Seit die israelische Armee in Reaktion auf das antisemitische Massaker vom 7. Oktober 2023 ihren Militäreinsatz im Gazastreifen begonnen hat und nun auch noch zu gewinnen verspricht, scheint es von der US-Regierung bis zur jungen Welt nur noch eine Position zu geben: Israel soll die Waffen ruhen lassen. Die Aufforderung zur Kapitulation vor dem palästinensischen Terror wird dabei von vermeintlich liberaler Seite zumeist als Appell camoufliert, »beide Seiten« mögen zu Friedensverhandlungen mit dem Ziel einer zivilisierten Koexistenz zurückkehren. Dass »Palästina« anders als Israel kein Staat und die Hamas keine Regierungspartei, sondern eine antisemitische Mörderbande ist, wird dabei großzügig übergangen. Ein wie auch immer vorzustellender Verhandlungsfrieden, der auf solcher Verleugnung beruht, wäre aber selbst antizivilisatorisch, antiwestlich und genuin antisemitisch: ein Beitrag zur Perpetuierung islamischer Barbarei.
Dass derlei Anschauungen auch in bürgerlichen Milieus inzwischen wieder en vogue sind, zeigt, dass der Sympathievorschuss, den Israel nach dem durch die Hamas verübten 1400-fachen Mord temporär erhalten hat, offenkundig aufgebraucht ist, spätestens seit noch mehr Palästinenser im Gazastreifen getötet als Israelis zuvor ermordet wurden. Seither wird Israel wieder der »Unverhältnismäßigkeit« bezichtigt und der Ruf nach Anerkennung des Leids auf beiden Seiten lauter, dem gewohnheitsmäßig die Verurteilung nur einer Seite – der israelischen – folgt.
Für die theoretische Legitimierung dieser Position, die sich als Musterfall einer universalen Moral geriert, ist seit Jahren Judith Butler zuständig. In einem keine zwei Wochen nach dem Hamas-Massaker in deutscher Übersetzung im Freitag veröffentlichten Text beklagt sie, dass »der vorherrschende Rahmen« bei der Berichterstattung über den antisemischen Massenmord »einige Leben als besser betrauerbar ansieht als andere«, fragt sich, »ob wir ohne Einschränkung sowohl um die verlorenen Leben in Israel als auch um die in Gaza trauern können«, und wünscht sich ein »Ideal (der Gleichheit), das die gleichwertige Betrauerbarkeit der Leben anerkennt«.[1] Welche politische Konsequenz aus einer solchen verallgemeinerten und dadurch abstrakten Trauer zu ziehen sei, deutet Butler an, wenn sie die Morde der Hamas dreimal formelhaft verurteilt, ohne jedoch ein Wort darüber zu verlieren, was genau die Hamas eigentlich angerichtet hat – während sie Israel einer ganzen Liste von Schwerverbrechen zeiht: von »völkermordartiger Rhetorik« über »kolonialen Rassismus« bis hin zu »unerbittlichen Bombardierungen« und »Apartheid«.
Ethik des Todes
Seit den Terroranschlägen vom 11. September und dem darauffolgenden »War on Terror« laboriert Butler an einer Ethik des Politischen, die eine in undifferenzierter Trauer geeinte Weltgemeinschaft herbeiwünscht und die USA und vor allem Israel der Unmenschlichkeit überführen soll. Als Djihadisten Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers steuerten, weil sie dort die Zentrale des internationalen Finanzjudentums vermuteten, war dieses Fanal für einen internationalen Hassfeldzug gegen die Juden und den Westen für Butler ein Beispiel für »unsere Durchlässigkeit für andere Menschen«, die wir »akzeptieren müssen«: »Schmerz gleicht uns einander an«, schrieb sie und wünschte sich eine »Identifikation mit dem Leiden selbst«. So könne eine »Gemeinschaft auf der Grundlage von Verletzbarkeit und Verlust« entstehen, deren einziges Problem nur noch »die höchst ungerechte globale Verteilung dieser körperlichen Verletzbarkeit« darstelle.
Weil die USA und Israel sich für unverletzlich hielten, aber fortwährend andere verletzten, ohne um deren Verluste zu trauern, machten sie sich der Entmenschlichung schuldig. »Wir« müssten lernen, »dass andere Leben ebenso betrauernswert sind und an uns die gleiche Forderung stellen, betrauert zu werden«, denn: »Nur in Verhältnissen, in denen sein Tod von Bedeutung ist, kann der Wert [eines Lebens] zutage treten. […] Wer nicht betrauerbar ist, lebt außerhalb des Lebens.«[2] Die Lebenden kommen in dieser Ethik der Trauer, die eine Todesethik ist, nur als prospektive Leichen vor, als Noch-nicht-Tote, deren Lebenswert sich allein am zu erwartenden Trauergrad bemisst.
Butlers Forderung, zu leben, um »betrauert zu werden«, spricht morbide Fantasien an, in denen sich jeder bereits das eigene, natürlich tränenreiche Begräbnis ausgemalt hat. Auf die anderen gewendet, appelliert diese Forderung daran, stets den Tod der Mitmenschen zu antizipieren und in der vorgefühlten Trauer um jedermann – nicht um den spezifisch Einzelnen – in eine Gemeinschaft der Leidenden einzutreten. Nur muss das erbauliche Gefühl vorauseilender Trauer gar nicht der authentische Vorgeschmack auf ein echtes Verlusterlebnis sein. Wer regelmäßig beim Gedanken an den künftigen Tod der anderen, der Freunde und, häufiger: Verwandten feuchte Augen bekommt, der beweist damit nicht seine Achtung vor deren Leben, sondern muss sich fragen lassen, warum er immer wieder auf die Fantasie von deren Tod verfällt. Wie nahe sich schmerzliche Verlustangst und uneingestandener Todeswunsch kommen können, ist in der Liedzeile »Yours is the funeral I’d fly to from anywhere« der US-amerikanischen Band Why? ausgedrückt, die zwischen Liebeserklärung und kühlem Abschiedsgruß changiert, weil in ihr das Bekenntnis zur unbedingten »Betrauerbarkeit« des individuellen Lebens ebenso mitschwingt wie die Andeutung, kein Wiedersehen zu Lebzeiten zu wünschen.
Postkoloniale Gleichungen
In Judith Butlers Ethik geht es aber ohnehin nicht um Trauer als einen individuellen Umgang mit den Toten, in dem all jene widersprüchlichen Momente zusammenkämen, die bereits unter den Lebenden sogar (und erst recht) die liebevollsten Verhältnisse charakterisieren. Ebenso wenig spricht sie von jenen sozialen Trauerritualen, in denen kleinere oder größere Gruppen durch das gemeinsame Beklagen ihres Verlusts zurück ins Leben finden. Butler geht es vielmehr um Trauer als Performance, als kollektive politische Veranstaltung, und um die Toten nur insoweit, als sie Opfer von Anschlägen, Kriegen oder Genoziden, also Opfer von für inopportun befundener politischer Gewalt wurden. Es geht ihr allein um den politischen Totenkult. In diesem Rahmen werde eine ungleiche Rechnung aufgemacht, etwa wenn die Opfer des 11. September mehr betrauert worden wären als die Toten des Afghanistankrieges.
Das Leben jedes Menschen soll gleich viel zählen. Für Butler ist es aber die absolute Identität des Todes, die die Gleichwertigkeit aller »Leben« stiften soll. Trauer ist ihr die Währung, in der ein jeder Verlust von Menschenleben beglichen werden muss und über deren globale Zirkulation sich eine geeinte Weltgemeinschaft konstituieren soll. Wie die Täter des Massenpogroms vom 7. Oktober liebt sie nicht das Leben, das sie nur als qualitätslose Addition diverser »Leben« kennt, sondern den Tod, der als omnipräsente Möglichkeit jedes individuelle Leben unterschiedslos auszeichne. Und wenn der Tod – egal welcher – jedem Leben seinen identischen Wert verleiht, schuldet man dann nicht den zahlreicheren Opfern diverser Kriege ebenso viel oder noch mehr Trauer als den jüdischen Opfern antisemitischer Gewalt? Das ist die Rechnung, die der sogenannte postkoloniale Diskurs präsentiert: Was sind die durch islamischen Terror ermordeten Juden gegen die palästinensischen Toten? Und was sind die im Holocaust ermordeten Juden gegen die Opfer des transatlantischen Sklavenhandels oder der Kolonialkriege?
Gleichermaßen pochten einst die Geschichtsrelativisten von rechts oder links darauf, dass im Zweiten Weltkrieg mehr Sowjetbürger, mehr Chinesen oder mehr Deutsche umgekommen sind als Juden im Holocaust. Solche Totenaufrechnung bedient sich rationaler Logik, assistiert aber gerade dadurch einer geradezu leidenschaftlich betriebenen Opferkonkurrenz, die das Präzedenzlose der Judenvernichtung als angemaßten Wettbewerbsvorteil der Opfer zu tilgen versucht, statt an ihr den kategorischen und unwiderruflichen Bruch mit und in jedweder Rationalität zu erkennen: dass die Juden »für nichts und wegen nichts« (Eike Geisel) umgebracht wurden und keine militärstrategischen, ökonomischen oder politischen Erwägungen die Deutschen von ihrem mörderischen Werk abbringen konnten.
Historische und politische Urteilskraft, die diesen präzedenzlosen Charakter des Vernichtungstodes erfasst, lässt sich weder von mathematischer Berechnung leiten noch durch abstrakte Trauer um indifferente Tode ersetzen, sondern muss, wie Dan Diner schreibt, eine »ethisch überaus schwierige, gleichwohl nötige Unterscheidung« treffen: »Die Unterscheidung zwischen Tod und Tod.«[3] Im qualitativen Unterschied zwischen Kriegsopfern und Opfern des Pogroms, zwischen Opfern eines losgelassenen, aufs Ganze der Menschheit zielenden Judenhasses und Opfern notwendiger Verteidigungshandlungen – das Wort »Kollateralschaden« ist nicht nur ein inhumaner Euphemismus – kommt das Rechnen an seine Grenzen.
Jene Unterscheidung will Butler nicht treffen, und hierin liegt der Grund dafür, dass sie die konkreten bestialischen Mordtaten der Hamas nicht einmal benennen, geschweige denn auf den Begriff bringen kann. Sie müsste von öffentlichen Hinrichtungen sprechen, denen die Massen frenetisch applaudierten, von zu Tode vergewaltigten Frauen, von verbrannten Kinderleichen. Sie müsste zugeben, dass die Hamas unterschiedslos gemordet hat, dass die antisemitische Gewalt des 7. Oktober auf totale Vernichtung zielte, die sie an jedem einzelnen Opfer exekutierte. Es war eine Gewalt, die sagte: So verfahren wir mit jedem von Euch, den wir zu fassen kriegen. Nur die Willkür der Täter und keine nachvollziehbare Regel entschied darüber, wen der sofortige Tod traf und wer als Geisel vorerst überleben durfte.
Angesichts dieses totalen Charakters des Massenpogroms wäre, statt sentimental-abstrakt die allseitige Betrauerbarkeit aller einzufordern, eher zu fragen, ob Trauer, die immer individuell und intim ist und vom Einzelnen – dem Trauernden wie dem, um den getrauert wird – ihren Ausgangspunkt nimmt, in solcher Barbarei nicht an ihre Grenze stößt; ob der Massenmord nicht mit den Einzelnen, in denen er immer auch den Begriff der Menschheit zu liquidieren strebte, auch die Möglichkeit angemessener Trauer vernichten wollte.
Israel als Residuum menschlichen Lebens
Dass am 7. Oktober in der Reichweite der palästinensischen Angreifer ausnahmslos jeder potentielles Mordopfer wurde, muss von allen Israelis und Juden als existenzielle Bedrohung verstanden worden sein, die auch aufgrund der Berichte der Überlebenden an tiefere Erfahrungsschichten rührt: Die Mörder überraschten ihre Opfer in einem Zustand äußerster Schutzlosigkeit und fügten ihnen die größtmöglichen Demütigungen zu. Ze‘ev Sternhell, der israelische Historiker des Faschismus, hatte sich im Jahr 2008 an seine Soldatenjahre erinnert und bekannt, dass er beim Tod seiner Kameraden im Sechstagekrieg dachte: »Wenigstens sind sie wie menschliche Wesen gestorben. Sie wurden nicht getötet, indem sie auf der Straße gejagt wurden« – wie Sternhell es in seiner Kindheit im Ghetto Przemyśl erlebt hatte. In diesem Sinne war der Staat Israel für ihn »keine politische Angelegenheit«, sondern »etwas viel Grundlegenderes, etwas viel Elementareres. Er bedeutet eine Rückkehr zur Menschlichkeit. Eine Rückkehr zu einem Leben als menschliche Wesen.«[4] Am 7. Oktober wurde diese Menschlichkeit, die einen »fassbaren« Tod und eine ihm angemessene Trauer erlaubt, durch die Angreifer aus dem Gazastreifen negiert und Israel in seinem Selbstverständnis als Garant nicht allein der Sicherheit aller verfolgten Juden, sondern auch der Würde seiner Bürger, erschüttert.
Indem ein Hamas-Sprecher nach dem Massaker androhte, den Israelis ein »zweites, drittes und viertes Mal« einen 7. Oktober zu bereiten, und erklärte, »stolz« zu sein, dafür den »Preis zu bezahlen« und »Märtyrer zu opfern«, machte er unmissverständlich klar, dass die Hamas vom gleichen, sogar die eigene Selbsterhaltung hintanstellenden Vernichtungswunsch getrieben ist wie die Nazis, und sie deshalb um jeden Preis besiegt werden muss.[5] Sie weiß siebzig Prozent der Palästinenser in Gaza und im Westjordanland hinter sich,[6] die laut Umfragen das Massaker begrüßen und es noch unter dem frischen Eindruck von Videos verstümmelter und vergewaltigter Israelis mit der Verteilung von Süßigkeiten öffentlich gefeiert haben, wie auch in Berlin, Teheran und dem Rest der Welt, ohne dass Judith Butler sie mit der Forderung nach universeller Trauer auch um die jüdischen Toten behelligt hätte.
Das israelische Militär, das gegen die Hamas und ihr verbündete Gruppen in Gaza vorgeht und sich zugleich Terrorakten im Westjordanland und Raketenangriffen aus dem Libanon, dem Jemen und Syrien erwehren muss, antwortet der Gewalt des 7. Oktober mit dem Versuch, die Bedrohung unschädlich zu machen. Selbstverständlich verfolgt es keine genozidale Absicht und verübt keine gezielten Angriffe auf Unbewaffnete, die sie im Gegenteil vor Luftangriffen warnt und denen sie zur Flucht verhilft. Dass diese Antwort auf den Terror, bei aller Unterschiedlichkeit der Zielbestimmung und Kampftaktik, dennoch »unverhältnismäßig« sei, wird allein unter Verweis auf die immer zahlreicheren Todesopfer in Gaza vorgebracht. Laut Stand vom Dezember 2023 sollen über 18.000 Palästinenser gestorben sein, ohne dass bekannt wäre, ob diese Zahlen der Hamas-Behörden zutreffen, wie hoch der Anteil an Terroristen (sowohl in Kampfmontur als auch in Zivilkleidung) unter den Toten ist, und wie viele der unbewaffneten Opfer dadurch ums Leben kamen, dass die Hamas sie an der Flucht gehindert hat. Schon dass überhaupt ein derartiger Krieg in Gaza nötig wurde, liegt in der Verantwortung der Hamas, die ihre »Nation der Märtyrer« im Kampf gegen das – glücklicherweise überlegene – israelische Militär in den Tod schickt.
So sind die palästinensischen Opfer andere Opfer als die israelischen des 7. Oktober: Die Opfer, die sie erbracht haben, sind – wie es auch der nicht gerade antideutsche Historiker Reinhart Koselleck über die deutschen Opfer des Zweiten Weltkriegs sagte – nicht zuvorderst »passiv erlittene«, sondern »aktive Opfer«.[7] Nur dass sie diesmal nicht für Volk und Vaterland gedacht waren, sondern für die Umma und die palästinensische Sache. Würde die Hamas diese Märtyrerproduktion beenden, also bedingungslos kapitulieren, könnten die meisten palästinensischen Leben gerettet werden. Auf einen solchen humanitären Vorschlag werden Israelfeinde wie Judith Butler natürlich nie verfallen, allein schon weil sie damit zugeben müssten, dass Israel kein Interesse daran hat, eine Bevölkerung zu massakrieren, die keinerlei Bedrohung mehr darstellen würde.
Abstrakte Trauer – konkrete Pflicht
Das Urteil über die antisemitische Gewalt der Hamas und die Gewalt des israelischen Staates lässt sich also nicht allein aufgrund der zur Maßeinheit erklärten Tode fällen. Wenn allein der body count – und nicht einmal Ursache und Wirkung – Geltung haben sollen, wird zudem übergangen, was den Lebenden (einschließlich der Toten, als sie noch lebten) angetan wurde. Weil Butler nur abstrakt von den Toten spricht, die Trauer, an die sie appelliert, mithin abstrakt und deshalb nur noch Ritual und keine Trauer ist, lässt sie unter den Tisch fallen, dass die Hamas nicht nur gemordet, sondern vor dem Morden ihre Opfer gequält hat, dass sie Familienmitglieder über Livestreams den Mord an ihren Verwandten sehen ließ oder dass sie Kinder in Geiselhaft mit dem zwangsweisen Betrachten ihrer Mord- und Foltervideos malträtiert und zeitlebens psychisch geschädigt hat.
Und welches Leben hält die Hamas für die Palästinenser im Gazastreifen vor deren »Martyrium« bereit? Die Existenz in einer vollkommen militarisierten Einöde, deren Bewohner von Kindesbeinen an auf Mord und Selbstmord getrimmt, zu menschlichen Waffen trainiert und aller Freiheiten beraubt sind, welche sie schon allein als Möglichkeit zu hassen gelernt haben, anstatt sie zu ersehnen. Ihr Leben soll sich allein im Märtyrerwert realisieren, nicht anders als Butler es vorsieht, für die das ritualisierte Wehklagen der Palästinenser exemplarisch für die ersehnten »Verhältnisse« sein muss, in denen der »Tod von Bedeutung ist«.[8] Vermutlich ist gerade das der Grund dafür, dass sie die Hamas schon 2006 als eine »fortschrittliche soziale Bewegung« bezeichnet hat.[9] Wer hingegen das Leben nicht an der Bedeutung des Todes bemisst, sondern die in ihm verwirklichte Freiheit schätzt, weiß militärische und politische Gewalt stets auch daran zu messen, welches Leben sie jeweils konkret verteidigen und ermöglichen. Hier liegt der entscheidende Unterschied: Israel kämpft für das freie Leben seiner Bürger und nimmt dafür den Tod seiner Gegner auf sich; diese kämpfen für den Tod der Juden und nehmen dafür den eigenen auf sich.
Dass Israel – anders als die todesversessenen Djihadisten – das Leben seiner Bürger um jeden Preis bewahren möchte, weiß die Hamas und hat nur deshalb Geiseln genommen. Einstmals wurden für den nach fünfjähriger Geiselhaft freigelassenen israelischen Soldaten Gilad Shalit 1027 palästinensische Terroristen auf freien Fuß gesetzt, darunter der jetzige Machthaber des Gazastreifens Yahya Sinwar. Dass nun das israelische Militär nicht allein Sinwar und seine Schergen besiegen, sondern vor allem seine entführten Bürger heimholen will, dass es sich also um eine Geiselbefreiungsoperation handelt, muss Butler, die sich für die Lebenden nicht interessiert, verschweigen und kann von Israels Krieg nur als einer »›Rache‹-Militäraktion« sprechen, in der jeder tote Israeli vergolten werden soll.[10]
Gerade dass Israel weder blindlings tötet noch seine Bürger abschlachten lässt, sondern seine eigene Bevölkerung schützt, dass also die von Israel ausgeübte militärische und politische Gewalt die Kodizes von Humanität, Vernunft und Angemessenheit befolgt, denen sie sich verpflichtet weiß, gilt seinen Feinden als Anmaßung. Dabei ist es Israels Aufgabe, das zu tun, will es sein Versprechen halten können, sicherer Hafen für alle von antisemitischer Gewalt Bedrohten zu sein. Und dabei handelt es sich – anders als beim Einwanderungsrecht – nicht einmal um ein jüdisches Exklusivrecht, sondern um ein Schutzgebot, das gegenüber allen Bürgern, unabhängig von Herkunft und Religion gilt. So befinden sich unter den im Tausch gegen palästinensische Straftäter aus den Fängen der Hamas befreiten Geiseln auch arabische Israelis moslemischen Glaubens. Dieses allgemeine Schutzgebot ist jeder bürgerlichen Staatstheorie nach wesentlich: Im Gegenzug für den partiellen Gewaltverzicht der einzelnen Bürger müssen diese vom Souverän erwarten dürfen, dass er die durch ihn monopolisierte Gewalt einsetzt, um deren Leben, Eigentum und körperliche Unversehrtheit gegen äußere Angriffe zu schützen. Darum hat Israel nicht allein das Recht, sondern die Pflicht zur Selbstverteidigung.
Ob es dieser auch nachkommen kann, hängt nicht zuletzt vom immer widerwilliger geleisteten Beistand der USA ab, wo nicht nur an den Elite-Universitäten Judith Butler und ihresgleichen längst die Deutungshoheit errungen haben. Laut einer aktuellen Studie der Harvard-Universität befürworten es 51 Prozent der 18- bis 24-jährigen Amerikaner, dass die Existenz Israels »aufhören« und das Land »der Hamas und den Palästinensern übergeben« werden soll. In der gleichen Altersgruppe finden 67 Prozent, dass die »Juden eine Klasse von Unterdrückern sind und wie Unterdrücker behandelt werden sollten«.[11]
[1] Judith Butler: Judith Butler über den Terror der Hamas und die Geschichte der Gewalt, freitag.de, 16.10.2023.
[2] Judith Butler: Gefährdetes Leben. Politische Essays, Frankfurt a.M. 2005, 36, 47; dies.: Krieg und Affekt, Zürich u.a. 2009, 76, 78, 92; dies.: Raster des Krieges. Warum wir nicht jedes Leid beklagen, Frankfurt a.M. u.a. 2010, 22.
[3] Dan Diner: Gegenläufige Gedächtnisse. Über Geltung und Wirkung des Holocaust, Göttingen 2020, 7.
[4] Ari Zavit, [Ze‘ev Sternhell]: Amazing Grace, auf: haaretz.com, 6.3.2008 [eigene Übersetzung].
[5] o.A.: Hamas Official Ghazi Hamad: We Will Repeat The October 7 Attack, Time And Again, Until Israel Is Annihilated; We Are Victims – Everything We Do Is Justified, auf: memri.org, 1.11.2023 [eigene Übersetzung].
[6] Palestinian Center for Policy and Survey Research: Press Release: Public Opinion Poll No (90), pcpsr.org/en/node/961, 13.12.2023.
[7] Reinhart Koselleck: Vom Sinn und Unsinn der Geschichte, Berlin 2014, 259.
[8] Butler: Raster des Krieges, 22.
[9] o.A.: Judith Butler and the Normalization of Hamas and Hezbollah within Progressive Social Movements, isgap.org, 18.10.2023 [eigene Übersetzung].
[10] Butler: Judith Butler über den Terror der Hamas und die Geschichte der Gewalt.
[11] Harvard CAPS / Harris Poll: Field Dates: December 13-14, 2023, auf: https://harvardharrispoll.com/wp-content/uploads/2023/12/HHP_Dec23_KeyResults.pdf [eigene Übersetzung].


