Texte zur falschen Zeit

Einige Worte zur neuen Zeitschrift casa | blanca
Foto: © Lukas Sarvari.

Die sture Vernünftigkeit, mit der in fast allen westlichen Staaten und besonders in Deutschland seit Aufhebung auch der letzten Corona-Maßnahmen im vergangenen Jahr zu einer Tagesordnung übergegangen wurde, die als »neue Normalität« nichts mit irgendeinem bürgerlichen Common Sense zu tun hat, ist Ausdruck der Verallgemeinerung eines Wahns. Auch wenn der Anlass, der ihn entfesselt hat, mittlerweile auf mysteriöse Weise verschwunden ist, existiert der Wahn fort und wartet auf eine neue Gelegenheit, sich Ausdruck zu verschaffen. Das Klima, das sich durch die unkonkrete Allpräsenz, die es vom lebensweltlichen Wetter unterscheidet, als panikpolitischer Nachfolger des Virus zu eignen schien, kann diese Funktion offenkundig nur unzureichend erfüllen. Solange die Sommer so wechselhaft sind wie der vorige, solange der Besuch von Freibädern eher wegen der Gewaltbereitschaft ihrer moslemischen Kundschaft als wegen fehlenden Sonnenschutzes Angst bereitet, solange der postbürgerliche Fürsorgestaat seinen Untertanen statt Piekse und Nasenlochpenetrationen nur Bürgergeld und Energiepauschale anzubieten hat – so lange taugt das Klima nicht als Ventil für jene Mischung aus freiwilliger Selbstunterwerfung und offensivem Sadismus, verstocktem Mitmenschenhass und hypochondrischer Neurosenpflege, die Covid-19 bei seinen Genießern so beliebt machte. Wie groß das Bedürfnis ist, trotzdem noch einmal richtig loszulegen, lässt sich daran ablesen, dass sich die propagandistischen Satzbausteine, mit denen vor dem Massentod gewarnt und jeder Skeptiker zum globalen Volksschädling erklärt wird, beinahe gleichgeblieben sind. Undurchdrungene »Fakten«, die mit den Tatsachen, auf die sie sich vermeintlich beziehen, kaum etwas zu tun haben, werden als unwiderlegliche Beweise der eigenen Paranoia bemüht, »die Wissenschaft«, die nicht mehr als fehlbares Medium der Wahrheitserkenntnis, sondern als unfehlbare Instanz bei der Entscheidung aktuell zu verordnender Maßnahmen gilt, fungiert als Abnickaugust für den jeweils erwünschten Status quo. Wer etwas anderes will, wer zu viel fragt oder sich auch nur mit dem vorauseilenden Jasagen zurückhält, ist ein »Leugner« oder mindestens ein »Skeptiker«. Bürgerliche Regierung und bürgerlicher Staat scheinen in den Augen postbürgerlicher Fürsorgeapologeten verschmolzen zu sein. Kritiker von Maßnahmen der Regierung gelten als Staatsfeinde statt wie früher als selbstbewusste Bürger. »Der Wahnsinn, wenn er epidemisch wird, heißt Vernunft«, schrieb der Psychiater und Dichter Oskar Panizza um die vorvergangene Jahrhundertwende. Nicht nur seine Diagnose, auch seine Metaphorik trifft präzise, was sich gegenwärtig vollzieht.

Die Rückbildung der Vernunft zur Selbsterhaltungsagentur der Unvernunft ereignet sich im Westen selbst; sie zu kritisieren, kann nur bedeuten, den Westen im Namen seines eigenen Begriffs zu kritisieren. Der »globale Süden«, der die Exekutoren westlichen Selbsthasses mit politisch korrekt, divers, kultursensibel und linkskommensurabel aufpolierten Erscheinungsformen von Judenhass, Antinationalismus (d.i. Antizionismus), Frauenverachtung und Sippenverherrlichung beliefert, die das kaum verhohlene Vorbild junggrüner »feministischer Außenpolitik« sind, kennt Covid-19 nur als Problem des Westens. Nicht nur, weil es in Afrika bedrohlichere Gesundheitsgefahren gibt als ein Grippevirus; sondern vor allem, weil es sich bei den Corona-Maßnahmen kaum anders als bei den Maßnahmen zur Eindämmung der »Klimakrise« und zur Durchsetzung der »Energiewende« um Programme zur freiwilligen Selbstliquidation des Westens handelt. »Schützen Sie sich und andere«, »Wir bleiben zu Hause«, »Abstand halten«, »kontaktloser Publikumsverkehr«, »grünes Schrumpfen«, »ökologische Fußabdrücke«, »Ernährungsampeln«, »Gender-Ampeln« usw. sind vorerst unkoordinierte, anarchisch und trotzdem autoritär miteinander fusionierte Erscheinungsformen der Selbstzerstörung einer Zivilisation (und es gibt nur eine), die genug von sich selber hat, die das Vergangene als Ballast und jeden Gedanken einer offenen Zukunft als Risiko empfindet, die deshalb endlich Schluss mit sich selbst machen will und deren Klassensprecher sich in größenwahnsinniger Erniedrigung »Letzte Generation« nennen. Nichts von alledem wird dem Westen nur von außen angetan, auch der Durchmarsch islamischer Milieus kann sich nur vollziehen, weil ihm nicht nur kein Einhalt geboten wird, sondern weil er ein ebenso tiefes wie unerhelltes kollektives Bedürfnis nach freiwilliger Unterwerfung bedient.

Der antisemitische Massenpogrom vom 7. Oktober 2023, dem Israelfreunde ebenso wie Antizionisten sogleich attestierten, es habe sich um »Israels 9/11« gehandelt, und der im selben Atemzug, in dem man ihn als »Zivilisationsbruch« qualifizierte, als eben nur besonders aggressive Ausdrucksform des »Nahostkonflikts« kommensurabel gemacht wurde, traf also auf westliche Gesellschaften, die sich in den Jahren zuvor in beängstigender Geschwindigkeit gewandelt und sich selbst und ihren Bürgern demonstriert hatten, dass sie ohne größere Diskussion oder demokratische »Aushandlungsprozesse« bereit sind, ihre Voraussetzungen zu untergraben oder gleich im Handstreich zu kassieren. Neu am 7. Oktober war nicht der über soziale Medien massenwirksam kommunizierte Durchbruch atavistischer Bestialität, der durch die Attentate und Guerilla-Aktionen des IS spätestens seit den Terroranschlägen in Frankreich am 13. November 2015 als etwas, womit jederzeit zu rechnen ist, für jeden sichtbar mitten in die westlichen Staaten getragen worden ist. Neu war erst recht nicht, dass mit Hamas, Hisbollah und Alltagspalästinensern die bevorzugten Pflegefälle deutsch-europäischer Fürsorge für die Abschlachtung israelischer und anderer Staatsbürger verantwortlich zeichneten. Neu vielmehr waren das unkontrollierte Eindringen der Vorkämpfer islamischer Barbarei auf israelisches Staatsgebiet und dessen zeitweise unüberschaubare Infiltration durch Israels Feinde, die nicht reduzierbar sind auf ein oder zwei »Terrororganisationen«, sondern identisch mit dem »palästinensischen« Alltag; neu also war, dass der antisemitische Wahn sich unmittelbar als islamische »Grenzöffnung« und Bedrohung der staatlichen Territorialität Israels bahnbrach. Damit hat sich so deutlich wie nie die innerste Verwandtschaft zwischen Israelhass, »Israelkritik«, Judenhass und antiwestlichem Ressentiment erwiesen, das eins ist mit dem irren Wunsch, alle Grenzen niederzureißen, die überholte westliche Nationalstaatlichkeit »transnational« diffundieren zu lassen und jegliche territoriale Absicherung des Prinzips der Staatsbürgerschaft als nationalistisch, rassistisch, kolonialistisch und rechts zu brandmarken. Indem Israel Krieg führt, um seine Bürger, seine Grenzen und das durch die eigene Staatlichkeit garantierte Prinzip der Freiheit und Gleichheit zu schützen, kämpft es stellvertretend und zunehmend desperat für einen Westen, der alles, wofür Israel einsteht und im Namen des Selbsterhalts einstehen muss, auf seinen eigenen Territorien immer leichtfertiger demontiert.

Eben diese Selbstpreisgabe des Westens hat sich in den vergangenen Jahren mit furchterregender Bereitwilligkeit und Mitmachbereitschaft der Bevölkerung vollzogen. Wer nach drei Jahren sinn- und zweckfrei praktizierter Selbstvermummung, medizinisch ineffektiver Dauerdesinfektion und der massenhaften Renaissance archaischer Grußrituale den Gedanken, dass es zwischen dem Alltagsverhalten von Corona-Sektenmitgliedern und der fortschreitenden Islamisierung des Westens einen objektiven Zusammenhang gibt, noch immer abwegig findet, der ist bis auf weiteres unansprechbar für jede Kritik. Auch bedarf es keiner Beweise, um den Gedanken plausibel zu machen, dass sich im Frühjahr 2020 in den westlichen Staaten ein Durchbruch zivilisationsfeindlicher und antibürgerlicher Impulse ereignet hat, der seither alles betrifft, was in diesen Staaten geschieht. Derlei auszusprechen, weist einen nicht als Feind, sondern als Freund der Zivilisation aus; wer den erbärmlichen Status quo bürgerlicher Staatlichkeit beim Namen nennt, der ist kein Staatsfeind, sondern einer, der den Begriff des Westens ernst nimmt, statt ihn zu instrumentalisieren. Das Buch, dessen Titel viele im Munde führen, ohne es je gelesen zu haben, trägt nicht den Titel: »Apologie der Aufklärung«, sondern: Dialektik der Aufklärung. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno haben den Gegenstand konzis in zwei Sätzen umrissen: »Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde erstrahlt im Zeichen triumphalen Unheils.« Wer den ersten Satz ohne den zweiten liest, versteht ebenso wenig von der Geschichte der Zivilisation und von der Gegenwart als deren Moment wie derjenige, der nur den zweiten liest. Auch jeder der Sätze ist für sich genommen doppelgesichtig: Besteht die einzige Möglichkeit, von den Menschen die Furcht zu nehmen, wirklich darin, sie als Herren einzusetzen, oder steckt in dieser Konsequenz nicht bereits jene Verschlingung von Aufklärung und Herrschaft, auf die Aufklärung reflektieren muss, um nicht blinder Herrschaft zu erliegen? Liegt in der Identifikation von Aufklärung und Fortschritt nicht selbst ein Problem, das beide Begriffe fragwürdig macht? Und was ist damit gesagt, dass die Strahlen des Lichts, Emblem aufklärerischen Denkens, zum Bild für den Triumph des Unheils geworden sind? Solche Fragen, mit denen Adorno und Horkheimer ihr Buch wohlgemerkt begonnen und nicht beendet haben, würden, sofern sie heute jemand stellte, von den Sachverwaltern des verallgemeinerten Wahns als spekulativ, obskurantistisch, verschwurbelt, als Ausdruck mangelnder moralischer Integrität, in letzter Konsequenz: als rechts verleumdet.

Aber der Geist steht weder links noch rechts; nur deshalb ist er Geist. Denken ist die ihrem Gegenstand wie sich selbst treu bleibende Entfaltung des lebendigen Verhältnisses zwischen dem Subjekt und der Wirklichkeit, deren Teil es ist, unreglementierte und gerade deshalb nicht chaotische Erfahrung. Darum macht, wer jeden verächtlich macht, der sich auf Erfahrung beruft, das Denken verächtlich. Und darum schrumpft in historischen Konstellationen, in denen die Möglichkeit solcher Erfahrung sich verschließt, das Denken und bildet sich zurück zu Formen bloßen Reagierens, des Wiederkäuens vorgestanzter Floskeln, der Anklage, der Rationalisierung, Verleugnung, Verteidigung und Diffamierung. An der Sprache wird nicht mehr gearbeitet, weil sie Ausdrucksform von Erkenntnis ist, sondern nur noch, damit sie dem jeweils verordneten Zweck so effizient wie möglich dient. Mit anderen gesprochen wird nicht, um einander zu widersprechen, den anderen zu überzeugen, herauszufordern, zu verführen, oder gar um sich von dem Weg abbringen zu lassen, auf dem man sich sicher glaubt, sondern nur noch, um die eigene und die andere Meinung irgendeiner approbierten Richtung zuzuordnen. Die Neutralisierung des Denkens und Sprechens durch ihre Umlenkung auf digitale Medien, die während der Pandemie nötigende Züge angenommen hat (Online-Tutorials, Online-Vorträge, Zoom-Meetings, »digitales Lernen«), kommt dem Bedürfnis entgegen, sich permanent über alles zu verbreiten, ohne je mit Konsequenzen, mit realen Antworten rechnen zu müssen. Digitale Kommunikation ist Anti-Kommunikation. Wer jederzeit sich und die anderen stumm oder auf Schwarzbild stellen kann, dem ist die jederzeitige Möglichkeit der Annullierung anderer und seiner selbst zur konstitutiven Bedingung jeglichen Austauschs geworden: Ich bin nichtig und Ihr seid nichtig, und wir alle wissen das, deshalb kommen wir miteinander aus.

Insofern waren die letzten vier Jahre eine Epoche kollektiv eingeübter Selbstannullierung von Geist, Erfahrung und Wirklichkeitswahrnehmung, die jedem Einzelnen die eigene Läppischkeit eingebläut hat. Vieles wurde verlernt, vieles vergessen und verramscht: fast immer das Beste statt des Schlechten. Gleichzeitig mit diesem massenhaften Verlernen grundlegender zivilisatorischer Kodizes hat sich in den vergangenen Jahren im Westen, und in spezifischer Ausprägung in Deutschland, eine antibürgerliche und asoziale Form des Regierens durchgesetzt, bei der tatsächliche ebenso wie herbeigeredete Krisen als unhintergehbarer, fraglos zu akzeptierender Mitmachappell instrumentalisiert werden. Die immer neuen Zurichtungsschikanen werden den Einzelnen, die vom Regierungspersonal wie unmündige Kinder und daher wie Untertanen angesprochen werden und sich immer häufiger auch gegenseitig so ansprechen, nicht im Namen grundlegender Bürgerpflichten, sondern eines erpresserischen Zwangs zur kollektiven Für- und Selbstsorge, also zur Entbürgerlichung, auferlegt. Jeder, der zögert, zweifelt oder sich gar verweigert, wird unter Zuhilfenahme von Psychodiagnosen, öffentlichen Schmähungen und politischer Ächtung als unmoralisch, rücksichtslos, narzisstisch, wenn nicht gar als unzurechnungsfähig diskreditiert. Die Indienstnahme des Lernens aus der Geschichte für die jeweils anstehenden Regierungsziele ist dabei eine im veralltäglichten Antifaschismus zum Ausdruck kommende Praxis, die als spezifisch deutsche zu kritisieren ist, auch wenn sie sich transnational verallgemeinert hat. Staat und staatlich outgesourcte Zivilgesellschaft machen den Druck für die Einzelnen nur noch drückender. Die Minimierung wohlfahrtsstaatlicher Interventionen wird als Abbau staatlicher Kontrolle (»Neoliberalismus«) missverstanden, während gleichzeitig die erpresserischen Betreuungs- und Kontrollprozeduren intensiviert werden; der staatliche Zugriff aufs Privateste, Intimste der Individuen vertieft sich, während klassische Staatsaufgaben (Bildung, Soziales, Infrastruktur) geschreddert werden. Vorbild ist ein auf staatskonformer Freiwilligkeit beruhendes Modell biopolitischer Kontrolle, das mit dem Totalitarismus Chinas, das zwar öffentlich als autoritär geschmäht, aber zugleich kaum verhohlen um seine Zugriffsmöglichkeiten aufs eigene Menschenmaterial beneidet wird, mehr gemeinsam hat als seine Verfechter eingestehen. Diese staatlich lancierten, von der Mehrheit der Bevölkerung mitgetragenen und von israelsolidarisch sozialisierten, in diverser zivilgesellschaftlicher Arbeit aber mittlerweile in Äquidistanz geschulten Linken zusätzlich befeuerten Transformationen innerhalb der westlichen Staaten machen vieles von dem, was man als scheinbar selbstverständliches Ensemble »westlicher Standards« zu verteidigen gelernt hat, unselbstverständlich und fragwürdig. Dieser realhistorische Schwundprozess lässt sich weder rückgängig machen oder nach Belieben anhalten noch dadurch bewältigen, dass behauptet würde, er fände gar nicht statt. Es lässt sich aber der Versuch unternehmen, zu begreifen und das heißt: auf den Punkt zu bringen, was gegenwärtig geschieht und wie sich die Wirklichkeit durch das, was geschieht, verändert. Solche Texte zur falschen Zeit werden in casa|blanca künftig erscheinen.

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