Sexus, Bd. 1: Kindheit – Sprache – Geschlecht, 3. Aufl., Berlin 2022 u. Bd. 2: Von der Stilllegung der Lust und der Verachtung des Lebendigen, Berlin 2022. – auch ein unfreiwilliger Milieuspiegel ist, der bis in die Gegenwart weiterwirkt. Deskriptiv verstanden, umfasst die von Foucault konstatierte »diskursive Gärung«4Michel Foucault: Der Wille zum Wissen, 28. um Geschlecht und Verlangen Muster, die dessen Anhängerschaft selbst bedient, besteht deren Blindheit doch darin, dass sie die gesellschaftlichen Diversifizierungsmaßnahmen von oben, denen sie aktiv zuarbeitet, nicht zu reflektieren vermag. Obwohl die Rede von der oktroyierten »Vermehrung disparater Sexualitäten« und vom »Imperativ, der jeden dazu nötigt, aus seiner Sexualität einen permanenten Diskurs zu machen«,5Ebd., 65, 46. hellhörig machen sollte, wird Foucaults Schrift stets so ausgelegt, als meinte das darin Beschriebene nur das Wirken eigentlich subjektferner diskursiver Mächte, aber nie das eigene Handeln. »Die Verpflichtung zum Geständnis wird uns mittlerweile von derart vielen verschiedenen Punkten nahegelegt, sie ist uns so tief in Fleisch und Blut übergegangen, daß sie uns gar nicht mehr als Wirkung einer Macht erscheint, die Zwang auf uns ausübt«,6Ebd., 77. lautet etwa eine Formulierung, die sich wie eine anschauliche Zusammenfassung des in progressiven Kreisen gepflegten Trends liest, bei allen möglichen beruflichen wie privaten Gelegenheiten die bevorzugten Personalpronomen zu annoncieren, um mit dieser sich als solidarisch mit transgeschlechtlichen Personen ausgebenden Geste tatsächlich penibel darauf zu achten, wer beim neuen Gesellschaftsspiel namens »he/him« beziehungsweise »she/her« mitmacht und wer nicht. Die Behauptung wiederum, »[w]ir« wohnten einer »sichtbaren Explosion der häretischen Sexualitäten bei«,7Ebd., 65. bestätigt jeder Blick in die Kulturproduktion der beiden vergangenen Jahrzehnte, noch mehr allerdings auf TikTok, YouTube und Instagram. Zitierwürdig ist in diesem Zusammenhang eine Passage aus Der Wille zum Wissen, über die trotz offenkundiger Relevanz für das 21. Jahrhundert generös hinweggelesen wird: »Weit stärker als die alten Verbote verlangt die Entfaltung dieser Machtform konstante, aufmerksame und wißbegierige Präsenzen; sie setzt Nahverhältnisse voraus und vollzieht sich vermittels eingehender Prüfungen und Beobachtungen; sie verlangt einen Austausch von Diskursen durch Fragen, die Geständnisse abzwingen, und durch Bekenntnisse, die Verhöre übersteigen. […] Die Medizinisierung der sexuellen Abweichung ist gleichzeitig Wirkung und Instrument dieser Erfordernisse.«8Ebd., 59 f.

Diese »Medizinisierung der sexuellen Abweichung«, die Foucault einst ausgemacht hat, ist heute womöglich noch wirkmächtiger als damals, und zwar in Form der eilig ausgesprochenen Diagnose »trans« für offenkundig häufig lesbische und an Autismus leidende weibliche Jugendliche, deren Zahl in den vergangenen zwanzig Jahren einen explosionsartigen, statistisch nicht erklärbaren Anstieg erlebt hat, auf den zunächst mit dem sogenannten »affirmativen Ansatz« reagiert wurde. Für viele Minderjährige bedeutete dies, in klinischen Einrichtungen nicht mehr in ihrem Selbstbild herausgefordert, sondern autoritär bestätigt zu werden. Das Resultat war und ist die Verabreichung gegengeschlechtlicher Hormone, die als Weg zu geschlechtsangleichenden Operationen gelten, und von Pubertätsblockern, deren medizinische Folgen auf Lebzeit fatal sein können.9Kritisch zu all dem die Beiträge in: Bernd Ahrbeck, Marion Felder (Hg.): Geboren im falschen Körper. Genderdysphorie bei Kindern und Jugendlichen, Stuttgart 2022. Gerade dieser Umstand hat dazu geführt, dass zahlreiche westliche Staaten, die mit progressivem Beispiel vorangehen wollten, inzwischen eine radikale Kehrtwende vollzogen haben, was die chemische »Behandlung« vermeintlich transgeschlechtlicher Heranwachsender anbelangt – darunter auch Großbritannien, wo der »affirmative Ansatz« an der Londoner Tavistock Clinic lange ungehindert praktiziert worden ist.

»Die ›bürgerliche‹ Gesellschaft des 19. Jahrhunderts – zweifellos noch die unsere – ist eine Gesellschaft der blühendsten Perversionen«,10Michel Foucault: Der Wille zum Wissen, 63. schrieb Foucault, während die Mehrzahl seiner Adepten schon an diesem Punkt nicht weiterzudenken vermag. Denn die nachbürgerliche Verfasstheit der Gegenwart ist eine, in der blühendste Perversionen abermals von der Wissenschaft gehegt werden, die in Form vermeintlicher medizinischer Hilfsangebote teilweise unmittelbar von solcher Förderung profitiert, während akademisch vermarktete Titel wie Queere Theorien zur Einführung von Mike Laufenberg mit rebellischem Gestus darüber informieren, dass Gesellschaften »selbst das Wissen und die Möglichkeiten« produzierten, »durch die grundlegende Prinzipien ihrer Ordnung – wie die Annahme eines biologisch verankerten eigentlichen Geschlechts – in eine Krise gestürzt werden können.«11Mike Laufenberg: Queere Theorien zur Einführung, Hamburg 2022, 250 [Hervorhebung im Original]. Was man Foucault­ianern, die von Anfang an von den komfortablen Zuwendungen der bürgerlichen Gesellschaft profitiert haben, welche sie profund durchschaut zu haben meinen und heute noch »in eine Krise« stürzen wollen, die in Wahrheit längst Status quo ist, jedoch nie erklären kann, ist der gegenwärtig statthabende Übergang zu einer Gesellschaftsordnung, in der nicht etwa feinziselierte »Machttechniken« das Soziale durchziehen, sondern der Primitivismus des Rechts des Stärkeren, dessen Wiederkehr sich an den Gewalttaten gegenüber sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten ankündigt.

II.

Eines der vielen trostlosen deutschsprachigen Dokumente, die ohne schützende akademische Verpackung auf Höhe der Zeit nur schwerlich als analytischer Vorstoß in der apostrophierten Sache durchgehen würden, ist Das Selbstbestimmungsgesetz, eine 2023 erschienene Abhandlung von Annette und Waldemar Vanagas.12Annette Vanagas, Waldemar Vanagas: Das Selbstbestimmungsgesetz. Über die Diskurse um Transgeschlechtlichkeit und Identitätspolitik, Bielefeld 2023. Das akademisch-aktivistische Autorenduo, dessen Behauptungen wenig überraschend vom üblichen Ideologiehintergrund in der Queer Theory zeugen – der Untertitel des Buchs lautet entsprechend: Über die Diskurse um Transgeschlechtlichkeit und Identitätspolitik –, stützt den Großteil seiner Argumentation auf Foucault. Folglich interessiert es sich weniger für Transgeschlechtlichkeit als solche, die hier durchgehend dezidiert nicht als Transsexualität verstanden wird, denn für eine vermeintlich sinnstiftende und realitätsprägende Diskursmacht.

Neben der diffamatorischen Fixierung auf missliebige, da nicht identitätspolitisch verblödete migrantische Autorinnen, die man aus den angeblich rassismussensiblen Universitätsabteilungen mittlerweile zu genüge kennt,13Hier gegen Naida Pintul gerichtet, vgl. ebd., 343. sowie auf Till Randolf Amelung, der für seine differenzierten Stellungnahmen in Trans-Belangen und seine scharfe Kritik am Transaktivismus bekannt ist,14Vgl. ebd., 232 f. und 332. demonstriert der Bezug auf die professionelle Antizionistin Jasbir Puar hier anschaulich, wie eine wissenschaftliche Publikationen mit »diverser« Agenda einen Beitrag zur Normalisierung des Antisemitismus in Deutschland leistet. So ist von Vanagas/Vanagas zu erfahren, dass das vermeintliche Phänomen hinter dem von der akademisch hofierten Terrorapologetin gestifteten Begriff »Homonationalismus«15Vgl. Jasbir K. Puar: Terrorist Assemblages. Homonationalism in Queer Times, Durham u.a. 2007. Kritisch zum Begriff »Homonationalismus«: Moritz Pitscheider: Der Westen und das Laster. »Homonationalismus« und Flucht, in: Vojin Saša Vukadinović (Hg.): Zugzwänge. Flucht und Verlangen, Berlin 2020, 163–182. sich »durch das Konstrukt des unzivilisierten, untolerant-homophoben, muslimisch-migratisierten Anderen aus[zeichnet], vor welchem homosexuelle Interessen geschützt werden müssen.«16Vanagas, Vanagas: Das Selbstbestimmungsgesetz, 341. Die für verschwörungstheoretische Kreise typische Tarnrhetorik, die ominöse »Interessen« andeutet, ohne sie zu explizieren, ist weniger überraschend als das Detail, dass es Vanagas/Vanagas bereits als verdächtig gilt, wenn homosexuelle Menschen nach vom bürgerlichen Recht garantierten Sicherheiten streben – seltsamerweise aber nicht, wenn transgeschlechtliche Individuen dies als politisches Ziel reklamieren. Das hat einen recht banalen Grund: Im simplen Weltbild der Autoren ist Homosexualität im Anschluss an Judith Butler ein die »heteronormative« Ordnung »stabilisierendes Moment«,17Ebd., 346. ergo Regression, »trans« hingegen Transgression, mit der sich die letzten Reste der bürgerlichen Welt austreiben lassen.

Dass es diese Sicherheit niemals dort geben wird, wo schariatische Praktiken Einzug gehalten haben, können Vanagas/Vanagas gar nicht erst begreifen, weil sie offenkundig nicht wissen, was dies ist; ebenso wenig verstehen sie, dass die homosexuelle Emanzipationsgeschichte im Westen allen juridischen Errungenschaften und gesellschaftlichen Liberalisierungen zum Trotz nie abgeschlossen wurde, sondern eine vorläufige war. Das zeigt sich zuvörderst an Gewalttaten, die der Queer-Theory-Anhängerschaft nie von Belang sind. Deutlichste Beispiele sind der längst aus dem öffentlichen Bewusstsein getilgte Mordanschlag von Dresden, bei dem im Oktober 2020 ein »unzivilisierte[r], untolerant-homophobe[r]« Moslem, der angebliche Schutzsuchende Abdullah Al Haj Hasan, den schwulen Thomas L. erstach und dessen Partner Oliver L. schwer verletzte, sowie der tödliche Faustschlag vom Münsteraner CSD 2022, wo Nuradi A., ein – soweit bekannt – ebenfalls »unzivilisierte[r], untolerant-homophobe[r]« Moslem und angeblicher Schutzsuchender, zunächst Lesben belästigte und dann den 26-jährigen Transmann Malte C. mit einem Faustschlag niederboxte, dessen Folgen sich als tödlich erwiesen.18Vgl. o. A.: Messerattacke im Jahr 2020: »Und was ist nach Dresden passiert? Gar nichts! Weil es ja zwei Schwule waren«, in: Welt, 3.1.2024; o. A.: Jugendstrafe für Angreifer nach tödlicher CSD-Attacke, in: Süddeutsche Zeitung, 22.3.2023. Bei anderen Polizeimeldungen muss man zwischen den Zeilen lesen, so etwa beim Überfall von »acht Männern« auf einen 27-jährigen in Berlin Anfang 2024,19o.A.: 27-Jähriger nach Gespräch über Geschlechterdiversität zusammengeschlagen, queer.de, 8.3.2024. oder, wenn fünf »Männer«20o.A.: Hof: Fünf junge Männer bedrohen queeres Pärchen, queer.de, 21.2.2024. beziehungsweise vier »Männer«21o.A.: Homophobe Attacke in Berlin: Vier Männer verprügeln 23-Jährigen, queer.de, 4.2.2024. ein geschlechternonkonformes Individuum attackiert haben, oder wenn die Rede von »fünf Jugendlichen und jungen Männern« ist,22o.A.: Männergruppe greift trans Frau mit Reizgas an, mannschaft.com, 21.11.2023. die im Rudel dasselbe Verhalten an den Tag legten. Dass in ihrer diesbezüglichen Empathielosigkeit völlig durchschnittliche Akademiker wie Vanagas/Vanagas, deren »Forschung« nicht auf Polizeidokumenten, sondern auf Foucault basiert, sich nicht länger dabei aufhalten, liegt daran, dass sie keinerlei Interesse daran haben, der Frage nachzugehen, ob »Macht« im Gegensatz zu den Glaubenspostulaten des Vordenkers nicht immer dezentral, sondern manchmal doch eher handfest ist. Allen mittlerweile bekannten Fällen an Belästigung und Beschämung, Rufmordkampagnen und Unterschriftenlisten zum Trotz, mit denen bisweilen Tausende der »Diversität« verpflichtete Agitatoren gegen ausscherende Einzelne hetzen, beschreiben die Autoren ordinäres Mobbing ungeniert »als Intervention in rassistische, transfeindliche, islamfeindliche usw. Interaktionen«, was »als gesellschaftlicher Lernprozess ebenso kostbar wie nervenaufreibend sein kann«23Vanagas, Vanagas: Das Selbstbestimmungsgesetz, 341. – kostbar für konformistische Täter wohlgemerkt, deren gesellschaftlich akzeptierte Raserei auf Kosten des Berufs und der psychischen Unversehrtheit der Opfer geht.

All dies, vorzufinden in einer akademischen Veröffentlichung mit einem angeblich geschlechtersensiblen Belang und vermarktet als Beitrag für eine gerechtere Gesellschaft, in der alle irgendwie »selbstbestimmt« leben sollen, ist keineswegs eine Ausnahme. Wer noch Irreres nachlesen möchte, dem sei ein Blick in eine beliebige Ausgabe des bei Duke University Press erscheinenden akademischen Journals Transgender Quarterly, aber auch in Females empfohlen. Die New Yorker Autorin Andrea Long Chu, die freimütig darüber Auskunft gibt, dass es sogenannter »Sissy-Porn« gewesen sei, der sie vom Mann zur Frau transitionieren ließ, hat mit diesem Bändchen, das 2021 in deutscher Übersetzung bei Merve erschienen und mit dem absurden, aber ernst gemeinten Untertitel Alle sind weiblich garniert ist, den transaktivistischen Stand der Dinge umrissen: »Pornographie fühlt sich so an, als würde man ein Objekt besitzen, aber in Wahrheit besitzt das Objekt dich. Aus diesem Grund ist sie essenzieller Ausdruck von Weiblichkeit.«24Vgl. Andrea Long Chu: Females. Alle sind weiblich, Leipzig 2021, 72 [Hervorhebung im Original].

III.

Die Debatte um das deutsche Selbstbestimmungsgesetz ist ohne diese Logik, die den gesamten Westen erfasst hat, nicht verständlich. Niedergemacht werden sollen die Errungenschaften der Zweiten Frauenbewegung, weswegen es auch nicht verwundert, dass es Feministinnen sind, die zu dieser Gesetzesänderung alles gesagt haben, was es dazu zu wissen gilt, und es Detransitioner waren – junge Frauen, denen von allen Seiten eingebläut worden ist, dass sie aufgrund ihres nonkonformen Verhaltens eigentlich Männer seien –, die unter enormen psychischen und physischen Kosten zur Korrektur des Mythos beigetragen haben, dass das neuerliche »Selbst«, das hier hervorgebracht werden soll, niemals Trugschluss oder Täuschung sein kann.25Vgl. den Vortrag von Rona Duwe: Was
bedeutet das »Selbstbestimmungsgesetz« (Self-ID) für Frauen, Kinder und Mütter?, 18.7.2021, https://www.youtube.com/watch?v=srhqV4JS1lc; sowie den Beitrag von Jannik Jürgens zu Detrans-Aufklärerin Sabeth Blank: Sie möchte doch nur sie selbst sein, spektrum.de, 2.6.2022.
Judith Butlers subversiv intonierte Rede davon, dass geschlechtliche Attribute und zugehörige Stereotype – »Männer sind so« beziehungsweise »Frauen sind so« – durch ein paar Gesten parodiert und damit das geschlechtliche Ganze umgestoßen werden könnten, glaubt heute niemand mehr. »Die Geschlechtsidentitäten können weder wahr noch falsch, weder wirklich noch scheinbar, weder ursprünglich noch abgeleitet sein«, heißt es gegen Ende von Das Unbehagen der Geschlechter: »Als glaubwürdige Träger solcher Attribute können sie jedoch gründlich und radikal unglaubwürdig gemacht werden.«26Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a.M. 1991, 208 [Hervorhebung im Original]. Butlers fortwährende Popularität beweist lediglich die Inkonsistenz solcher Theorien, zumal das Bodenpersonal hinter diesen heute für das Gegenteil streitet. Juridisch glaubwürdig gemacht werden soll eine Fiktion, um die zwar jeder weiß, die gleichwohl mit unglaublicher staatlicher Penetranz in einem bürokratischen Akt für allgemeingültig erklärt werden soll, der sich selbst als Geste der Entbürokratisierung im Dienste der Würde und der Menschlichkeit ausgibt. Denn: »Wer Kultur sagt, sagt auch Verwaltung, ob er will oder nicht.«27Theodor W. Adorno: Kultur und Verwaltung, in: ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 8, hg. v. Rolf Tiedemann, Frankfurt a.M. 1972, 122–146, hier: 122. Aus genau diesem Grund mündete die Rede vom kulturellen – alias sozialen – Geschlecht namens »Gender« und dessen »Subversion« nicht etwa in eine soziale Revolution, sondern in der staatlichen Verwaltung, die heute Diversity genannt wird und im Namen bester Absicht die ebenso identitäre wie antibürgerliche Parzellierung der Gesellschaft betreibt.

Dass es sich beim Selbstbestimmungsgesetz nicht nur um eine bloße juristische Korrektur handelt, sondern um eine politische Disruption, deren praktische und theoretische Folgen weit über die Gesetzgebung hinausreichen, zeigt sich bereits an der Entgegnung von Ferda Ataman auf die bekannten feministischen Einwände, dass geschlechtliche Selbstdefinition ein Einfallstor für Männer ist, sich aus sinistren Motiven heraus überall dort breitzumachen, wo es gar nicht um ihre eigenen Belange geht: »Wir haben in Deutschland überwiegend gemischtgeschlechtliche Saunen. Kein Mann muss seinen Geschlechtseintrag ändern lassen, um in Deutschland eine nackte Frau zu sehen«, so die Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung in einer hilflos anmutenden Stellungnahme.28Zit. n. o. A.: Was bedeutet das Selbstbestimmungsgesetz?, tagesschau.de, 23.8.2023. Bundesfamilienministerin Lisa Paus wollte an der »Heftigkeit der Debatte« erkannt haben, »wie schwer sich manche in unserer Gesellschaft noch immer damit tun, zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die sich außerhalb der binären Geschlechterordnung verorten. Trans-, intergeschlechtliche und non-binäre Menschen gibt es schon seit Jahrtausenden. Nur war es ein großes Tabu mit meist strafrechtlichen Konsequenzen, wenn Menschen das leben wollten.«29Zit. n. Sabine Menkens, Jacques Schuster: Diese Menschen sind schon zu lange drangsaliert und diskriminiert worden, in: Welt, 8.1.2023. Und in einem Zeit-Kommentar hieß es: »Das Schreckensszenario, trans Frauen würden Schutzräume für Frauen bedrohen, wird seit Jahrzehnten bemüht.«30Nina Monecke: Das ist doch kein Saunaschutzgesetz!, zeit.de, 28.4.2023. Dumm nur, dass die Fälle, die einen Missbrauch solcher Gelegenheiten eben nicht durch Transfrauen, sondern durch Männer, die sich ohne jedwedes Anzeichen von Transition zu ihrem Vorteil als Angehörige des weiblichen Geschlecht ausgeben, mittlerweile ausführlich dokumentiert sind. Internationale Schlagzeilen machten 2024 etwa Dutzende spanische Soldaten, die sich legal zu Frauen erklärten, um die beruflichen und monetären Vorzüge des juristischen Geschlechtswechsel zu genießen. Einer davon wurde mit den Worten zitiert: »Äußerlich bin ich ein heterosexueller Mann, innerlich aber eine Lesbe. Und letzteres ist ausschlaggebend.«31Zit. n. Mark Naylor: Spanish soldiers have exposed the flaw in gender self-ID, in: The Spectator, 8.3.2024.

IV.

Es war der transaktivistische Trick, das eigene politaktivistische Engagement als letzten bürgerrechtlichen Kampf zu camouflieren, der ihm zu seinem gesellschaftlichen Erfolg verhalf, indem er das real existierende Leid einer quantitativ winzigen gesellschaftlichen Gruppe instrumentalisierte und als Aufbäumen gegen das Böse inszenierte, das sich am politischen Horizont abzeichne. Selbstbestimmung – die Vorstellung also, auf emanzipierte Weise zu leben, was die Freiheit aller zumindest virtuell voraussetzt –, hallt im Begriff »Selbstbestimmungsgesetz« schon gar nicht mehr als Wille zur Beseitigung sozialer Zwänge nach, sondern gilt als staatliche Maßnahme, was das insinuierte Anliegen grotesk konterkariert. Die juridische Modifikation kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das »Selbst« in »Selbstbestimmung« eben auch bedeuten kann, sich selbst etwas auszudenken und in dieser Einbildung staatlicherseits bestätigt, also »anerkannt« zu werden. Im besten Fall meint dies, die Sehnsucht nach anderer Geschlechtlichkeit identitär überzudeterminieren, im wahrscheinlicheren, allen möglichen Irrungen und Missbrauch Tür und Tor zu öffnen.

Der Kontrast zu den 1970er Jahren, als die Neue Linke durch die Konfrontation mit der Zweiten Frauenbewegung begriff, dass der Ausbruch aus den sozialen Rollen auch meinte, in geschlechtlicher Hinsicht über das Bestehende hinauszudenken, war nie größer. Selbst die Irrtümer jener Ära nehmen sich im Vergleich mit der Gegenwart – einer Zeit also, in der »Geschlechtsidentität« plötzlich etwas Angeborenes sein soll – harmlos aus. Der matte Schein des Utopischen, der etwa von einer 1979 erschienenen Ausgabe von Ästhetik und Kommunikation ausging, in der solche Vorstellungen der Geschlechteremanzipation immerhin in Gestalt konkurrierender Ideen diskutiert wurden – was in den Journalen heutiger, auf »Studies« endender Studienfächer völlig undenkbar wäre –, verdankte sich auch einer damals schon von vielen abgelehnten Vorstellung eines Matriarchats, dessen Spuren mit dem Siegeszug der Väter historisch verwischt worden seien, oder einem Begriff von Androgynie als Movens kultureller Utopie.32Vgl. die Beiträge in Ästhetik und Kommunikation. Beiträge zur politischen Erziehung, 10. Jg., H. 37, Oktober 1979: Weibliche Utopien – männliche Verluste. Frauen und Linke. Dass sich im 21. Jahrhundert indes niemand mehr als androgyn bezeichnet, weil dieser Begriff zwei Geschlechter zur Voraussetzung hat, deren jeweilige Aufmachung bewusst verwischt wird, und auch umgekehrt aus falschem und vorauseilendem Respekt vor all den neuen »Geschlechtsidentitäten« kaum mehr jemand mit diesem Adjektiv belegt wird, gilt gar als Errungenschaft. In queertheoretischen Kreisen wird die gesellschaftspolitische Tilgung des Nachdenkens über Bisexualität für einen immensen Fortschritt gehalten, denn, so der sich brillant gebende Einwand, es gebe ja keine zwei Geschlechter, weswegen es auch keine Theorie der Bisexualität33Vgl. Sigmund Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Göttingen 2015. geben könne. Zweigeschlechtlichkeit sei eine Projektion, viele Geschlechter, zumal sprachlich generierte, seien die Wirklichkeit – und wer dem widerspricht, ist ein Menschenfeind.

Derweil errichtet die Proliferation vermeintlich »vielfältiger« Geschlechterkategorien das neu, was sie abzulehnen vorgibt. Sie meinen alle irgendwie etwas Ähnliches, nämlich die insinuierte Abweichung von einer Norm, die jeden Lebensentwurf zu formen und einzuschränken versuche, deren reale Effekte jedoch nie empirisch nachgewiesen werden, und die selbstredend unter eklatanter Ignoranz gegenüber islamischen Bestrebungen in Gestalt handfester Taten beschworen wird. Am Ende laufen die identitätspolitischen Ideen aber doch nur auf die Unterscheidung zwischen »cis« und »trans« hinaus – und damit auf eben jenen Binarismus, gegen dessen Logik man so kämpferisch zu opponieren vorgibt. Aaron Lahl hat darauf hingewiesen, dass dabei der autoritäre Gedanke einer starren Ordnung unter umgekehrten Vorzeichen neu auflebt: »Gut begehrt, wer queer begehrt.«34Aaron Lahl: Zu Antke Engels und anderen Entwürfen einer queeren Psychoanalyse, in: Till
Randolf Amelung (Hg.): Irrwege. Analysen aktueller queerer Politik, Berlin 2020, 106–128, hier: 108.

In Julia Kristevas 1983 in Frankreich und sechs Jahre später auch in deutscher Übersetzung erschienener Abhandlung Geschichten von der Liebe finden sich einige Gedanken, die heute, in geschlechtlich »diversen« Zeiten, niemals das trendbewusste Lektorat einer wissenschaftlichen Reihe passieren würden. Die Psychoanalytikerin, Sprachwissenschaftlerin und vormalige Redakteurin von Tel Quel, die im stalinistischen Bulgarien der 1950er und 1960er Jahre aufgewachsen ist und deren atheistische Verteidigung des Christentums und äußerst scharfen Kommentare zum Unwesen des Islam in eklatantem Widerspruch zu allem stehen, was biederdeutsche Akademikerinnen bislang an simplen Feindbildern und an rassistischer Kopftuchpropaganda hervorgebracht haben,35Vgl. u.a. Julia Kristeva: La haine et le pardon. Pouvoirs et limites de la psychanalyse III, Paris 2005; dies.: This Incredible Need to Believe, New York 2009. widmet sich darin der Behandlung von Personen mit narzisstischen Störungen, die durch exaltierte Aufmachung Aufmerksamkeit zu erregen versuchen, dieses inszenierte Unterlaufen der Geschlechterordnung zugleich aber mystisch überhöhen: »So unendlich eine Analyse auch sein mag, sie endet immer – es ist möglich, sie zu beenden –, wenn sich der Analysand für ein Geschlecht entscheidet. Der Androgyne, der fixierte Hysterisch-Paranoide, ahnt es und ist mißtrauisch. Falls er nicht auf einen Jungschen Analytiker stößt, damit sie einander Archetypen-Geschichten erzählen, hat der Androgyne Angst vor dem differenzierenden, einschneidenden und identifizierenden Sprechen. Sein Liebesgeschwätz ist eine panische Flucht vor den Nöten und Freuden der geschlechtlich differenzierten Liebe. Der Androgyne ist weder tragisch noch komisch, er ist zeitlos; und daher immer zeitgemäß, ein Fluchtpunkt unserer kopflosen Ängste, unseres Ungenügens, unserer Bedürfnisse und Wünsche nach einem anderen … Als Absorption des Weiblichen beim Mann und als Verschleierung des Weiblichen bei der Frau rechnet das Androgynentum mit der Weiblichkeit ab: Der Androgyne ist ein als Frau gekleideter Phallus, indem er die Differenz ignoriert, ist er die hinterlistigste Maskerade für die Liquidierung der Weiblichkeit …«36Julia Kristeva: Geschichten von der Liebe, Frankfurt a.M. 1989, 73 [Hervorhebung und Interpunktion im Original].

In Kristevas Ausführungen ist das, was Judith Butler später als »Parodie« mit revolutionärem Impetus fasste, längst als Symptom einer misogynen Regung begriffen worden, die nunmehr, in der Rede vom fluiden Menschen mit unendlich zirkulierendem Begehren, einen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat und kein gesellschaftliches Areal auslässt. Tatsächlich weist die verdinglichende Rede von »Geschlechtskategorien«, die inzwischen aus den Uni-Seminaren kommend Einzug in die Politik gefunden haben, Ähnlichkeiten mit Jungs Denken auf. Und nicht nur das: Kristevas Seitenhieb auf »Archetypen«, in denen sie zurecht die Mythologisierung des Sozialen erkannte, birgt einen Kern, der weit über die 1980er Jahre hinausweist und sich an der Gegenwart bestätigt, in der noch der banalste Gedanke zur marktförmigen identitären Selbstaufwertung genutzt wird. Hierzu zählen beispielsweise an ihrer Männlichkeit zweifelnde Typen, denen die Unterscheidung in sogenannte »Alpha-«, »Beta-«, »Delta-« und »Sigma-Männer« das Wichtigste überhaupt ist – nicht zuletzt deshalb, weil dies neben vermeintlicher Klarheit über die eigene Rolle noch einen Rest an Maskulinität verspricht, der auf die Verrohung auf den hiesigen Straßen reagiert und damit die Parzellierung der Gesellschaft befördert. Dass dies die Genderologie gefühlslinker Firmenkultur spiegelt, wo, wie im weltbekannten Fall von Facebook mehr als 50 »Geschlechtsidentitäten« offeriert werden, indiziert das Ausmaß narzisstischer Gratifikation, die aus diesem Denken und Handeln gezogen wird.

»Der Narzißmus ist der Fluch der bürgerlichen Welt«, bemerkte Elisabeth Lenk einmal: »Nicht nur wird hier jeder Einzelne darauf gedrillt, sich selbst zum Objekt zu werden, sich selbst zu beherrschen; die ganze Gesellschaft ist narzißstisch.«37Elisabeth Lenk: Die unbewußte Gesellschaft. Über die mimetische Grundstruktur in der Literatur und im Traum, München 1983, 77. Der Hypernarzissmus der nachbürgerlichen Gesellschaft ist das Erbe dieses Fluchs. Ohne die sozialen Medien wäre die Popularität noch der spinnersten »Geschlechtsidentitäten« bei Heranwachsenden nicht erklärlich. Bei Vanagas/Vanagas findet sich eine diesbezüglich besonders entlarvende Bemerkung, denn von Abermillionen Menschen weltweit genutzte Kanäle strahlen ihnen inzwischen die Kränkung aus, kein Meinungsmonopol zu bedienen: Wenn »cisfeministische Akteure neuerdings Twitter und weitere soziale Netzwerke überlagern«, lasse »dies auf eine Übernahme vormals queerfeministischer Strategien« schließen.38Vanagas, Vanagas: Das Selbstbestimmungsgesetz, 341.

V.

Mitmachen ist, was Diversity angeht, Ehrensache. Be kind lautet die zugehörige Devise vom philosophischen Kaliber scheußlicher Wandtattoos, die tatsächlich längst zu realen Tätowierungen geworden ist – vor allem aber zu einem Imperativ, der den Hauptleidtragenden dieser Tendenz, Frauen, auf progressive Weise das nahelegt, was ihnen die jahrhundertelange Konditionierung in Familie und Gesellschaft eingetrichtert hatte: Gefälligkeit und Gehorsam. Wie so oft bei »diversen« Anliegen ist auch diese als sanfte Erinnerung daherkommende Formulierung von aggressivem Pathos getragen. Penetrant nett zu sein in einer Zeit, in der das Soziale zunehmend verroht und in der die Verweigerung gegenüber der Signalkultur der »Vielfalt« umgehend Sanktionen nach sich zieht, kommt einer Kapitulation vor den Verhältnissen gleich und bedeutet, nicht nur den gröbsten Irrtümern und Verfehlungen, sondern noch den unverschämtesten Frauenverächtern mit einem Lächeln zu begegnen.

Hieran schließt eine weitere abstoßende Dimension der Wortverdrehung von »Selbstbestimmung« an, denn der »m/w/d«-Vermerk, der in immer zahlreicheren öffentlichen Ausschreibungen auftaucht, wird niemals diejenigen behelligen, denen etwas soziale Interaktion mit geschlechtlichen und sexuellen Minderheiten tatsächlich guttäte. Sie richtet sich ausschließlich gegen diejenigen, die noch Reste bürgerlicher Sozialisation erfahren haben und an die appelliert wird, sich den neuen Anforderungen zu beugen, um hierüber eine weitere Kontrollebene zu institutionalisieren, die alle einander ausliefert. Der ganze Diversity-Rummel entstand im Wissen darum, dass sich die öffentlichen gesellschaftlichen Konfliktzonen – bei denen es sich, wie der abendliche Gang durch mittlerweile jede deutsche Innenstadt sowie nahezu jeder Gebrauch der Regionalbahn beweist, um verstetigte handelt – nicht antipodisch, sondern komplementär zur Rede von »Vielfalt« verhalten. Es lohnt sich deshalb, einmal nachzuschlagen, was »Selbstbestimmung« andernorts, wiewohl noch in der Ägide von Diversity, auch meint. Im 2023 veröffentlichten Bericht Muslimfeindlichkeit – Eine deutsche Bilanz, vorgelegt vom »Unabhängigen Expertenkreis Muslimfeindlichkeit« und herausgegeben vom Bundesministerium des Innern und für Heimat, taucht der Begriff folgendermaßen auf: »Festzuhalten ist, dass das Pauschalverbot des Hijabs das Recht auf Selbstbestimmung und Religionsfreiheit von seinen Trägerinnen einschränkt und daher unverhältnismäßig erscheint.«39Bundesministerium des Innern und für Heimat (Hg.): Muslimfeindlichkeit – Eine deutsche Bilanz, Berlin 2023, 81.

Um zu verstehen, was die aufdringliche Aufforderung zum Nettsein forciert, lohnt hier ebenfalls der Blick zurück in die 1970er Jahre. 1975 veröffentlichten ein Dutzend Autorinnen die Anthologie Mädchenbuch auch für Jungen, die sich an junge Leserinnen richtete. Darin fand sich ein Beitrag von Elfriede Jelinek, der mit »Aufforderung zur Unfreundlichkeit« überschrieben war und damit das exakte Gegenprogramm zum Be kind-Gequassel der Gegenwart formulierte. Jungen forderte die Schriftstellerin dazu auf, nicht die »scheinbar Hilflosen« zu schützen, sondern »die Starken und Unabhängigen«, um deren Selbstentfaltung nicht nur wertzuschätzen, sondern sie aktiv als »Menschen unter anderen Menschen« zu fördern.40Elfriede Jelinek: Aufforderung zur Unfreundlichkeit, in: Heike Doutiné u.a. (Hg.): Mädchenbuch auch für Jungen, Reinbek bei Hamburg 1975, 7–13, hier: 13. In geschlechtlich »diversen« Zeiten hingegen droht das starke und unabhängige Mädchen, von seinem Umfeld für einen Jungen gehalten zu werden.

So meint »Selbstbestimmung« weder Autonomie und Emanzipation, noch den Schutz vor Gewalt, sondern ein Dekret, das sich über Offensichtliches hinwegsetzt, um auf raue Zeiten einzustimmen, die nur noch ungewisser und brutaler werden dürften. Denn was soll die in Russland populäre Rede von »Gayropa« anderes sein als das postsowjetische Pendant zu den antiwestlichen Tiraden, die hinter irren Postulaten wie »Homonationalismus« von Jasbir Puar stecken? Die Querfront, die u.a. Vanagas/Vanagas Andersdenkenden in diffamatorischer Weise attestieren,41Vgl. Vanagas, Vanagas: Das Selbstbestimmungsgesetz, 340. wird längst von ihrem eigenen Milieu gelebt, staatlich alimentiert und der Allgemeinheit als Wissenschaft verkauft. Das Ziel ist bekannt: Der Westen soll sterben, und mit ihm die »binäre Geschlechterordnung«, die als sein Wesen gilt. Die Adepten Foucaults und Butlers wissen, woran sie arbeiten. Was sie nicht wissen, ist, dass auch sie den Preis dafür zahlen dürften, wenn ihr Werk eines Tages vollbracht ist.

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